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StartseiteKommentare und Themen der WocheVollvermarktung der Klubs in die eigene Tasche03.11.2018

Football-Leaks-EnthüllungenVollvermarktung der Klubs in die eigene Tasche

Auch wenn der FC Bayern inzwischen heftig dementiert - europäische Top-Fußballklubs planen nach Football-Leaks-Enthüllungen offenbar eine eigene Super League. Der Fußball sei nur noch zu retten, wenn sich Fans und Aktive ihrer Macht bewusst werden und das System nicht weiter unterstützen, kommentiert Jessica Sturmberg.

Von Jessica Sturmberg

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Bayern München-Fans in der Allianz Arena (imago sportfotodienst)
Ob die Anhänger der Super League-Vereine quer durch Europa mitreisen, fragt sich Jessica Sturmberg (imago sportfotodienst)
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Football Leaks "Revolution drohen, um Evolution zu erreichen"

Linus Meyer strahlte vergangene Woche aus vollem Herzen. Dem offensiven Mittelfeldspieler des Regionalligisten SV Rödinghausen war im DFB-Pokal ein Treffer gegen den großen FC Bayern München gelungen. Er und sein Team schafften es gar, die Bayern zu verunsichern. Den elektrisierten Zuschauern im kleinen Stadion an der Bremer Brücke in Osnabrück zu vermitteln, da geht was - das sind die Momente im Sport, die etwas Ungeheures haben, etwas Unerwartetes.

Wenn man liest, was das Rechercheteam um das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in den 70 Millionen Dokumenten gefunden hat, dann stehen solche Momente wohl auf der Streichliste. Die europäischen Top-Klubs wollen gerne unter sich bleiben. Eine eigene Liga, eine Super-Liga. Vielleicht noch zusätzlich zur Bundesliga, PremierLeague oder Primera Division. Vielleicht auch nicht. Mit den geplanten Spieltagen Dienstag, Mittwoch und Samstag ist in jedem Fall klar, wo die Prioritäten liegen sollen.

Das ist die Vision von elf plus fünf Klubs, die laut Unterlagen bereits diesen Monat eine bindende Absichtserklärung unterzeichnen wollen. Elf Klubs, die immer in dieser Super-Liga spielen, fünf, die nur als Gäste gelten und auch absteigen könnten.

Es geht den Klubs um Kontrolle

Ob die Anhänger dieser Vereine quer durch Europa mitreisen oder sich die Spiele dann nur noch im teuren Fernseh-Abo anschauen? Wer sitzt dann überhaupt in den Stadien? Vermutlich nicht mehr die gewachsene Vereins-Fan-Szene, sondern wohl eher gut zahlende Fußball-Event-Touristen aus aller Welt. Das dürfte mit zum Kalkül gehören.

Es geht diesen Klubs darum, den ertragreichsten Wettbewerb selbst zu kontrollieren, eigene Regeln zu setzen und nichts mehr von den Einnahmen an die UEFA und die kleineren Klubs abzugeben. Nein, es soll das Letzte für sich herausgeholt werden. Eine Vollvermarktung in die eigene Tasche. Es ist klar, wohin das führt: Die Spaltung in eine vor Reichtum überquellende Elitefußball-Gruppe und den kläglichen Rest. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?

Es ist so ein Phänomen der Zeit, dass einige Wenige aus dem Wunsch nach immer noch Mehr soziale Verwerfungen in Kauf nehmen. Verwerfungen, die - wenn man es über den Fußball hinaus betrachtet - unsere demokratische Gesellschaft angreifen. Auch der Fußball muss sich entscheiden, welche Rolle er da spielen will.

Der europäische Verband UEFA, der sich gerade von den Eskapaden seines früheren Generalsekretärs und jetzigem FIFA-Präsidenten Gianni Infantino erholt, trifft das offenbar auf dem falschen Fuß. Er ist der Getriebene, der dann möglicherweise noch weitere Zugeständnisse an die Top-Klubs macht, um das bisherige Modell zu retten.

Der Fußball als Spiegel der Gesellschaft

Um es zu betonen: Es sind nicht alle Manager gleich, viele sind sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung sehr bewusst und kommen dieser auch nach. Aber was vor allem die Führung der FIFA betrifft, ist seit Jahren zu beobachten, wie eine korrupte Funktionärsclique den Fußball für ihre persönliche Gier und Geltungssucht missbraucht. Ein bisschen Hoffnung, dass sich daran etwas ändern könnte, keimte mit den Ermittlungen des FBI auf. Allein die drohenden hohen Haftstrafen in den USA waren abschreckend genug, dass einiges aufgedeckt und dann kurzzeitig durch strukturelle Reformen geändert wurde.

Unabhängige Ermittler und Richter, das Zwei-Kammer-System mit Untersuchung und verbandsinterner Rechtsprechung - das waren die zarten Pflänzchen. Die wurden jedoch im vergangenen Jahr von Gianni Infantino wüst zertrampelt. Die beiden Aufklärer, der Schweizer Ermittler Cornel Borbely und der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert wurden auf dem Weg zur FIFA-Vollversammlung aus ihren Ämtern als Aufklärer gemobbt und eine getreue Kolumbianerin an ihre Stelle gesetzt. Mit welcher Chuzpe Infantino das mühsam aufgebaute FIFA-Kontrollsystem zerschlug, wird aus den Dokumenten nochmal deutlich.

Die FIFA und der Spitzenfußball sind so nicht zu retten. Die Fans, die Spieler, die Breitensportler haben es in der Hand: Wenn sie sich irgendwann aus Überdruss massiv abwenden und das System nicht mehr weiter füttern. Viele denken längst, ach ja, dass das alles korrupt ist, wussten wir doch schon. Das ist im Prinzip nichts Neues.

Der Unterschied, den solche Enthüllungen machen: Da steht es schwarz auf weiß. Und wer möchte, kann sich ein Bild machen, von dem, wie es so im Hintergrund abläuft. Und seine Schlüsse daraus ziehen.

Im kleinen Stadion an der Bremer Brücke in Osnabrück ist inzwischen wieder Ruhe eingekehrt. Die Fans des SV Rödinghausen behalten den Pokalabend in Erinnerung als den Moment, in dem sie fast den großen Goliath erledigt hätten. Das ist, wovon der Fußball lebt.

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