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StartseiteKommentare und Themen der WocheWir dürfen die Bilder der Toten nicht vergessen29.06.2019

FlüchtlingspolitikWir dürfen die Bilder der Toten nicht vergessen

Das Bild des toten Flüchtlings Óscar Ramírez mit seiner Tochter erinnert an das Foto des 2015 ertrunkenen Jungen Aylan Kurdi. Doch Europas Regierungen haben vorgesorgt, dass keine neuen Bilder hinzukommen, kommentiert Marc Engelhardt. Es liegt an uns, solche Bilder nicht zu vergessen und zu handeln.

Von Marc Engelhardt

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In Ciudad Juarez zeigen Aktivisten Fotos von Kindern, die beim Versuch, die US-amerikanisch-mexikanische Grenz zu überqueren, gestorben sind. (Mario Tama / Getty Images News / Getty Images)
Fast 150 Menschen sind den UN zufolge seit Jahresanfang alleine an der Grenze zwischen den USA und Mexiko gestorben. (Mario Tama / Getty Images News / Getty Images)
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Der Mann auf dem Foto heißt Óscar Alberto Martinez Ramírez. Der Salvadorianer war 25, als er - auf der Flucht in die USA - in den schlammigen Fluten des Rio Grande ertrank. Seine neben ihm am Flussufer liegende Tochter Valeria wurde nicht einmal zwei. Auf dem Foto liegt noch ihr Arm um den Hals ihres Vaters geschlungen.

Es ist paradox: Wir wissen, dass überall auf der Welt täglich Menschen sterben, weil sie vor Krieg, Gewalt, Unterdrückung, Hunger oder Armut fliehen. Doch erst ein Bild lässt dieses Wissen auf einmal Wirklichkeit werden. Fast 150 Menschen sind den UN zufolge seit Jahresanfang alleine an der Grenze zwischen den USA und Mexiko gestorben, fast einer jeden Tag. Zwei davon haben jetzt Namen: Óscar Ramírez und seine kleine Valeria.

US-Präsident Donald Trump (li.) spricht mit Chuck Schumer, dem Fraktionsführer der Demokraten im US-Senat über den geplanten Mauerbau an der Grenze zu Mexiko.  (MediaPunch)US-Präsident Donald Trump (li.) und Chuck Schumer, dem Fraktionsführer der Demokraten streiten regelmäßig über die Flüchtlingspolitik der USA (MediaPunch)
Parallelen zum Foto von Aylan Kurdi 2015

Auf einmal steht US-Präsident Trump wegen seiner restriktiven Einwanderungspolitik wieder mehr unter Druck. Im Kongress ließ Oppositionsführer Chuck Schumer das Bild der beiden Toten aufstellen und griff Trump frontal an: "Herr Präsident, schauen Sie auf dieses Foto." Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, sprach von einem schockierenden Bild: Jetzt müsse alles getan werden, um Tragödien wie diese künftig zu verhindern.

Ein Bild kann die Welt verändern, oder zumindest die Wahrnehmung, die wir von ihr haben. 2015 war es Aylan Kurdi. Das Bild des zweijährigen Syrers, der tot am türkischen Mittelmeerstrand lag, war wohl ein Auslöser der Willkommenskultur. Zehntausende Deutsche engagierten sich in Kleiderkammern, an Bahnhöfen und in Klassenzimmern, weil sie das Leid der Flüchtenden gesehen hatten. Weil auch sie über Aylan Kurdis Bild geweint hatten.

Das erste Aylan-Kurdi-Graffiti in Frankfurt (dpa/picture alliance/Arne Dedert)Verwendung des Fotomotivs des toten Jungen Aylan Kurdi in einem umstrittenen Graffiti-Kunstwerk in Frankfurt (dpa/picture alliance/Arne Dedert)

Europas haben Regierungen vorgesorgt

Vor einem Jahr rief Tima Kurdi, die Tante des toten Aylan, dazu auf, ihren Neffen nicht zu vergessen. Das Bild solle eine permanente Erinnerung sein für das, was tausende täglich erleiden müssten. Doch Bilder verblassen, und dafür, dass keine neuen hinzukommen, haben Europas Regierungen vorgesorgt.

Wenn Migranten heute auf dem Weg nach Europa leiden oder sterben, sind keine Kameras dabei. 20.000 Umherirrende hat die Internationale Organisation für Migration in den vergangenen drei Jahren in der Sahara gerettet, doch sie schätzt, dass Tausende verdursten und nie gefunden werden.

Im Mittelmeer sind tausende Migranten von der sogenannten libyschen Küstenwache in unmenschliche Massenlager deportiert worden. Mindestens 597 Migranten sind seit Jahresanfang auf hoher See ertrunken. Die private Seenotrettung ist kaltgestellt.

Die nächste Krise kommt bestimmt

Wissen allein reicht offenbar nicht aus, um uns zum Handeln zu bewegen. Auch deshalb besteht Donald Trump so sehr auf seine Mauer, einen gigantischen Sichtschutz, der die Not jenseits der Grenze und die Bilder der Ertrinkenden von den Amerikanern fernhalten soll. Wird das Bild von Valeria Ramírez nun alles ändern?

In Europa jedenfalls hat das Bild von Aylan Kurdi nicht dazu geführt, die Einwanderungspolitik menschlicher zu machen. Das wird sich rächen, spätestens bei der nächsten Krise. Im syrischen Idlib bombardiert das Assad-Regime gerade Krankenhäuser, Schulen und Marktplätze, um die letzten Kritiker loszuwerden.

Drei Millionen Menschen harren dort noch aus, unter ihnen eine Million Kinder. Wenn die befürchtete Großoffensive beginnt, rechnen die UN mit einem Blutbad und einer neuen Massenflucht. Dann wird es wieder schreckliche Bilder geben und vielleicht wieder mehr Mitgefühl. Doch darauf sollten, dürfen wir nicht warten. Es liegt an uns, Bilder wie die von Valeria Ramírez und Aylan Kurdi nicht zu vergessen. Und uns mit dem, was wir wissen, selber ein Bild zu machen. Und zu handeln.

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