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StartseiteForschung aktuellStimm-Datenbank zur Verbrecherjagd30.04.2019

Forensische GutachtenStimm-Datenbank zur Verbrecherjagd

Eine kriminologische Sprachdatenbank ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen dem LKA Brandenburg und der Universität Trier. Forensiker sollen damit bei Erpresser- oder Drohanrufen Rückschlüsse auf Alter oder Herkunft des Täters ziehen können, sagte Phonetik-Professorin Angelika Braun im Dlf.

Angelika Braun im Gespräch mit Monika Seynsche

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Das Bild zeigt den Kopf des Angeklagten unscharf im Hintergrund neben seinem Verteidiger. Im Vordergrund scharf der Rücken eines Justizbeamten mit der Rückenaufschrift "Justiz".  (Marijan Murat/dpa)
Die typische „Klientel“ für Straftaten: Männliche Personen zwischen 18 und 45 (Marijan Murat/dpa)
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Monika Seynsche: Wenn ein Erpresser bei seinem Opfer anruft oder ein vermummter Bankräuber seine Forderungen stellt, dann ist die Stimme oft der einzige Hinweis auf den Täter. Also werden Stimmvergleichsgutachter eingesetzt, um die Stimme zu analysieren. Eine solche Gutachterin ist die Phonetik-Professorin Angelika Braun von der Universität Trier. Sie hat jetzt zusammen mit dem Landeskriminalamt Brandenburg eine Datenbank aufgebaut mit den Stimmmerkmalen von 200 jungen Männern zwischen 18 und 45. Ich habe sie gefragt, was genau sie da gemacht hat.

Angelika Braun: Wir haben Hintergrunddaten gesammelt, die uns bei der Bewertung der Aussagekraft von Befunden in Stimmenvergleichen in Gutachten helfen sollen. Das klingt jetzt erst mal ein bisschen abstrakt. Aber dazu muss man wissen, dass stimmenvergleichende Gutachten nicht so funktioniert, wie vielleicht aus dem "Tatort" oder "NCIS" bekannt ist, dass man einfach zwei Kurven übereinanderschiebt und dann sagt, oh ja, zu 97 Prozent besteht da Übereinstimmung, sondern wir arbeiten in stimmenvergleichenden Gutachten in mühsamer Kleinarbeit eine ganze Reihe von Merkmalen ab, deren Ähnlichkeit und Übereinstimmung wir bewerten.

"Die Stimme verändert sich" 

Seynsche: Warum ist es denn so kompliziert, Stimmen zu vergleichen? Ist es nicht wie ein Fingerabdruck?

Braun: Nein, leider Gottes ist es nicht so wie ein Fingerabdruck, dann wäre die Arbeit wesentlich einfacher. Stimme ist eben nicht einem Fingerabdruck oder der DNA vergleichbar, weil die beiden Letztgenannten ja über ein Leben lang unveränderlich sind. Die Stimme verändert sich sowohl im langen Lebensverlauf – so klingt eine Stimme eines Jugendlichen eben anders, als wäre es eine Altersstimme – als auch eben sehr kurzfristig. Wenn Sie zum Beispiel die Stimme eines Fußballtrainers vor dem Spiel und nach dem Spiel vergleichen, dann werden Sie feststellen, dass da sehr große Unterschiede auftreten können. Und allein dadurch, dass ich mich vielleicht heute erkälte und morgen einen dicken Schnupfen habe, wird meine Stimme und mein Stimmklang sehr stark verändert. Dadurch wird eben die Aufgabe des Stimmenvergleichs im Vergleich zum Fingerabdruck und zum DNA-Vergleich sehr stark erschwert.

Seynsche: Sie hatten gerade eben von Stimmmerkmalen gesprochen. Was sind denn das für Stimmmerkmale?

Braun: Das ist eine ganze Reihe von Merkmalen, die sich sowohl auf die Tonerzeugung im Kehlkopf beziehen können als auch auf die Aussprache oberhalb des Kehlkopfes quasi. Im Kehlkopf sind das Merkmale wie Rauigkeit oder Heiserkeit oder eben das Knarren, das so typisch war für den früheren Außenminister Fischer – dass man eben diese knarrende Stimme permanent hat. Und oberhalb des Kehlkopfes geht es um Merkmale wie den Dialekt, aber auch um Aussprachefehler, wie zum Beispiel Lispeln oder Stottern.

