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Startseite@mediasresSchweizer TV-Aus ärgert deutsche Nachbarn09.04.2019

Folge von "No Bilag"-InitiativeSchweizer TV-Aus ärgert deutsche Nachbarn

Bald schaltet die Schweiz ihre terrerstischen Fernsehender ab. Das bedeutet, dass es auch in den Kabelnetzen des deutschen Grenzgebietes die Programme nicht mehr geben wird. Dieses Ende einer Ära im Süden Baden-Württembergs wird von lautstarken Protesten begleitet.

Von Thomas Wagner

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Das Hotel Kurhaus in Bergün in der Schweiz. (dpa / picture alliance / Christiane Oelrich )
Kritiker der SRG-Pläne finden: Ohne Schweizer TV in deutscher Grenzregion fehlt Draufsicht auf deutsche Politik aus Perspektive eines deutschsprachigen Nachbarlandes (dpa / picture alliance / Christiane Oelrich )
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"Zehn vor Zehn": So heißt die beliebte Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehens SRF. Wie fast jeden Abend hat der Konstanzer Konrad Frommer, Anfang 70, den Kanal "SRF 1" der Schweizer Nachbarn eingeschaltet. "Ich habe sehr gerne die Nachrichten und habe auch sehr gerne im Schweizer Fernsehen die politischen Kommentare – und natürlich auch die eine oder andere Sportsendung."

Seit seiner Kindheit schaut Konrad Frommer Schweizer Fernsehen – kein Wunder, wohnt der Konstanzer doch gerade mal zwei Kilometer von der Grenze zur Schweiz entfernt. Übers Fernsehen erfahren, was bei den Schweizer Nachbarn so alles geht – das sei "absolut wichtig. Man stelle sich vor, nicht nur die Wasserversorgung, auch im Strombereich arbeiten wir zusammen. Der Konstanzer Bus fährt auch in die Schweiz hinein. Und jetzt, wenn es drum geht, die Gemeinsamkeit zu fördern – was fördert die mehr als die Kommunikation? – jetzt das Fernsehen ganz abzuschalten, ist einfach eine Härte, die niemand versteht."

SRG begründet Schritt mit Kostengründen

Genau das aber ist geplant: Ab dem 3. Juni werden die beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme SRF 1 und SRF 2 aus der Schweiz nach derzeitiger Planung auf deutscher Seite nicht mehr zu sehen sein . Denn: Das Schweizer Fernsehen will Geld sparen. Weil die meisten Schweizer Zuschauer die Programme über Kabel oder Satellit beziehen, will die Schweizerische Radiogesellschaft SRG, die Dachorganisation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Anfang Juni alle 200 terrestrischen Fernsehsender abschalten

"Die SRG schätzt, dass wir so ab 2020 jährlich rund zehn Millionen Schweizer Franken einsparen werden", so Edi Estermann, Sprecher der SRG in Bern. Sind die Programme aber nicht mehr terrestrisch empfangbar, dürfen sie dort auch nicht mehr in die Kabelnetze im deutschen Grenzgebiet eingespeist werden. "Die SRG erwirbt aus Kostengründen keine erweiterten Senderechte für das Ausland. Deshalb können wir für den süddeutschen Kabelnetzen diese Rechte auch nicht weitergeben."

Will heißen: Für die Ausstrahlung von Spielfilmen und Sportereignissen muss das Schweizer Fernsehen weitaus weniger bezahlen, wenn es garantiert, dass das Signal im eigenen Land bleibt und eben nicht in angrenzenden Nachbarländern zu sehen ist.

Schweizer Außenperspektive wird fehlen

Für die Kommunikationskultur im deutschen Grenzgebiet habe aber genau dies weitreichende Konsequenzen, glaubt Markus Rhomberg, bis 2017 Professor für politische Kommunikation an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen und heute Geschäftsführer der Internationalen Bodensee-Hochschule, einem grenzüberschreitenden Hochschul-Verbund:

 "Ich glaube, dass 'grenzüberschreitende Zusammenarbeit‘ und ‚Grenzen überwinden‘ damit zu tun hat, zu merken, wie die Menschen auf der anderen Seite ticken. Und Medien spiegeln Realität der anderen Seite wider. Das ist natürlich ein sehr, sehr wichtiger Aspekt dafür, wenn man Grenzen überwinden will."

Hinzu komme ein Weiteres, nämlich die Draufsicht auf die deutsche Politik aus der Perspektive eines deutschsprachigen Nachbarlandes: "Wenn ich so quasi auf der anderen Seite sehe, wie Schweizer über Deutsche berichten, wie Deutsche über Vorarlberg berichten und auch umgekehrt, hilft mir das stark, auch das eigene Handeln des eigenen Landes zu reflektieren und zu merken: Was läuft vielleicht doch nicht ganz so gut im eigenen Land?"

Für Rhomberg ist es allemal spannend, zu sehen, wie das Schweizer Fernsehen über die EU oder über die deutsche Außenpolitik berichtet – und das ab und zu mit leicht anderem Akzent als die Medien hierzulande. Fällt diese Draufsicht der Nachbarn auf die eigene Politik künftig weg, nach Abschaltung des Schweizer Fernsehens im deutschen Grenzgebiet, bliebe damit auch ein Stück Meinungsvielfalt auf der Strecke –  und das nur aus Sparzwängen: "Die Abschaltung des Schweizer Fernsehens für Deutschland ist ja eine direkte Konsequenz aus der No-Bilag-Initiative."

Appell an die Internationale Bodensee-Konferenz

Bei dieser "No Bilag"-Initiative sprachen sich vor gut einem Jahr knapp 72 Prozent der Schweizer Stimmbürger zwar für die Erhaltung des gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehens aus. Das danach allerdings einen umfangreichen Sparplan umgesetzt hat. Ergebnis unter anderem: keine Verbreitung der Programme mehr im deutschen Grenzgebiet. Genau dort wird der Protest dagegen aber immer lauter.

So hat sich der Konstanzer Konrad Frommer mit einem öffentlichen Appell an die Internationale Bodensee-Konferenz gewandt, ein Gremium mit Regierungsvertretern aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland. Dass er dabei aus der Bevölkerung viel Zuspruch bekommt, wundert ihn nicht.

Denn, so Frommer: "Es ist nicht einzusehen, dass man in Konstanz einen Fernsehsender aus der Türkei, aus Russland und weiß Gott woher empfangen kann, aber nicht den Schweizer Nachbarsender. Das ist eigentlich ein Unding!"

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