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StartseiteCorsoKreuzweg der Geräusche04.11.2014

FM EinheitKreuzweg der Geräusche

Als Klangberserker bei den Einstürzenden Neubauten hat er Musikgeschichte geschrieben, als Solokünstler malträtiert er seit fast 40 Jahren allerlei Gerätschaften aus Industrie und Alltag, holt Klangrhythmen aus überdimensionalen Stahlfedern. Nun hat sich FM Einheit die Stadt München als Instrument zu Eigen gemacht.

Von Andi Hörmann

"Mufti, so nennen mich die meisten..."

Mufti für Freunde, FM Einheit als Musiker, mit bürgerlichem Namen Frank-Martin Strauß - viele Namen für einen Künstler, doch nur wenige Genres bezeichnen sein aktuelles Projekt.

"Es ist kein Theaterstück, es ist eher eine Art Installation. Es ist auch kein Konzert. Für ein Hörspiel fehlt einfach die Sprache."

Monatelang ist FM Einheit durch München flaniert - das Mikrofon in der Hand, die Kopfhörer auf den Ohren. So hat er die Stadt klanglich kartografiert. Die quietschenden Schienen am Rangierbahnhof im Münchner Norden, der tosende Autoverkehr auf dem Altstadtring, die klirrenden Maßkrüge im Biergarten - München wie es klingt und macht, Stadtgeräusche als Field Recordings, im Studio werden sie zum Instrument des Experimentalmusikers.

"Ich war so knapp drei Monate unterwegs und hab immer mein neugieriges Ohr irgendwo reingesteckt. Hab dann stundenlang gehört. Meistens sind dann Sequenzen von ein paar Sekunden übrig geblieben, die für mich musikalisch interessant schienen."

"Als ich die Isar aufgenommen habe ist da so eine Art Shanty draus geworden - durch das Zusammenspiel von dem Wasser und aus der Ferne die Autos. Und wenn du das dann in eine Form bringst, fängt das plötzlich an zu singen. Natürlich ist es ein komischer Klang. Der ist einem erst mal fremd, aber mit der Zeit wird es dann ... Ich weiß nicht, ein Shanty."

Man sieht sie förmlich vor dem inneren Auge: die trunkenen Seemannschöre, die verführenden Sirenengesänge, wie sie aufsteigen aus den Wellen der Isar. FM Einheit bringt sie in eine musikalische Form.

"Die Isar ist erstmal ein C. Und das was ich eben als Shanty bezeichnet habe ist C, Dis, F. Dis, C. Da-da-di-da-da..."

Aus unzähligen Stunden Geräuschmaterial von endlosen Spaziergängen durch München hat FM Einheit mit "The Munich tapes" nun ein Hörstück für die Bühne komponiert: "Sounds behind the city", so der Untertitel - quasi die Klangarchitektur hinter der Stadt München, jenseits des soziokulturellen Schmelztiegels.

Wenn Geräusche zu Musik werden

"Du kannst sofort sagen wie eine U-Bahn in Berlin klingt oder wie eine U-Bahn in München klingt. Die klingen einfach anders: die Bremsen sind anders, die Motoren sind anders, die Architektur ist anders."

Die Bühnenbildnerin Stephanie Geiger inszeniert "The Munich tapes" mit einem reduzierten Bühnenbild. Die Choreografin Rica Blunck lässt das Münchner Kindl tanzen - als Stichwortgeber zu den einzelnen Stücken. Eine Pinkelrinne aus blankem Edelstahl dient als eine von wenigen Requisiten.

"Das ist für mich irgendwie das Sinnbild der Wies'n. Piss-Rinne. Ein Metallteil, nichts Besonderes."

Und dann gibt es da noch als musikalisches Element den gespannten Stahldraht - bearbeitet mit Geigenbogen und Bohrmaschine:

"Für mich ist das alles Musik, andere sagen: das ist einfach nur Netzbrummen."

Den dramaturgischen Höhepunkt in seinem Klangbild von München findet FM Einheit in der Karfreitagsprozession - eine Art Punk-Meditation, eine akustische Höllenfahrt.

"Ich bin auch sehr katholisch erzogen worden und habe mich mein ganzes Leben damit beschäftigt, mich dagegen zu wehren. Da musste ich irgendwie mit den Katholiken abrechnen."

FM Einheit hat mit "The Munich tapes" einen Kreuzweg der Geräusche geschaffen - in zehn Stationen, subtil mit Tönen untermalt. Das Unbehagen der emotionalen Klangbilder kriecht in die Gehörgänge, der Puls der Stadt pocht im öffentlichen Raum und die Spannung entsteht in den Momenten, wenn das Geräusch zur Musik wird - wenn etwa die Chöre aus den Isar-Wellen steigen oder die Sendemasten auf dem Olympiaturm zum elektronischen Orchester mutieren - durch bloße Störgeräusche beim Aufnehmen. Doch man muss schon sehr genau hinhören, um die Bilder auch zu sehen.

"Zwangsläufig entstehen Bilder, du versuchst das einfach zu fassen: Was ist das? Was sind das für Geräusche? Wo sind die her?"

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