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StartseiteUmwelt und VerbraucherPer Pedes statt mit PS durch Leipzig 11.10.2018

Förderung des FußverkehrPer Pedes statt mit PS durch Leipzig

Jede fünfte Autofahrt in der Stadt ist kürzer als zwei Kilometer. Eine kurze Strecke, die auch zu Fuß gut machbar wäre. Die Stadt Leipzig versucht nun, den Fußverkehr attraktiver zu machen. Und hat sogar einen Fußverkehrverantwortlichen. Eine bundesweit einmalige Stelle.

Von Max Heeke

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Eine Straßenbahn verlässt den Haltestellenbereich vor dem Hauptbahnhof in Leipzig. (picture alliance / Jan Woitas)
Lieber zu Fuß als mit dem Auto: Leipzig möchte, dass mehr Menschen laufen (picture alliance / Jan Woitas)
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Bertram Weisshaar ist leidenschaftlicher Fußgänger. Der Leipziger hat seine Passion zum Beruf gemacht: Er ist Spaziergangswissenschaftler und erkundet, wie wir beim Gehen die Räume um uns herum wahrnehmen. Gerade in der Stadt liegen beim Zufußgehen Lust und Frust eng beieinander:

"Wir stoßen auf eine Baustelle und der Gehweg ist gesperrt. Wir müssen die Straßenseite wechseln, es ist so eine Bordsteinabsenkung temporär eingerichtet. Aber was jetzt noch mal witzig ist, genau auf der Mitte dieser temporär eingerichteten Bordsteinabsenkung steht ein Betonpfosten, wo die temporäre Fußgängerampel installiert ist. Also man stelle sich das vor, man würde so mit der Fahrbahn umgehen, dass man die Ampel für die Autofahrer mitten in die Fahrbahn stellt."

Beim Bau dieser Baustelle hat irgendjemand unzureichend an die Belange der Fußgänger gedacht. Das soll in Leipzig zukünftig nicht mehr passieren. Dafür ist Friedemann Goerl zuständig: Seit Anfang des Jahres bekleidet der 28-Jährige das Amt des Fußverkehrsverantwortlichen der Stadt Leipzig, eine bundesweit einzigartige Stelle. Seine Arbeit beschreibt er bevorzugt im Gehen:

"Wenn eine neue Straße geplant wird, dann ist es so, dass alle möglichen Ämter beteiligt werden und dann bekomme ich auch die Pläne auf den Tisch gelegt und schaue aus der Brille des Fußverkehrs und bei sehr vielen Sachen, gibt es tatsächlich Sachen, wo ich Anmerkungen bringe, die auch in die Planungen miteingeflossen sind. Das sind manchmal kleine Dinge wie fehlende Bordsteinabsenkungen, die für manche Menschen schon unüberwindbare Hindernisse darstellen."

Leipzig will Stadt der kurzen Wege werden

Goerls Aufgabe ist es, eine Strategie für den Fußverkehr zu erarbeiten und damit das Gehen und die Stadt Leipzig attraktiver zu machen. Dazu gehört die richtige Infrastruktur wie Bordsteinabsenkungen, guter Straßenbelag und Querungsmöglichkeiten. Es geht aber auch um Ziele in erreichbarer Nähe. Die Vision für Leipzig ist die einer Stadt der kurzen Wege. Bürgerinnen und Bürger sollen viele Orte, die für das tägliche Leben wichtig sind, bequem zu Fuß erreichen können.

Das Potential für den Fußverkehr sei schon heute in vielen Städten Deutschlands gegeben, sagt die Verkehrsexpertin Katrin Dziekan vom Umweltbundesamt in Dessau:

"Es ist so, dass 22 Prozent der Autofahrten in innerstädtischen Gebieten unter zwei Kilometer sind, also das ist ganz klar eine Entfernung, die man locker zu Fuß gehen kann, da lohnt es sich gar nicht, den Motor anzulaufen und mit einem kalten Motor ganz viele Schadstoffe auszublasen. Man könnte viel besser diese zwei Kilometer bequem zu Fuß laufen, und würde Zeit sparen, Geld sparen, was für seine Gesundheit tun und außerdem noch die Luft weniger belasten."

Wer per pedes unterwegs ist, schützt die Umwelt und fördert seine Gesundheit. Der Anteil der zu Fuß zurück gelegten Wege ist in den vergangenen Jahren allerdings leicht gesunken, wie eine aktuelle Erhebung des Bundesverkehrsministeriums zeigt. Für die Studie "Mobilität in Deutschland" wurden Bürgerinnen und Bürger zu ihrem alltäglichen Verkehrsverhalten befragt: 22 Prozent der Wege legen sie demnach zu Fuß zurück, 2008, bei der letzten Studie, waren es noch 24 Prozent. Der Anteil der mit dem Auto zurück gelegten Wege liegt konstant bei 43 Prozent. Auch vor diesem Hintergrund arbeitet das Umweltbundesamt an einem Leitfaden für den Fußverkehr, der an die Bundesregierung adressiert ist, erklärt Verkehrsexpertin Katrin Dziekan: 

"Das könnten fußverkehrsfreundliche Mischflächen sein, die da festgelegt werden, aber auch durchaus das Thema Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts, weil eine insgesamt Minderung von Tempo zu einem sicheren Verkehrsverhalten führen kann. Und ein weiteres Handlungsfeld ist, dass man dringend auch Gelder zur Verfügung stellt und durchaus auch Personal, auch auf Bundesebene, die sich dieses Themas annehmen und die Wichtigkeit auch in der aktuellen Verkehrspolitik verankern."

Fußverkehr mit Coolnessfaktor belegen

Neben politischen Rahmenbedingungen seien aber auch Bürgerinnen und Bürger selbst gefragt, mehr zu Fuß zu gehen, sagt der Leipziger Fußverkehrsverantwortliche Friedemann Goerl. Und stellt Parallelen zum Radfahren her:

"Um Radverkehr zu promoten, geht es nicht nur darum ein paar Striche auf die Straße zu malen, sondern dieser ganze Trend, der in den letzten zwanzig Jahren abgelaufen ist, ist das Fahrrad mit einem Coolnessfaktor zu belegen, dass sozusagen das Rennrad der neue Sportwagen ist. Jetzt ist die Frage, was macht man beim Fußverkehr, um den Fußverkehr attraktiv zu machen? Das ist erst mal nicht so einfach, weil man nichts hat, was man verkaufen kann. Aber viel wichtiger ist da, die Message zu transportieren, dass es da um Lebensstil geht."

Ein Lebensstil, der klimaschonend, platzsparend und gleichzeitig gesund ist.

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