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StartseiteKommentare und Themen der WocheChina könnte im Vorteil sein22.03.2020

Folgen der CoronakriseChina könnte im Vorteil sein

China könnte der Gewinner der Coronakrise sein, meint Andreas Rinke. Bereits 2008/2009 sei es gestärkt aus der Finanzkrise hervorgegangen. Doch es sprechen auch noch weitere Faktoren sprächen dafür, dass China im Gegensatz zu Europa und den USA in der Nach-Corona-Zeit die Nase vorn haben könnte.

Von Andreas Rinke

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Die rote Flagge der Volksrepublik China vor blauem Himmel. (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)
China habe seit Jahren massiv in Forschung und Entwicklung investiert, im Gegensatz zu den meisten EU-Staaten, meint Andreas Rinke (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)
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Zumindest in den vergangenen Tagen haben die EU-Staaten, aber auch die USA in diesem Systemringen kein gutes Bild abgegeben – weil in der Not eben doch die für Partner und die eigene Wirtschaft schädlichen nationalen Alleingänge oder aber eine Verniedlichung des Problems dominierten. Die Grenzschließungen der Osteuropäer etwa gefährden den Warenverkehr und die über Jahrzehnte aufgebauten Lieferketten in der EU.

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China kann mit Krisen umgehen

Und China hat schon einmal gezeigt, wie es mit Krisen umgehen kann: Aus der globalen Finanzkrise 2008, 2009, die übrigens von den USA ausging, ging es im Verhältnis zu den anderen beiden großen Blöcken Amerika und Europa gestärkt hervor. Während die Verschuldung in den USA und Europa massiv anstieg, war China weniger betroffen und konnte in der Folgezeit sehr viel Geld in Zukunftstechnologien investieren.

Angesichts der Unberechenbarkeit des Coronavirus ist es zu früh, schon jetzt Bilanz zu ziehen. Aber es gibt bereits wieder Anzeichen, dass am Ende China im Systemwettbewerb besser dastehen könnte – zumindest relativ. Das hat übrigens nicht unbedingt damit zu tun, dass die kommunistische Regierung mit ihren rigorosen Maßnahmen gegen das Coronavirus weniger Rücksicht auf die Bevölkerung nimmt als demokratische Gesellschaften.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

China als global verantwortliche Macht

Vielmehr gibt es drei andere Faktoren, die für China sprechen: Zeit, Forschungsinvestitionen und Märkte. Erstens profitiert China davon, dass es früher Erfahrungen mit dem Virus sammeln musste und jetzt früher an die Nach-Corona-Zeit denken kann. Längst wird in Peking am eigenen Image für die Zukunft gebastelt: Systematisch sendet China derzeit Hilfslieferungen in die Welt – auch an EU-Staaten wie Italien, Spanien oder Frankreich sowie nach Serbien. Damit will sich die Regierung als global verantwortliche Macht zeigen und Sympathien sammeln. Europa und auch Deutschland sind mitschuld, dass das gelingen kann: Denn sie haben wochenlang versäumt, selbst den Eindruck einer grenzüberschreitenden Solidarität zu pflegen. 

Zweitens hat China im Unterschied zu den meisten EU-Staaten in den vergangenen Jahren massiv in Forschung und Entwicklung investiert. Das zeigt die Angst-Debatte über eine zu starke Abhängigkeit von chinesischer Technologie beim neuen Mobilfunknetz 5G. Nach der Erholung wird diese Innovationskraft ein erheblicher Wettbewerbsvorteil sein. Europäische Länder müssen dagegen erst wieder lernen, massiv in Forschung zu investieren.
 
Drittens hat sich China seit Jahren systematisch um die Wachstumsmärkte der Welt gekümmert, während sich die Politik in den USA und Europa seit Jahren Abschottungsdebatten leistet. Auch das dürfte sich in der Nach-Corona-Zeit rächen.

China könnte die Nase vorne haben

Noch schlimmer: Paradoxerweise könnte am Ende sogar der Ruf nach mehr europäischer und amerikanischer "Souveränität" die USA und die EU noch stärker in die Verliererrolle drängen. Denn so sinnvoll die Forderung klingt, wichtige Güter wie Medizinprodukte oder Mobilfunktechnik wieder verstärkt in der EU oder den USA zu produzieren: Globalisierung ist getrieben von der Suche nach dem effizientesten Produktionsstandort – und dafür sind große, aber weniger regionale Märkte wichtig. Auch hier hat China mit seiner Milliardenbevölkerung und engen Kontakten zu anderen Wachstumsmärkten die Nase vorne.

Andreas Rinke (privat)Andreas Rinke (privat)Andreas Rinke, Jahrgang 1961, studierte in Hannover, London und Paris Geschichte, Politik und Soziologie. Der promovierte Historiker volonierte bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" und arbeitete dort zunächst in der Lokal-, dann in der Politikredaktion. Im Jahr 2000 wechselte er zum "Handelsblatt" nach Berlin, wo er zuletzt stellvertretender Büroleiter und Chefkorrespondent Außenpolitik war. Seit Jahr 2010 arbeitet er für die internationale Nachrichtenagentur "Reuters". Dort ist er politischer Chefkorrespondent des deutschen Dienstes und Teamleiter Politik. Er ist Autor der Bücher "11 drohende Kriege" und "Das Merkel-Lexikon".

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