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StartseiteForschung aktuell"Die Freizügigkeit in der Forschung erhalten"19.07.2016

Folgen des Brexit"Die Freizügigkeit in der Forschung erhalten"

Die Wissenschaft lebt von der gegenseitigen Befruchtung - das meint DPG-Präsident Rolf Heuer. Deswegen sollte den Briten auch nach dem Brexit-Votum signalisiert werden: "Wir wollen euch weiterhin an Bord haben", sagte er im DLF. Auch für Großbritanniens Forscher sei das wichtig, denn mit den renommierten Europäischen Förderprogrammen könnten nationale Stipendien nicht mithalten.

Rolf Heuer im Gespräch mit Ralf Krauter

 CERN - Europäische Organisation für Kernforschung (picture alliance / dpa / Adam Warzawa)
Die Schweiz als Vorbild - so könnten britische Forscher weiterhin von den EU-Förderprogrammen profitieren. Hier das CERN - Europäische Organisation für Kernforschung - in Genf. (picture alliance / dpa / Adam Warzawa)
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Ralf Krauter: Laut einer Umfrage an britischen Top-Universitäten, über die der "Guardian" vergangene Woche berichtet hat, beklagen Forscher in Großbritannien: Wir spüren schon jetzt, dass wir bei EU-geförderten Kooperationsprojekten weniger gefragt sind als vor dem Brexit-Referendum. Hat Sie das überrascht, dass sich der Volksentscheid offenbar so rasch negativ auf die Forschung in Großbritannien auswirkt?

Rolf Heuer: Das hat mich schon überrascht. Ich denke auch, dass es vielleicht im Moment ein bisschen vorschnelle Reaktionen sind, denn ich kann mir ehrlich gesagt überhaupt nicht vorstellen, dass existierende Verträge nicht eingehalten werden. Das heißt, existierende Kooperationsverträge mit britischen Wissenschaftlern, die werden mit Sicherheit eingehalten. Das kann ich mir nicht anders vorstellen. Wo ich sicherlich Probleme sehr schnell kommen sehe, sind in neuen Kooperationsverträgen, denn da wird man bestimmt abwarten, wie sich jetzt die britische Regierung und die EU-Verantwortlichen hier zusammenraufen.

Krauter: Es gab ja eben Berichte, dass britische Forscher, die eben bei solchen EU-geförderten Projekten dabei waren, offenbar schon gehört haben, dass sich mancher wünschte, sie würden zum Beispiel von einer leitenden Funktion zurücktreten. Darüber hat der "Guardian" geschrieben. Halten Sie so was für realistisch, oder ist das jetzt zugespitzt?

"Die Wissenschaft lebt von der gegenseitigen Befruchtung"

Heuer: Ich halte es für falsch. Ich hielte es für falsch, wenn jetzt hier die Wissenschaft plötzlich den Exit des Brexit wirklich schon vorwegnimmt. Die Wissenschaft sollte gerade dafür sorgen, dass die Folgen eines Brexit etwas abgemildert werden. Die Wissenschaft lebt von Kooperation. Die Wissenschaft lebt von der gegenseitigen Befruchtung, mit Ideen und allem. Und ich meine, da sollte dann die Wissenschaft doch zeigen, Leute, wir wollen euch weiterhin an Bord haben. Und deswegen würde ich persönlich in solchen Kooperationen die Briten gern an Bord halten. Ich halte es für falsch, jetzt da sozusagen vorauseilenden Gehorsam zu betreiben.

Krauter: Aber ist es denn nicht legitim, wenn man jetzt eben über laufende Projektanträge spricht, zum Beispiel im Rahmen des EU-Forschungsrahmenprogramms Horizon 2020? Ist es nicht legitim, wenn da mancher Forscher sagt, wir wollen das Projekt jetzt lieber ohne britische Partner fortsetzen, weil wir gar nicht wissen, wie die letztlich ihren finanziellen Beitrag auch werden leisten können?

Heuer: Was weitergehende Projekte, zukünftige Projekte oder auch Verlängerungsanträge angeht, da muss man natürlich schon ein bisschen vorsichtiger sein. Aber ich denke, die richtige Reaktion für mich wäre, dass man weiterhin zusammenarbeitet, aber dass man eben sagt, okay, es hängt davon ab, wie jetzt auch die britische Regierung diese Programme weiter fördert und weiter unterstützt. Und ich denke, hier ist die britische Regierung ganz stark gefragt, mit Ressourcen auf den Tisch zu kommen.

Krauter: Die Summe, die da so im Raum steht, ist ja ungefähr eine Milliarde Euro pro Jahr, so viel bekommen Forscher in Großbritannien aus EU-Fördertöpfen. Das heißt, die einfachste Lösung wäre natürlich, wenn die britische Regierung jetzt sagen würde, wir stehen dafür ein, so wie man das auch in der Schweiz einst getan hat, und die Ausfälle erst mal großzügig kompensiert hat.

"Nationale Programme haben nicht denselben Stellenwert"

Heuer: Deswegen sage ich ja, nicht den vorauseilenden Gehorsam betreiben, sondern wirklich auf die britische Regierung einwirken, dass die eben erst einmal diese Dinge übernimmt, so wie es die Schweiz gemacht hat, völlig richtig.

Und das wird über viele Jahre gehen müssen, denn diese bilateralen Vereinbarungen, die werden nicht in zwei Jahren ausgehandelt. Es dauert ein paar Jahre, bis man die aushandelt, auch für die Förderprogramme. Das dauert. Und man darf nicht vergessen, die national geförderten Programme oder Projekte, die haben nicht denselben Stellenwert wie ein EU-gefördertes Programm. Das muss man sich auch überlegen.

Krauter: Sie meinen jetzt, was das Renommee angeht dieser Projekte?

Heuer: Was das Renommee angeht dieser Projekte. Wenn Sie gerade zum Beispiel die Förderung für einzelne Wissenschaftler oder auch für Gruppenleiter stellen, diese sogenannten European Research Council Grants anschauen, die sind extrem hoch angesehen. Da ist die Erfolgsquote sehr gering, das heißt, die sind sehr kompetitiv. Das können Sie mit einem nationalen Programm gar nicht voll auffangen von der Bedeutung her, vom Ansehen her.

Krauter: Das heißt, wäre die Regierung letztlich, die britische, sogar gut beraten, vielleicht einen Teil der Fördermittel, die bisher in nationale Projekte fließen, umzuwidmen, um sicherzustellen, dass Großbritanniens Forscher auch weiterhin am ERC, an diesen Fördertöpfen teilhaben können.

Heuer: Ja, so würde ich – ist meine persönliche Meinung. Das haben wir ganz deutlich gesehen, das Ansehen nationaler Programme dieser Art sind nicht so hoch, und deswegen kann die Regierung, die britische Regierung, ihren eigenen Forschern hier nur einen Gefallen tun, wenn sie über die EU-Assoziierung diese Möglichkeiten weiterhin erlaubt.

Krauter: Auch das wäre wieder das Modell der Schweiz, das zumindest bis zum Jahresende noch so zu funktionieren scheint, und dort eben geholfen hat, herbe Verluste, was Fördermittel angeht, zu verhindern. Was könnte denn die EU-Kommission selbst tun, um möglicherweise Brücken zu bauen nach Großbritannien?

Heuer: Sie muss, glaube ich, ohne Vorbedingungen in diese Diskussion gehen und mit der britischen Regierung, und vielleicht auch ein bisschen einen Unterschied machen zwischen Programmen oder Vereinbarungen auf wissenschaftlicher Ebene, was ja Europa im Gesamten hilft, und die unterscheiden von industriellen Projekten.

