Sonntag, 23.02.2020
 
Seit 09:30 Uhr Essay und Diskurs
StartseiteInformationen am MorgenKolumbien fühlt sich überfordert03.09.2018

Folgen der Venezuela-KriseKolumbien fühlt sich überfordert

In Venezuela hat sich die Versorgungskrise seit der Währungsreform von Präsident Maduro massiv verschärft. Es herrschen Hunger und Verzweiflung. Tausende Menschen kommen deshalb jeden Monat in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta an - Krankenhäuser und Hilfsorganisationen arbeiten am Limit.

Von Anne-Katrin Mellmann

Zehntausende Venezolaner kommen jeden Tag über die Brücke ins kolumbianische Cúcuta. (Deutschlandradio / Burkhard Birke)
Tausende Venezolaner kommen jeden Tag über die Brücke ins kolumbianische Cúcuta (Deutschlandradio / Burkhard Birke)
Mehr zum Thema

Venezuela Vom Ende der Demokratie

Philosophischer Kommentar zu Kryptogeld in Venezuela Wie eine libertäre Technologie den Sozialismus retten soll

Krise in Venezuela "Das ist der größte Exodus der letzten Jahrzehnte"

In einer staatlichen venezolanischen Klinik nahe der Grenze zu Kolumbien hat eine hochschwangere Frau - ihren Namen will sie lieber nicht sagen - große Angst. Ihr drittes Baby könnte vier Wochen zu früh kommen. Aber es gibt in Venezuela außerhalb der teuren Privatmedizin weder Brutkästen noch Material noch Medikamente. Ein Arzt redet der Frau gut zu. Das ist alles, was er ihr geben kann.

"Ich habe Angst, dass mein Baby hier nicht versorgt werden kann. Also muss ich nach Cúcuta, auf die andere Seite, nach Kolumbien. Aber ich kann nicht mehr laufen. Wir müssen einen Rollstuhl beschaffen, weil es ja nur zu Fuß über die Grenze geht, mit langen Wartezeiten. Was ist aber, wenn die Wehen nachts einsetzen und der Grenzübergang ist zu? Was, wenn ich es nicht rechtzeitig rüber schaffe?"

Medizinische Versorung ist überlastet

In die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta muss sie es schaffen. Täglich kommen hier tausende Flüchtlinge aus Venezuela an. Die staatliche Uniklinik verzeichnet schon seit Juli mehr venezolanische als kolumbianische Neugeborene. Viele Schwangere gehen aus Angst nur wegen der Geburt über die Grenze, manche verbinden den Schritt gleich mit der Ausreise, so wie Heidi Becerra mit ihrem Mann und ihrem Sohn. In der Ambulanz der Uniklinik wartet die Akademikerin auf eine Ultraschalluntersuchung.

"In Venezuela konnte ich mir das nicht mehr leisten. Zuerst habe ich die Untersuchungen noch in Privatkliniken gemacht, aber wegen der Hyperinflation kosteten sie zuletzt einen zweifachen Mindestlohn."

In Kolumbien sind Untersuchungen und Geburt gratis, der Standard verglichen mit Venezuela luxuriös. Die Uniklinik Cúcuta könne den Andrang aus Venezuela aber nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen, sagt Chefarzt Norberto García.

"Wenn die schwangeren Venezolanerinnen hierher kommen, haben sie meistens noch keine Untersuchungen gemacht. Viele haben Risikoschwangerschaften, auch wegen der Mangelernährung. All das stellt uns vor große finanzielle Herausforderungen. Wir müssen jetzt Notfallpläne aktivieren, weil wir es nicht mehr schaffen."

Kolumbiens Außenminister bittet um Hilfe

Krankenhäuser, Hilfsorganisationen – alle arbeiten am Limit. Kolumbiens Außenminister Trujillo ist zum Grenzübergang von Cúcuta gekommen, derer langen Fußgängerbrücke, schüttelt überforderten Grenzbeamten und Rot-Kreuz-Mitarbeitern die Hände, wird von Flüchtlingen bejubelt, als er ihnen Solidarität verspricht. Im ARD-Interview bittet er um Hilfe:

"Wir brauchen internationale Solidarität. Für Kolumbien ist das derzeit eine gigantische Kraftanstrengung. Diese Krise wirkt sich auf die ganze Region aus. Deshalb braucht sie multilaterale Fürsorge. Wir schaffen das nicht."

Wir schaffen das nicht – aber Einreisebestimmungen verschärfen, gar die Grenzen dicht machen – das sei keine Option – so Außenminister Trujillo. Sein Land trägt die Hauptlast: die meisten Venezolaner fliehen hierher, schon fast eine Million ist - nach offizieller Zählung - geblieben. 600.000 befinden sich demnach auf der Durchreise in andere südamerikanische Länder. Aber es dürften weit mehr sein, weil viele unerkannt über die mehr als 2000 Meter lange grüne Grenze gehen. Und viele erblicken erst hier das Licht der Welt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk