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StartseiteDie verwundete NationFlug in ein Land in der Krise30.03.2011

Flug in ein Land in der Krise

Frankfurt-Tokio in zwölf Stunden

Es gibt beruhigendere Ziele, als ausgerechnet jetzt nach Tokio zu fliegen. Das haben wohl auch andere gedacht. In der normalerweise ausgebuchten Boeing 777 sind rund 40 Sitzplätze frei. An Bord der Maschine: vor allem japanische Männer. Viele tragen einen dunklen Anzug zu hellem Hemd, die meisten, so scheint es, waren geschäftlich in Europa und fliegen nun zurück in die Heimat.

Von Silke Ballweg

Will japanischen Schülern Englisch beibringen: Itsuki Kitani (Silke Ballweg)
Will japanischen Schülern Englisch beibringen: Itsuki Kitani (Silke Ballweg)
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Schon kurz nach dem Start haben sich die meisten in ihre Decken gewickelt. Mit einem Kopfhörer auf den Ohren starren sie auf den Bildschirm vor sich. Einige haben die Lederschuhe gegen mitgebrachte Pantoffeln eingetauscht. Das Bordprogramm zeigt unter anderem "Black Swan", eine Harry Potter-Verfilmung und "The Social Network", den neuen Film über die Online-Plattform Facebook. Abgesehen von den Motorengeräuschen ist es in der Kabine relativ ruhig, wie meist auf einem Flug nach Japan. Doch niemand hier kann sich wohl freimachen von der Frage, ob es gefährlich sein könnte, in ein paar Stunden in Tokio aus dem Flugzeug zu steigen.

45 C ist der Sitzplatz von Itsuki Kitani. Der 33 Jahre alte Japaner reist zurück zu seiner Familie. Er ist beunruhigt: "Das Wasser soll kontaminiert sein. Und das Kernkraftwerk ist noch immer außer Kontrolle, die Radioaktivität steigt jeden Tag an", sagt der 33-Jährige. "Naja, und deswegen mache ich mir auch Sorge und ich frage mich, ob ich Reis essen kann, Gemüse, Tiere, was man überhaupt essen soll."

Kitani steckt in einer dunkelblauen Jeans und einem weißen Hemd, darüber ein grauer Strickpulli. Er trägt eine schwarze Hornbrille und wirkt – wie so viele Japaner – auf eine lässige Art gepflegt gekleidet. Dreieinhalb Jahre lang hat er in England an seiner Doktorarbeit geschrieben. Die wurde endlich vor einer Woche fertig. Bereits da wollte er direkt zurück zu seiner Familie. Aber die riet ihm ab:

"Meine Eltern sagten, ich solle wegbleiben von Japan, also habe ich noch eine Woche in Deutschland verbracht. Aber leider verschlimmert sich die ganze Angelegenheit in Fukushima ja von Tag zu Tag, und deshalb hatte ich keinen Grund mehr, jetzt nicht nach Japan zu kommen. Denn zum Guten scheint sich die Situation insgesamt ja nicht zu wenden."

Die Nachrichten vom Erdbeben und von dem gigantischen Tsunami verfolgte Kitani am 11. März in England: "Ich habe geweint, als ich die Bilder sah, ich habe die Gegend gut gekannt. Es war eine ländliche Region, und es war so traurig zu sehen, dass diese Tsunamiwelle alles mit sich riss und unter schwarzem Schlamm begrub", sagt der sympathisch wirkende Japaner. "Weg von zu Hause fühlte ich mich so hilflos, weil ich gar nichts tun konnte."

Ein Steward erzählt während des Fluges, dass normalerweise 30, 40 Ausländer mit nach Tokio fliegen. Doch zwischen all den Japanern bin ich die einzige Europäerin. Auch die Crew bleibt nicht in Tokio. Die Flugbegleiter fliegen direkt weiter und verbringen die Nacht in einem Hotel in Osaka. Ein Anflug von Panik macht sich in mir breit. Hatte ich nicht noch am Flughafen in Frankfurt die deutschen Fernsehbilder gesehen, die vor "Strahlenalarm in Japan" warnten? Doch dann beruhige ich mich wieder: In Tokio will ich Freunde und Bekannte treffen und außerdem erleben, wie die Japaner mit der Katastrophe umgehen. Auch Itsuki Kitani fliegt mit einer klaren Bestimmung jetzt zurück, er will den Menschen Mut machen:

"Ich will japanischen Schülern Englisch beibringen, denn die junge Generation ist die Hoffnung des japanischen Volkes. Ich will ihnen helfen, unabhängig zu werden und einen eigenen kritischen Geist auszubilden. Mit Englisch kommen sie besser in der Welt zurecht, und sie können sich trauen, auch mal im Ausland zu studieren. Ich bin so froh, dass ich diese Erfahrung machen konnte, und ich will sie auch anderen ermöglichen. Das ist meine Art, Hilfe beizusteuern."

Dass Kitani selbst ein gesundheitliches Risiko eingeht, sollte er in einigen Wochen tatsächlich in der Nähe von Fukushima zu unterrichten beginnen – diesen Einwand wischt er lachend mit der Bemerkung beiseite, Japaner würden sowieso immer 100 Jahre alt, wenn er da 30 Jahre früher stürbe, sei das doch immer noch ein langes Leben. Doch dann wird er wieder ernst und in sich gekehrt, und nach einer kurzen Pause meint er schließlich:

"Es ist sehr symbolisch. 1945 wurden zwei Atombomben auf Japan abgeworfen, damals sind mehr als 100.000 Menschen gestorben. Jetzt hat der Tsunami 30.000 Menschen in den Tod gerissen, und wir haben schon wieder hohe Radioaktivität."

Die jetzige Situation ähnele der von damals, auch heute sehe die Zukunft nicht gut aus:

"Es ist eine zweite Stunde Null für Japan. Und jetzt müssen wir uns wieder zusammenschließen und die Katastrophe gemeinsam überstehen. Aber es ist auch eine Chance für einen Neuanfang. Genauso wie nach dem Krieg, als man das Land ganz neu aufgebaut hat. Ich glaube, dass die Japaner die Kraft haben, das zu tun. Und ich will auch meinen dazu Beitrag leisten."

Während des Fluges nicken wir zwischendurch ein, dann blättern wir wieder in Zeitungen. Jede Unterhaltung endet unweigerlich bei der Sorge vor der Strahlenbelastung in Japan. Nach fast zwölf Stunden landet unsere Maschine schließlich pünktlich in Tokio: Ankunft in einem Land in der Krise.

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