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StartseiteUmwelt und VerbraucherForscher streiten über Beherrschbarkeit des Klimawandels23.10.2012

Forscher streiten über Beherrschbarkeit des Klimawandels

Deutsche Akademie der Technikwissenschaften legt umstrittene Studie vor

Der Klimawandel ist da, darüber sind sich fast alle Wissenschaftler einig. Doch Klimaforscher sind sich uneins, wie seine Folgen einzuschätzen sind. Nun wird der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, die in einer Studie Empfehlungen für die Klimapolitik ausgesprochen hatte, vorgeworfen, den Klimawandel zu verharmlosen.

Von Verena Kemna

Folgen des Klimawandels: In Grönland schmelzen Eisberge. Laut acatech sind die Folgen in Deutschland jedoch für die nächsten zwei, drei Jahrzehnte beherrschbar (AP)
Folgen des Klimawandels: In Grönland schmelzen Eisberge. Laut acatech sind die Folgen in Deutschland jedoch für die nächsten zwei, drei Jahrzehnte beherrschbar (AP)

Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften hat die Folgen des Klimawandels untersucht und auf fast vierzig Seiten Anpassungsstrategien in der Klimapolitik ausgearbeitet. Ursprünglich haben vierzig namhafte Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam an dem Gutachten gearbeitet.

Wegen grundsätzlicher Differenzen sind bereits im Sommer alle vier Klimawissenschaftler des Gremiums ausgestiegen. Sie kritisieren, dass die Studie den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel nicht ausreichend wiedergibt. Paul Becker, der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes ist einer der vier Klimaforscher, die sich von der acatech Studie distanzieren.

"Wir wissen, dass die Treibhausgasemissionen eine Wirkung auf das Klima haben, und wenn wir daran etwas ändern, dann wird es unser Klima verändern. Das ist eine klare Position, und die wollten wir im Papier abgebildet sehen, und das ist uns nicht gelungen."

Vieles steht in der Studie eben nicht drin, erklärt Paul Becker. Zwar beschreibt die Studie von acatech zunehmende Extremwetterlagen und entsprechende Gefahren für Menschen und Infrastrukturen. Vor allem regional seien natürliche Ressourcen bedroht, etwa infolge von anhaltender Trockenheit im Osten Deutschlands oder auch durch eine veränderte Artenvielfalt in Gebirgsregionen.

Doch der Bericht warnt eindeutig davor, die Folgen des Klimawandels zu dramatisieren. Es seien gegenwärtig in Deutschland keine klimatischen Verhältnisse zu erwarten, die nicht bereits in anderen Regionen der Erde existieren würden. Kurzum, die Mitarbeiter der acatech Studie beschreiben den Klimawandel als grundsätzlich beherrschbar. Eine solche Aussage wiederum kann der Klimawissenschaftler Paul Becker nicht akzeptieren.

"Natürlich kann sich Deutschland relativ gut an den Klimawandel anpassen, aber die Frage ist, kann man das ohne den internationalen Kontext überhaupt so betrachten. Ich glaube nein, Deutschland ist da nicht alleine, und wenn wir die Treibhausgasemissionen nicht vermindern, und wenn wir nicht weltweit Anpassungsbemühungen richtig durchführen können, dann werden wir nach meinem Verständnis ein Riesenproblem bekommen, und grad die Diskussion um die Beherrschbarkeit hätte ich mir anders gewünscht."

Ihm geht es um die vielen Formulierungen, die in der acatech Studie nicht auftauchen. Reinhard Hüttl, acatech Präsident und Vorstandssprecher des GeoForschungszentrums Potsdam, distanziert sich von dem Vorwurf, die Studie würde die Folgen des Klimawandels verharmlosen. Er steht hinter den Thesen der acatech Studie.

"Der Mensch ist zentral an diesem Klimawandel, so, wie wir ihn jetzt haben, beteiligt. Die Auswirkungen sind regional sehr verschieden. Sie sind in Deutschland, nach unserer Meinung, für die nächsten zwei, drei Jahrzehnte, das ist der Zeitraum, den wir uns angeschaut haben, beherrschbar. Man muss das allerdings systemisch betrachten. International ist das eine ganz andere Sache, und wir haben vor, uns mit diesem internationalen Themenkomplex noch einmal gesondert auseinander zu setzen."

Er bedauert, dass alle vier Klimaforscher das Gremium verlassen haben. Mit ein Grund dafür ist die Mitarbeit des ehemaligen Hamburger Umweltsenators und umstrittenen RWE-Managers Fritz Vahrenholt. Dieser hält die gängigen Prognosen für die Erderwärmung durch CO2 für maßlos übertrieben. Varenholt stellt außerdem die Vorhersagen des Weltklimarates infrage. Acatech Präsident Hüttl steht hinter der Person Varenholt als Mitautor der acatech Studie.

"Was die Fakten anbelangt, sehe ich keine wirklichen Differenzen. In Nuancen vielleicht, aber das ist für das Thema 'Anpassung' überhaupt nicht strittig."

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