FluthilfeZwischen Dankbarkeit und verlorenem Vertrauen

Die Menschen in den Flutgebieten vom Juli 2021 hätten viel Solidarität und Unterstützung erfahren, gleichzeitig sei aber mit dieser Katastrophe auch Vertrauen in den Staat verloren gegangen, kommentiert Felicitas Boeselager. Dieses Vertrauen müsse die Politik im kommenden Jahr dringend wiederaufbauen.

Von Felicitas Boeselager | 30.12.2021

Ein Traktor fährt durch das Ahrtal bei Altenahr, um dort Schutt zu laden, den die Flut hinterlassen hat.
Auch nach Monaten reißt die Solidarität von Freiwilligen mit den Menschen in den Flutgebieten nicht ab (picture alliance/dpa)
Für die Menschen in den Flutgebieten hat im Juli 2021 eine neue Zeitrechnung begonnen. Ihre Geschichten und Erinnerungen teilen sich seitdem in die Zeit vor und nach der Flut. Hinter ihnen liegen Monate in denen viel Vertrauen verloren gegangen ist. Vertrauen darauf, dass man in den eigenen vier Wänden sicher ist. Vertrauen darauf, dass Rettung naht, wenn man in Not gerät. Und Vertrauen darauf, dass der Staat handlungsfähig bleibt in Zeiten der Katastrophe.
Fünf Monate nach der Flutkatastrophe im Ahrtal: Interview mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) (24.12.21)
Auf der Suche nach Schuldigen und nach Ventilen, um den Frust abzulassen ist nicht jede Kritik gerechtfertigt, doch bleibt bei vielen Menschen das Gefühl, vom Staat allein gelassen worden zu sein. Hier entsteht ein gefährliches Vakuum, dass die Politik im kommenden Jahr dringend füllen muss.

Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen

Die Bearbeitung der Wiederaufbauhilfen muss beschleunigt und der Hochwasserschutz koordiniert geplant werden. Es ist gewiss keine leichte Aufgabe, den Wünschen der Bevölkerung nach schnellem Wiederaufbau entgegen zu kommen und gleichzeitig kluge neue Bauweisen zu implementieren, neues Baugebiet auszuweisen ohne noch mehr Flächen zu versiegeln und eine gemeinsame Hochwasserstrategie zu entwickeln. Aber all das muss gelingen, wenn das Vertrauen der Betroffenen zurückgewonnen werden soll.
Und hier muss es um ein ehrliches Ringen um Lösungen gehen. Die Menschen merken sofort, wenn es Politikerinnen und Politikern nur um sich selbst geht – wozu der NRW-Wahlkampf in den nächsten Monaten verleiten könnte.
Aber in der Zeit nach der Flut ist nicht nur Vertrauen zerstört worden. An Ahr, Erft, Rur, Swist und in all den anderen Flutgebieten haben viele Menschen eine große Solidarität erlebt, die bis heute anhält. Viele Betroffenen sind der festen Überzeugung, dass ihre Dörfer immer noch voll Schlamm wären, wenn nicht die zahlreichen freiwilligen Helfer über Monate beim Aufräumen und Entkernen ihrer Häuser geholfen hätten. Noch immer erreichen zahlreiche Spenden die besonders betroffenen Gebiete. In ganz Deutschland haben sich Gruppe zusammengetan, nur mit dem Zweck den Menschen in den Flutgebieten zu helfen. Die große Angst der Betroffenen, vergessen zu werden, hat sich jedenfalls bis heute nicht bewahrheitet.
Wenn also dieser Tage immer wieder von einem Spalt, einem Riss oder einer Zersplitterung der Gesellschaft die Rede ist, dann zeigt sich in den Flutgebieten ein anderes Bild: Die Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt an diesen Orten ist zwar nicht so laut und nicht so schrill, wie viele Diskussionen, die die Öffentlichkeit zurzeit bewegen, aber auch sie gehören zur neuen Zeitrechnung dazu.
Felicitas Boeselager, Landeskorrespondentin Bremen
Felicitas Boeselager (© Deutschlandradio/ B. Fürst-Fastré)
Felicitas Boeselager ist Landeskorrespondentin in NRW. Die gebürtige Rheinländerin studierte Geschichte und Literatur in München, lernte Videojournalismus und war unter anderem für den Bayerischen Rundfunk tätig. Sie war seit August 2018 Landeskorrespondentin für Deutschlandradio in Bremen, zuvor als Redakteurin in der Abteilung Hintergrund im Deutschlandfunk und als Volontärin im Deutschlandradio tätig.