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StartseiteEuropa heuteGegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit12.09.2014

Flüchtlingstragödie im MittelmeerGegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit

Bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, sind auch in diesem Jahr schon wieder fast 2.000 Menschen ums Leben gekommen. Regina Catrambone und ihr Mann Christopher aus Malta haben deshalb den ersten privaten Rettungsdienst ins Leben gerufen. Inspiriert hat sie Papst Franziskus.

Von Tilmann Kleinjung

Schlauchboot treibt mit Flüchtlingen aus Afrika auf dem Mittelmeer.  (dpa / Italian Navy Press Office )
Ein Schlauchboot treibt mit Flüchtlingen aus Afrika auf dem Mittelmeer. (dpa / Italian Navy Press Office )
Weiterführende Information

Europa - "Die Menschen dürfen nicht im Mittelmeer untergehen" (Deutschlandradio Kultur, Interview, Hans-Gert Pöttering im Gespräch mit Christopher Ricke, 30.08.2014)
Europäische Union - Wann beginnt endlich Asylpolitik? (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 25.08.2014)
Insel Samos - Kunst und Elend am Mittelmeer (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 07.08.2014)
Flüchtlinge in Griechenland - "Menschen werden hier wie Tiere behandelt" (Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 10.07.2014)
Flüchtlingspolitik - De Maizière mahnt Italien zu besseren Kontrollen (Deutschlandfunk, Aktuell, 08.07.2014)

Regina Catrambone und ihr Mann Christopher sind gläubige Katholiken. Die Worte des Papstes vor einem Jahr auf Lampedusa haben sie sich zu Herzen genommen. Franziskus sprach damals von der "Globalisierung der Gleichgültigkeit" angesichts des Elends der Flüchtlinge. Wenig später sank vor Lampedusa ein Flüchtlingsboot, Hunderte ertranken.

"Wir haben unsere Ersparnisse investiert. Statt ein Haus in Bayern, Österreich oder irgendwo in der Welt zu kaufen, haben wir unser Geld angelegt, um Menschenleben zu retten, Menschen, die sonst im Wasser sterben würden."

Die Italienerin Regina Catrambone will nicht als superreiche Charity Lady gelten. Sie und ihr amerikanischer Mann sind erfolgreiche Unternehmer auf Malta. Das Ersparte haben sie in die "Phoenix" investiert, ein 40-Meter-Schiff, in zwei Drohnen, ein Beiboot und in qualifiziertes Personal. Martin Xuereb ist ehemaliger Kommandeur der maltesischen Streitkräfte. Heute hat er das Oberkommando über die "Phoenix.

"Wir sind bis jetzt insgesamt sieben Tage auf See gewesen. In diesen sieben Tagen haben wir ungefähr 1.000 Personen gerettet."

Die Schwächsten werden zuerst gerettet

Gleich bei der ersten Patrouillenfahrt hat die "Phoenix" ein Schiff in Seenot gesichtet und vom italienischen Koordinierungszentrum in Rom den Auftrag bekommen die Flüchtlinge in dem Holzkahn zu bergen. In diesen Tagen ist auf dem Mittelmeer jeder Helfer willkommen.

"Wir beginnen immer mit den Schwächsten: Kinder, Frauen, schwangere Frauen. Auf diesem Boot hatten wir mehr als 40 Frauen und 50 Kinder, darunter drei bis vier Frauen, die im 9. Monat schwanger waren."

Seit dem Unglück von Lampedusa überwachen große italienische Kriegsschiffe das Mittelmeer. Doch die Marine soll Ende Oktober die Aktion "Mare Nostrum" einstellen. Die Sorge ist groß, dass sich Lampedusa wiederholt, denn die Grenzagentur Frontex ist von ihren Mitteln und Möglichkeiten her kaum in der Lage, die Lücke zu füllen. Martin Xuereb und sein privater Rettungsdienst aus Malta bringen sich als Alternative ins Spiel.

"Es könnte doch eine öffentlich-private Partnerschaft geben und wir haben jetzt mit Phoenix gezeigt, dass ein sofortiger Einsatz von uns aus machbar ist."

Wer nimmt die geretteten Flüchtlinge auf?

Eine wichtige Frage hat die "Phoenix" bislang erfolgreich umschifft. Die Frage, wo die geretteten Flüchtlinge an Land gehen. Bisher haben sich darum größere italienische Marineschiffe gekümmert. Doch mit dem Ende von Mare Nostrum könnte sich auch dieses Problem wieder neu stellen: Wer muss die geretteten Flüchtlinge aufnehmen?

Regina Catrambone: "Wir können uns nicht darum kümmern, wo die Personen landen. Wir können die Koordinierungsstelle in Rom informieren, wir können Fotos schicken, unsere Lage durchgeben und auf Entscheidungen warten oder direkt eingreifen."

Vom kleinen Inselstaat Malta, von dem aus die privaten Retter starten, ist keine große Hilfe zu erwarten. Der setzt bei Flüchtlingsfragen bislang vor allem auf Abgrenzung. 

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