"Der Knackpunkt hier ist natürlich die Mobilität"

Das sind ja ganz unterschiedliche Herangehensweisen, und da würde ich sagen, sollte vielleicht die Europäische Kommission ein bisschen offener an diesen Wissenschaftsaustausch gehen. Der Knackpunkt hier ist natürlich die Mobilität. Wenn Großbritannien jetzt sagt, wir schränken die Mobilität von Forschern ein, dann ist das, glaube ich, eine relativ dunkelrote Linie für die Kommission. Ich glaube, an dieser Stelle sind beide Partner gefragt, das so auszuhandeln, dass die Freizügigkeit in der Forschung – und dazu gehört eben auch die Mobilität der Forscher –, dass die erhalten bleibt. Wenn das wegbricht, dann haben wir ein großes Problem, und dann haben vor allem die Forscher aus Großbritannien und in Großbritannien ein Problem.

Krauter: Schauen wir uns mal als Beispiel dieses milliardenschwere EU-Flagship-Projekt zur Graphen-Forschung an. Da sind ja britische Forscher federführend mit dabei, auch, weil das Material, um das es geht, in Großbritannien entdeckt worden ist. Kann das denn so bleiben, wenn der Brexit kommt, dass quasi bei diesem milliardenschweren Vorzeigeprojekt dann Forscher, die gar nicht mehr Teil der Europäischen Union sind, dort zu sagen haben, wo es lang geht?

Heuer: Schwer vorherzusehen. Da wage ich jetzt keine Prognose. Aber sagen wir mal so: Ich bin da eher skeptisch. Ich glaube nicht, dass das so weitergehen kann. Denn dann führt man ja eigentlich die ganze Diskussion wieder ad absurdum, indem man sagt, man lässt es, wie es ist.

Was ich mir eben auch wieder vorstellen könnte, ist, dass die EU da sagen wir mal an der Kommission weiterhin beteiligt ist, dass aber dann eben Großbritannien viel stärker in die finanzielle Unterstützung dieses Projekts einsteigen muss.

"Die Politik ist auch wieder auf beiden Seiten gefragt"

Heuer: Schwer vorherzusehen. Da wage ich jetzt keine Prognose. Aber sagen wir mal so: Ich bin da eher skeptisch. Ich glaube nicht, dass das so weitergehen kann. Denn dann führt man ja eigentlich die ganze Diskussion wieder ad absurdum, indem man sagt, man lässt es, wie es ist. Was ich mir eben auch wieder vorstellen könnte, ist, dass die EU da, sagen wir mal mit der Kommission weiterhin beteiligt ist, dass aber dann eben Großbritannien viel stärker in die finanzielle Unterstützung dieses Projekts einsteigen muss.

Krauter:  Das wäre eine Möglichkeit vielleicht. Sprich, das ist nach wie vor ein europäisches Projekt, aber das Geld, das aus Brüssel kam, muss eben jetzt aus London kommen, und das wird, glaube ich, nicht sehr einfach werden.

Krauter: Sie sind ja Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, sind da sicher auch ganz gut vernetzt mit den Leuten, die beteiligt sind. Auch deutsche Forscher sind ja an diesem Flagship-Projekt beteiligt. Macht man sich da Sorgen, wie es weitergeht?

Heuer: Kollegen in Deutschland, die mit britischen Kollegen gemeinsame Projekte haben oder auch den Studentenaustausch betreiben, die machen sich natürlich schon Sorgen. Ich glaube, hier ist auch die Politik auch wieder auf beiden Seiten gefragt: Geht schnell mit diesem Thema um, diskutiert das schnell. Zögert das nicht alles raus, denn am schlimmsten ist die Unsicherheit. Das beschädigt jedes Projekt, weil man nicht weiß, wie es weitergehen kann. Es darf jetzt nicht das alles auf die lange Bank geschoben werden, sondern es muss jetzt schnell Tacheles geredet werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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