Datenbank mit verschiedenen Stimmmerkmalen

Seynsche: Jetzt haben Sie diese Datenbank mit verschiedenen Stimmmerkmalen, wie genau hilft Ihnen das jetzt, wenn man einen Verbrecher jagt. Ich weiß, dass Sie selber keine Verbrecher jagen, aber wie hilft das bei dieser Suche?

Braun: Diese Datenbank hilft uns indirekt insofern, als Merkmale des Stimmklangs, die ja in dieser Datenbank enthalten sind, auch im stimmenvergleichenden Gutachten untersucht werden. Merkmale des Stimmklangs sind eben zum Beispiel Rauigkeit oder Heiserkeit, aber auch so ein Merkmal, wie man es bei Udo Lindenberg ganz klassisch findet, diese Lippenvorstülpung, oder eben das Breitziehen der Lippen, wie man es bei Horst Seehofer findet, oder der Stimmklang, der immer so ein bisschen erkältet klingt, wie man ihn ganz typisch bei Andrea Nahles findet. Also auch solche Merkmale werden in stimmenvergleichenden Gutachten untersucht, und diese Datenbank hilft uns nun dabei, die Aussagekraft dessen, was wir bei diesen Untersuchungen finden, zu beurteilen insofern, als wir bewerten können, ob diese Merkmale häufig oder selten sind. Es reicht ja bei einem Stimmenvergleich nicht aus, einfach nur Ähnlichkeit zu finden, sondern man muss auch bewerten können, wie häufig oder selten diese Ähnlichkeit in der Bevölkerung auftritt, und dabei soll uns diese Datenbank helfen.

Seynsche: Das heißt, wenn Sie jetzt ein Merkmal finden, was aber ganz, ganz häufig in der Bevölkerung ist, dann sind Sie immer noch nicht sicher, ob das jetzt wirklich der richtige Verbrecher ist.

Braun: Genau, das ist ein notwendiges Merkmal für eine Übereinstimmung zwischen diesen zwei Personen, aber es ist kein hinreichendes Merkmal. Nur dann, wenn ein Merkmal auch wirklich selten auftritt und damit einen hohen, sagen wir mal, Alleinstellungswert hat, dann würde man in der Wahrscheinlichkeitsaussage im Gutachten eben eine hohe Stufe erreichen können.

Die typische "Klientel": Männliche Personen zwischen 18 und 45

Seynsche: Reichen denn diese 200 Probanden, die Sie für die Datenbank genutzt haben, aus, oder ist das eine sehr geringe Zahl?

Braun: Na ja, ich würde sagen, es ist schon eine recht gute Zahl, weil sie ja nicht die gesamte Bevölkerung umfasst, sondern diese 200 Probanden sind ja ganz bewusst so ausgesucht, dass sie die typische "Klientel", in Anführungsstrichen, repräsentieren, das heißt, männliche Personen zwischen 18 und 45 Jahren, die eben rein statistisch in unseren Gutachten am häufigsten vorkommen. Das heißt, es ist eine Datenbank, die nicht den Anspruch erhebt, für die gesamte Bevölkerung repräsentativ zu sein, sondern nur diese Altersklasse repräsentiert, und sie ist deutlich größer als vergleichbare Datenbanken, die zum Beispiel für die Stimmhöhe benutzt werden und auch in forensischen Gutachten angewandt werden.

Seynsche: Und wie geht es jetzt weiter, also wie wird diese Datenbank jetzt eingesetzt?

Braun: Die Datenbank wird ganz konkret in der Begutachtung eingesetzt, indem nämlich die Sachverständigen in der Lage sind, Übereinstimmungen, die sie finden, dann eben auch vor dem Hintergrund der Verteilung in der Bevölkerung zu bewerten. Das heißt, ich kann jetzt ganz konkret nachschauen, wie häufig ist es denn, dass zwei Sprecher diese berühmte Lippenrundung von Udo Lindenberg oder auch Donald Trump aufweisen, und dann würde man in unserer Datenbank beispielsweise auf eine Zahl von sechs Prozent kommen. Das heißt, es ist ein relativ seltenes Merkmal.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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