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StartseiteCorsoAbgesang auf den amerikanischen Traum25.04.2020

"For Their Love" von Other LivesAbgesang auf den amerikanischen Traum

„Ich habe keine Hoffnung, dass die US-Regierung etwas unternehmen wird, um die Kunstszene zu unterstützen“, sagt Jesse Tabish von der Band Other Lives, die unter anderem Thom Yorke und Philipp Glass zu ihren Fans zählt. Trotzdem scheint auf ihrem neuen Album auch immer wieder Hoffnung durch die vielschichtigen Songs.

Von Juliane Reil

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"I think it would be a wonderful world where countries supported their artists", sagt Jesse Tabish, der Sänger der Band Other Lives ein wenig niedergeschlagen - es wäre zwar eine wundervolle Welt, wenn Länder in Zeiten von Corona ihre Künstlerinnen und Künstler unterstützen würden, aber er selbst habe absolut keine Hoffnung, dass die US-Regierung etwas unternehmen werde, um die Kunstszene zu unterstützen.

Tabish nimmt es mit Galgenhumor: Vielleicht sollten er und seine deutsche Frau Kim einfach auswandern. Das neue Album seiner Band zu verschieben, wie viele Musikerinnen und Musiker es zurzeit tun, sei allerdings keine Option gewesen, sagt der Mittdreißiger. Im Gegenteil: Aus seiner Sicht sei es sogar eine gute Zeit, um Musik zu veröffentlichen. Weil Menschen auf einmal wieder Muße hätten, Musik nicht nur beiläufig zu hören. 

Rückbesinnung auf das Wesentliche

Vielleicht kann die Krise dazu beitragen, sich auf das Wesentliche zurückzubesinnen, hofft Tabish. Mit seiner Band hat der Musiker damit schon begonnen. Beim letzten Album hatten Other Lives noch verstärkt mit Elektronik gearbeitet, auf der neuen Platte "For Their Love" macht die Band das bewusst nicht. 

"Wir haben so viel Zeit am Computer verbracht. Ich habe wirklich das menschliche Element vermisst und wollte zurück zu uns als Band kommen. In einem Raum, wie wir an den Songs arbeiten. Das war einer der ersten Gedanken, als wir anfingen mit der neuen Platte: 'Lasst uns den Computer nur als Aufnahmegerät nutzen!' Ich wollte nicht, dass die Musik aus dem Computer kommt, sie sollte wieder von uns als Band kommen."

Vor ein paar Jahren waren die drei Kernmitglieder der Band, die ursprünglich aus Oklahoma stammen, an die Westküste nach Portland in Oregon gezogen. Die Aufnahmen zu "For Their Love" entstanden jedoch in einem einsam gelegenen Haus außerhalb der Stadt. Nicht nur vom Sound, sondern auch der äußeren Erscheinung nach erinnern die drei an eine Rockband aus den 60er oder 70er Jahren: Bärte, lange Haare, Röhrenjeans. Hippies, aber uneitel und lässig dabei. Mit Folkrock hatte die Band um Sänger Jesse Tabish einmal angefangen. Mit der Zeit wurde der Sound jedoch ausladender - und Other Lives eine Mischung aus Rockband und Kammerorchester mit Streichern, Bläsern und Pauken.

Songs, in denen man sich verlieren kann

Auf "For Their Love" festigen Other Lives nun ihren typischen Sound: Die Songs verlaufen nicht linear wie gängige Popsongs mit ihren bekannten Abläufen, mit Strophe, Refrain und hier und da mal einer Bridge. Stattdessen entsteht eine Klanglandlandschaft - ohne Anfang, ohne Ende, in der sich das Ohr verlieren kann. Wie der epische Filmsoundtrack zu einem Western mit dem jungen Clint Eastwood. Sehnsucht schwingt mit, etwas Melancholisch-Mitreißendes. Fast ist die Musik etwas zu schön und gefällig. Den Bruch, der in der Musik fehlt, schaffen jedoch die Texte.

"Für mich ist es ein sehr persönliches Album, bei dem ich mich mit Ängsten auseinandersetze. Wie gehen wir damit um? Wie überwinden wir sie?", solche Fragen beschäftigen Tabish. Im Song "We Wait" zum Beispiel singt er über den Tod eines Freundes, der erschossen wurde, als er noch ein Teenager war. Ein Verlust, der ihn bis heute umtreibt. Es geht aber auch um Ängste allgemeinerer Art. Ängste, die er mit anderen Menschen seiner Heimat teilt, oder gesellschaftspolitische Zustände, die ihm Kopfzerbrechen bereiten. 

Der amerikanische Traum hat sich überlebt

"Wenn Du jeden Tag aufwachst, arbeiten gehst und Deine Steuern zahlst, sollte eigentlich alles okay sein. Wir leben nur unglücklicherweise in einem Land, das seine 'Working Class' nicht wertschätzt und keinen Sinn darin sieht, für die Bedürftigen zu sorgen. Die Regierung hilft ihren Bürgerinnen und Bürgern leider nicht, und deshalb gibt es eine echte Angst in Amerika. Menschen sind teilweise nur ein Monatsgehalt von der Obdachlosigkeit entfernt. Wenn ihr Kind krank wird, und sie die Miete nicht mehr bezahlen können, was können sie dann noch machen? Diese Angst ist existenziell."

Songs wie "Hey Hey" sprechen diese Missstände an. Streckenweise klingt das Album wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum. In Zeiten von Corona scheint sich dieser Traum sowieso überlebt zu haben, wenn gesellschaftlich benachteiligte Menschen besonders vom Virus betroffen sind. Zum Beispiel Obdachlose und People of Color - nicht nur in den USA. Trotzdem klingt auch Hoffnung auf dem neuen Album von Other Lives an, so Tabish.

"Ich denke, es kann auch etwas Gutes aus der Krise heraus entstehen. Vielleicht ist es eine Reset-Taste für uns als Gesellschaft und überholte Ideen unseres früheren Zusammenlebens werden wegspült. In diese Richtung habe ich Hoffnung."

 

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