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StartseiteEuropa heuteOffene Wunden vor Gericht06.12.2018

Flugzeugabsturz von SmolenskOffene Wunden vor Gericht

Ex-Präsident, Lech Walesa, hat dem PiS-Vorsitzenden, Jarosław Kaczyński, eine Mitverantwortung für den Absturz der polnischen Regierungsmaschine angelastet. Kaczyński, der bei der Tragödie von Smolensk 2010 auch seinen Zwillingsbruder verlor, klagte.

Von Florian Kellermann

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Jaroslaw Kaczynski vor einem Schwarz-Weiß-Bild seines Bruders Lech Kaczynski und dessen Frau (picture alliance / dpa)
Jaroslaw Kaczynski vor einem Schwarz-Weiß-Bild seines Bruders Lech Kaczynski und dessen Frau (picture alliance / dpa)
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Mitunter mutete der Prozess der beiden Politiker unfreiwillig komisch an. Vor der Hauptverhandlung standen sie eng aneinander gedrängt im Blitzlichtgewitter, zum ersten Mal seit vielen Jahren. "Sie waren mein großer Fehler", sagte Lech Wałęsa. "Nein, sie waren meiner und meine Schande", entgegnete Jarosław Kaczyński. Ex-Präsident Lech Wałęsa führte seine Worte aus:

"Die Brüder Kaczyński waren mir sehr gute Mitarbeiter, hervorragend sogar, solange sie das ausgeführt haben, was ich ihnen befohlen habe. Aber kaum haben sie selbständig gehandelt, haben sie schwere Fehler gemacht. Das sehen wir heute deutlich."

Jarosław Kaczyński schmunzelte einen kurzen Augenblick lang. Doch in Wahrheit war die Szene alles andere als komisch. Der derzeit mächtigste polnische Politiker, der Vorsitzende der Regierungspartei PiS, verklagt den bis heute bekanntesten Volksvertreter. Schließlich gilt Lech Wałęsa weltweit als polnische Ikone, als Mann, der zum Sturz der kommunistischen Systeme in Osteuropa beitrug.

Trauer bis heute

Es geht um den Flug einer polnischen Regierungsmaschine vor knapp neun Jahren, die bei Smolensk in Russland abstürzte. Alle 96 Passagiere starben, darunter der damalige Staatspräsident Lech Kaczyński, der Zwillingsbruder von Jarosław Kaczyński. Dieser sagte bei der Verhandlung:

"Der Beklagte hat wiederholt behauptet, dass ich bei einem Telefongespräch während des Flugs meinen Bruder angewiesen hätte, unter allen Umständen in Smolensk zu landen. Das ist unwahr, wir haben über den Gesundheitszustand unserer Mutter gesprochen. Mir wurde also vorgeworfen, dass ich das Leben nicht nur meines Bruders nicht geachtet hätte, sondern auch anderer Personen, die mir sehr nahestanden - und das ist in höchstem Maße unangenehm."

Lech Walesa dürfte wohl wissen, dass es im Leben von Jarosław Kaczyński keine größere Tragödie gibt als den Tod seines Zwillingsbruders. Bis heute trägt er aus Trauer stets eine schwarze Krawatte. So verdeutlicht der Prozess den tiefen Spalt im bürgerlichen Lager in Polen, zwischen Menschen, die in der Solidarność-Bewegung der 1980er Jahre einst Schulter an Schulter standen. Der Politologe Bartłomiej Biskup:

"Die beiden haben vor allem nach der demokratischen Wende zusammengearbeitet, Anfang der 1990er Jahre. Lech Wałęsa war Präsident und Jarosław Kaczyński Minister in seiner Kanzlei. Zwei Jahre dauerte die Zusammenarbeit. Die Kaczyński-Brüder warfen Lech Wałęsa vor, er habe sie als Werkzeuge missbraucht, um an die Macht zu kommen - um sich danach ihrer zu entledigen."

Erst zusammen, dann getrennt

Jarosław Kaczyński hatte in der Tat erheblichen Anteil daran, dass Lech Wałęsa 1990 die Präsidentschaftswahl gewann. Sein Konzept eines aggressiven Wahlkampfs ging auf. Die beiden zerstritten sich über die Aufarbeitung der kommunistischen Zeit. Die Kaczyński-Brüder forderten, der Staatsapparat müsse von ehemaligen Agenten des Geheimdiensts gesäubert werden. Lech Wałęsa war mit den dazu vorgeschlagenen Methoden nicht einverstanden. Später kamen die Vorwürfe gegen Lech Wałęsa hinzu, er habe in den 1970er Jahren selbst für den Geheimdienst gearbeitet, also vor der Solidarność-Zeit, Vorwürfe, die Lech Wałęsa bestreitet, so erneut bei der jüngsten Gerichtsverhandlung:

"Ich war nie ein Agent. Die Kaczyński-Brüder haben das behauptet, um meinen Ruf als Anführer der Solidarność zu beschädigen, damit künftig nicht mir, sondern ihnen Denkmäler gebaut werden."

Dass Lech Wałęsa für den Geheimdienst arbeitete, sehen jedoch auch Historiker als belegt an, die nicht zum Lager von Kaczyńskis Partei PiS gehören. Der damalige Streit verursachte einen Riss, der bis heute mitten durch das ehemalige Solidarność-Lager geht. Die Flugzeugkatastrophe in Smolensk, für die sich die beiden Seiten gegenseitig mitverantwortlich machen, vertiefte ihn nur noch. Selbst wenn Jarosław Kaczyński also heute Recht bekommt: Eine ehrlich gemeinte Entschuldigung von Lech Wałęsa wird er nicht hören.

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