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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Diskussion nicht einfach vom Tisch wischen20.09.2021

Forderung nach "Freedom Day" Die Diskussion nicht einfach vom Tisch wischen

Soll man die Corona-Maßnahmen bald beenden und einen "Freedom Day" feiern? Ein solcher Vorschlag des Chefs der kassenärztlichen Bundesvereinigung hat Empörung ausgelöst. Doch die Debatte einfach vom Tisch zu wischen, sei falsch, kommentiert Kathrin Kühn. Es gehe um berechtigte Fragen.

Ein Kommentar von Kathrin Kühn

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Ein Schild weist auf die Maskenpflicht in der Innenstadt hin (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Martin Schutt)
„Es geht hier schlicht um die Frage: Wie lange schränkt die Politik sonst übliche Freiheiten in diesem Land noch ein? Wie groß ist die Gefahr, die noch vom Coronavirus ausgeht?", kommentiert Kathrin Kühn (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Martin Schutt)
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Da rollt sie durchs Land, die nächste Aufregerwelle in der Pandemie. In diesem Fall angestoßen vom Chef der kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. Einen Tag der Freiheit – Ende Oktober. Sein Vorschlag in einem Zeitungsinterview war nicht lange in der Welt, da baute sie sich auf, die Empörung. Es hagelte Kritik und Absagen - und den Vorwurf, die Kassenärzte seien ja immer für eine Schlagzeile zu haben.

Zuspitzung legitim

Und damit wird aus dem Thema genau das, was wir schon oft hatten: Eine destruktive Diskussion über eine durchaus wichtige Frage. Ja, das stimmt – Gassen hat sie zwar ziemlich zugespitzt in den Raum geworfen, mit diesem Boris-Johnson-Vergleich über den Freedom Day. Aber ehrlicherweise: So etwas ist ja oft nötig, um die entsprechende Aufmerksamkeit zu bekommen.

  (picture alliance/dpa | Daniel Reinhardt) (picture alliance/dpa | Daniel Reinhardt)Kommentar: Impfkampagne in der Sackgasse
Mit der Ablehnung einer Impfpflicht habe die Bundesregierung das wirksamste Mittel gegen eine stockende Impfkampagne aus der Hand gegeben, kommentiert Stephan Detjen. 

Was also steht hinter dem Vorschlag, wenn wir diesen sehr polarisierenden Begriff des Freedom Day mal weglassen: Es geht hier schlicht um die Frage: Wie lange schränkt die Politik sonst übliche Freiheiten in diesem Land noch ein? Wie groß ist die Gefahr, die noch vom Coronavirus ausgeht – und wie groß ist die Last durch die noch bestehenden Corona-Regeln auf der anderen Seite? Das sind berechtigte Fragen für eine Demokratie in einer Pandemie. Und sie dürfen und müssen immer wieder gestellt werden. Und es gab sogar schon einen ähnlichen Vorschlag, aus der Großen Koalition. Außenminister Maas hatte ihn gemacht, im Juli. Sein Vorschlag: Die Beschränkungen aufheben, wenn es für alle ein Impfangebot gibt. Damals wurde das – zurecht – verworfen. Denn es gab noch nicht für alle ein Angebot, auch die Stiko-Entscheidung zur Impfung für Jugendliche stand noch aus.

Nicht vor der Diskussion wegducken

Inzwischen hat sich die Lage geändert. Insofern: Wäre es nicht einen Gedanken wert, sich zu fragen, ob und wann das Risiko einer Corona-Erkrankung ohne Impfung jedem selbst auferlegt wird? Weil das auch ein Impfanreiz sein könnte? Und: Weil es wichtig wäre, darüber zu diskutieren, ob Corona-Erkrankungen mit leichtem Verlauf hinnehmbar sind - wie es oft bei Kindern der Fall ist. Und – ja, auch darüber, wie es mit dem Schutz von denjenigen ist, die nach wie vor gefährdet sind, trotz Impfung oder weil sie sich nicht impfen lassen können. Sicherlich eine heiklere ethische Debatte.

Zeitnah darüber debattieren

Aber sie mit einer Welle der Kritik ohne ernsthafte Diskussion vom Tisch zu wischen – bloß nicht jetzt zur Bundestagswahl - das hilft in der Sache sicherlich nicht. Im Gegenteil. Die Lage wird nach der Wahl ja erstmal auch nicht besser werden.

Warum also nicht jetzt zeitnah darüber diskutieren, wann Politik und Gesellschaft den Krisenmodus verlassen wollen. Ob Ende Oktober ein guter Zeitpunkt dafür ist, das ist fraglich. Dass es ihn aber geben muss, und zwar nicht irgendwann, das steht ohne Zweifel fest. Wegducken hilft da nicht. 

Kathrin Kühn, geboren Ende der 1970er in Paderborn, aufgewachsen in Dortmund an nicht-akademischem Küchentisch. Studium Journalistik und Volkswirtschaftslehre, mit Auslandszeit in Katowice / Polen. Volontariat im nordrhein-westfälischen Lokalfunk. Promotion in Kulturwissenschaften, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Dortmunder Erich-Brost-Institut, parallel freiberufliche Nachrichtenmoderatorin im WDR. Später crossmediale Redakteurin und Volontärsausbilderin im WDR-Newsroom. 2021 dann Rückkehr in die Wissenschaft – zum Deutschlandfunk.

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