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StartseiteUmwelt und VerbraucherPer Mausklick beim Bauern um die Ecke einkaufen11.12.2015

Food AssemblysPer Mausklick beim Bauern um die Ecke einkaufen

Die Nachfrage nach regional produzierten Lebensmitteln nimmt zu. Gleichzeitig kaufen immer mehr Menschen online ein. Diesen beiden Entwicklungen will ein neues Konzept aus Frankreich Rechnung tragen: die Food Assembly. Hier kann man sich Lebensmittel aus der Region online aussuchen und sie einmal die Woche an einem Sammelpunkt abholen.

Von Ralf Hutter

Ein Gemüsestand auf einem Wochenmarkt (Jan-Martin Altgeld)
Sind die Food Assemblys eine Konkurrenz zum Wochenmarkt? Auch hier werden Lebensmittel aus der Region angeboten. (Jan-Martin Altgeld)
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Die Graefestraße in Berlin-Kreuzberg ist eine ruhige Wohnstraße, die für ihre Cafés bekannt ist. Vor einem von ihnen steht donnerstags, so lange es noch nicht zu kalt ist, ein Marktstand. Besser gesagt: Es sieht aus wie ein Marktstand. Eine Frau steht zwischen Kisten mit Gemüse und Obst an einem Tisch mit einer Waage und wartet auf Kundschaft. Doch die Menschen, die diesen Stand ansteuern, brauchen nur ihren Namen und eine Nummer zu sagen, um die Lebensmittel in die Hand gedrückt zu bekommen. Sie haben schon bezahlt, denn sie haben ihre Bestellung im Internet aufgegeben. Food Assembly heißt das Konzept, das den Einkauf im Internet mit der Förderung regionaler Lebensmittelherstellung verbindet. Anna ist Kundin und holt gerade ihre Bestellung ab.

"Ich hab nicht immer die Zeit, auch am Wochenmarkt vorbeizugehen, weil ich halt immer den ganzen Tag arbeite, und dann fand ich die Option super, dass ich im Internet vorher sehen kann, was es gibt, und mich entscheiden kann, was ich dann haben möchte und das dann auch quasi garantiert bekomme."

Nützliche für kleine Erzeugerbetriebe

Weitere zufriedene Kundinnen und Kunden loben den Kontakt zum Erzeuger sowie die Frische und den Geschmack der Produkte. Assembly heißt auf Englisch Versammlung. Eine Food Assembly versammelt einmal pro Woche verschiedene Erzeuger für ungefähr zwei Stunden, in denen sie die bestellten Produkte verteilen. Nebenbei verkauft wird dabei nichts. Die Kreuzberger Assembly ist jung, hier ist heute nur der Gemüsestand. Die Bäuerin Angelika Fietze-Glawe aus Märkisch-Luch beliefert mit einer Hilfskraft an drei Tagen pro Woche fünf Assemblys. Dieses Konzept ist für sie sehr nützlich, denn sie kann und will auf ihren drei Hektar nicht so viel produzieren, wie der Großhandel brauchen würde.

"Ich bin mehr so auf dieser Schiene, Direktkontakt zum Verbraucher zu haben. Da krieg ich gleich meine Streicheleinheiten: Mann, das sieht toll aus, das ist aber knackig, so hab ich das noch nie gehabt. Das ist schon, was ich ganz gerne hören möchte."

Angelika Fietze-Glawe macht seit zwei Jahren keine Märkte mehr. Für kleine Erzeuger sei es wegen der abnehmenden Zahl der Kundschaft schwieriger geworden, dort überhaupt einen Stand zu bekommen, sagt sie. Und dann muss der sich auch noch rentieren. Zur Kreuzberger Food Assembly kommen heute 14 Menschen, um ihre Bestellungen abzuholen. Das sei wenig, aber für eine junge Abholstelle ganz ordentlich, sagt die Bäuerin. Elf Assemblys gibt es derzeit in Berlin, Tendenz steigend. Doch in der Hauptstadtregion ist es wegen der agrarischen Großstrukturen Brandenburgs schwierig, Erzeuger zu finden, die den Ansprüchen von Food Assembly genügen, beklagt Veronica Veneziano vom Organisationsteam:

"Bei uns müssen die Produzenten regionale Lebensmittel, regionale Zutaten haben. Für uns ist der Fokus wirklich, zum Beispiel beim Brot, dass die Getreide so viel wie möglich aus Berlin und Brandenburg kommen."

80 Prozent für den Produzenten

Eine hiesige Bäckerei, die ihr Getreide aus Süddeutschland bezieht, könne nicht mitmachen, sagt Veneziano. Es geht um regionale Wertschöpfung. Zu diesem Zweck wurde das Konzept Food Assembly 2010 in Frankreich ersonnen. 2014 expandierte es nach Deutschland, Großbritannien, Spanien und Italien, dieses Jahr nach Belgien. Exportiert wird vor allem die Online-Plattform. Food Assembly ist ein Unternehmen mit Sitz in Paris, wo knapp die Hälfte der europaweit rund 100 Angestellten arbeitet. Es sucht die Erzeuger aus und macht Vorgaben zu Landbau und Tierhaltung, zertifiziert aber nichts. In Deutschland gibt es knapp 20 Food Assemblys, 15 weitere sind in Vorbereitung. In Frankreich sind es fast 800 solcher Projekte. Einige haben über 2.000 Mitglieder, sagt Veronica Veneziano. Manch eine französische Abholstelle finanziere sich komplett durch die Food Assembly. Die Gastgeber erhalten vom Erzeuger acht Prozent der Verkaufseinnahmen. Die Firma hinter Food Assembly bekommt ebenfalls acht Prozent.

"Das heißt, der Produzent bekommt über 80 Prozent von diesem Endpreis. Im Großhandel ist das zwischen 20 und 40 Prozent vom Endpreis, was der Konsument bezahlt, geht wirklich in die Tasche vom Produzenten."

Während der Bio-Verband Naturland das Konzept gegenüber dem Deutschlandfunk als vielversprechend bezeichnet, äußert sich der Verband Bioland skeptischer. Lieferservices gebe es bereits und ein Marktstand mit zusätzlicher Online-Bestellmöglichkeit sei wegen der Laufkundschaft besser und nicht unbedingt teurer. Allenfalls für Erzeuger, die nicht genug Absatzwege haben, sei Food Assembly reizvoll, findet Bioland. Deshalb sei das Konzept auch keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zum Wochenmarkt.

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