Freitag, 02. Dezember 2022

13. Oktober 1927
Als Flugpionierin Ruth Elder im Atlantik notlandete

Amelia Earhart ging in die Geschichte ein als die erste Frau, die den Atlantik im Alleinflug überquerte. Doch Ruth Elder war die erste Frau, die das gewagt hatte. Und fast wäre es ihr gelungen. Sie wurde zum Weltstar, bevor Earhart sie überstrahlte.

Von Ulrike Rückert | 13.10.2022

Flugpionierin Ruth Elder fotografiert im Oktober 1927,  kurz vor dem Start zu ihrem Versuch, über den Atlantik zu fliegen.
Flugpionierin Ruth Elder im Oktober 1927 kurz vor dem Start zu ihrem Atlantik-Flug-Versuch (imago stock&people / imago stock&people)
„Ich arbeitete als Stenotypistin für 27,50 Dollar die Woche und dachte mir, ich könnte viel mehr Geld machen, wenn ich über den Ozean fliegen könnte. Lindbergh hat es getan. Warum nicht ich?“
Ruth Elder aus einer Kleinstadt in Florida war 24 Jahre alt, als Charles Lindbergh im Mai 1927 von New York nach Paris flog, über Nacht zum Superstar wurde und einen Hype auslöste. Dutzende Piloten verschiedener Nationen versuchten, ihn zu übertreffen, aber sie waren doch Nachahmer. Als erste Frau über den Atlantik zu fliegen, wäre eine neue Sensation. Leider waren ihre Flugkünste begrenzt, aber sie tat sich mit ihrem Fluglehrer George Haldemann zusammen. Ruth Elders Name war schon in ganz Amerika bekannt, als sie im September mit einem orange lackierten Eindecker in New York einschwebte, dem Startpunkt für Atlantikflüge.
„Miss Elder auf Flugplatz von Menge verfolgt! Kleine Mädchen folgen ihr überallhin. Gekleidet in Knickerbocker und weißes Männerhemd, trägt sie ihr Haar mit buntem Tuch zurückgebunden.“

Zu viele waren bei den Ozeanflügen schon umgekommen.

„Flying Flapper“ nannten sie die Reporter. Flapper - das waren die modernen jungen Frauen, die Shimmy tanzten, kurze Haare trugen und sich schminkten. Kaum ein Reporter vergaß, Ruth Elders Lippenstift zu erwähnen. Ihr Flugzeug hieß „American Girl“ – der Name war Programm. Die Konkurrenz war groß. Elf andere Teams waren startbereit, auf beiden Seiten des Atlantiks. Während sie alle auf das richtige Wetter warteten, schlug der Enthusiasmus der Öffentlichkeit um. Zu viele waren bei den Ozeanflügen schon umgekommen. Immer mehr Teams gaben auf, aber nicht Ruth Elder.
„Bedenken Sie, was ich haben werde, wenn ich es schaffe! Ich werde alles haben. Ich denke, es ist das Risiko wert. Wenn ich gewinne, bin ich ganz oben. Wenn ich verliere – nun ja - habe gelebt, und das war’s dann.“

Eisregen und Druckabfall

Kurz entschlossen starteten sie und George Haldemann an einem Oktobernachmittag, trotz des starken Gegenwinds. Zunächst ging alles gut, doch am zweiten Abend flogen sie in ein Unwetter hinein. Die Böen warfen das Flugzeug herum, Eisregen verkrustete auf den Tragflächen, die Steuer waren kaum noch zu bewegen. Dann waren sie heraus aus dem Sturm, doch nun sank stetig der Druck in der Ölleitung. Der Motor klopfte bedrohlich. Da - im ersten Tageslicht des 13. Oktober - entdeckte Ruth Elder ein Schiff! Haldemann setzte das Flugzeug nahe dem Dampfer in die brodelnde See. Wasser rauschte in die Kabine, sie kämpften sich hinaus und klammerten sich an die Tragflächen. Matrosen in einem Boot fischten sie aus dem Meer.
„Als sie auf das Deck trat, nass und mit am Kopf klebenden Haaren, dankte sie mir sehr höflich und holte dann Spiegel und Lippenstift aus einer Tasche, um den Schaden an ihrem Make-up zu beheben.“

Im Triumphzug um die Welt

So zitierte ein Reporter den Kapitän. Der Dampfer setzte Ruth Elder und George Haldemann auf den Azoren ab. Mit Postdampfer, Eisenbahn und Flugzeugen schlugen sie sich nach Paris durch. Es war eine Triumphreise, von der die Presse täglich berichtete
„Lissabon öffnet die Arme für Fliegerin! Flugzeuge werfen Blumen ab! Studenten breiten ihre Talare als Teppich aus! Begrüßt von Portugals Präsident!“

Konfettiparade auf dem Broadway

Sie wurden gefeiert, als hätten sie ihr Ziel erreicht. Immerhin hatten sie einen neuen Rekord aufgestellt, für den längsten Flug über offene See. Also hieß es auch: „Paris begrüßt Fliegerin! Frauen durchbrechen Barriere, um Ruth Elder zu küssen!“
Eine Woche lang wurde sie von einem feierlichen Empfang zum nächsten gereicht. Bei der Rückkehr nach New York bekamen sie die Heldenbegrüßung mit Konfettiparade auf dem Broadway. Die Reporter fragten Ruth Elder, ob sie nun wieder für ihren Ehemann die Teller spülen werde.
„Frauen können viele Dinge tun, und Ehemänner und Heime und Familien sollten das nicht einschränken. Ich habe viele Teller gespült, und ich habe nicht die Absicht, dazu zurückzukehren.“
Der Ehemann reiste allein ab. Ruth Elder war Ehrengast beim Ball des Zeitungsbarons William Randolph Hearst und wurde mit anderen Ozeanfliegern ins Weiße Haus eingeladen. Für eine Tournee mit Vorträgen über ihren Flug kassierte sie hunderttausend Dollar. Sie spielte Hauptrollen in zwei Kinofilmen. Zum Superstar wurde sie dennoch nicht. Das wurde erst Amelia Earhart, die 1928 als erste Frau über den Atlantik flog.