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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas ist noch kein Tabubruch31.07.2019

Forschung an ChimärenDas ist noch kein Tabubruch

Wenn Japan nun die Geburt von Mischwesen aus Mensch und Tier erlaube und Forscher so neue Organe für die Transplantation züchten wollten, sei spontane Ablehnung fehl am Platz, kommentiert Michael Lange. Die Forschung in diesem Bereich brauche aber eine kritische Bewertung.

Von Michael Lange

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Ein Mischwesen mit einem Voglekörper und einem menschlichen Kopf sitzt auf einem Ast. Im Hintergrund ist der Vollmond zu sehen. (dpa / picture-alliance / akg-images)
Mischwesen aus Tier Mensch sind seit Jahrtausenden Teil menschlicher Phantasie. Hier Hans Thomas Werk "Harpyie" (1892) (dpa / picture-alliance / akg-images)

Mäuse sind Mäuse. Ratten sind Ratten. Und Menschen sind Menschen. So einfach könnte es sein. Wären da nicht diese Wissenschaftler, die sich ungern mit Grenzen abfinden. Das gilt auch für die japanischen Forscher, die nun ganz offiziell die Erlaubnis erhalten haben, Tiere zu züchten, die menschliche Organe in sich tragen. Manche sprechen von Mischwesen oder Chimären.

Überschreitung der Artgrenzen ist nichts Neues

Die Entrüstung über den Tabubruch scheint berechtigt. Allerdings ist die Überschreitung von Artgrenzen in der Wissenschaft nicht neu. Menschliche Gene sind längst verbreitet in Mäusen, Ratten, Schweinen und sogar in Fliegen. Gentechnik überwindet seit fast 50 Jahren die natürlichen Artgrenzen. Und längst nicht immer wird der Forscherdrang durch medizinischen Nutzen angetrieben.

Das ist hier anders. Es geht um Organe für die Transplantationsmedizin. Japanische Forscher wollen menschliche Zellen in Tieren heranreifen lassen. Genetisch verändert sind die Tiere nicht. Mäuse bleiben Mäuse, und Ratten bleiben Ratten. Unnatürlich sind nur die rein menschlichen Stammzellen im Körper der Tiere. Sie könnten zukünftig aus der Haut von Patienten stammen. Im Tier sollen sie sich dann weiterentwickeln zu menschlichen Organen. Zunächst zu Bauchspeicheldrüsen – und später zu Herzen, Nieren oder Lebern. Genetisch absolut identisch mit dem Organempfänger. Deshalb bleibt nach einer Transplantation dieser Organe die gefürchtete Abstoßung aus. Die Forscher hoffen, dass vielen kranken Menschen, die auf Organe warten, so geholfen werden kann.

Mäuse und Ratten sind erst der Anfang

Und ist es wirklich ein Tabubruch, wenn eine Menschenleber in einem Tier arbeitet? Ist dieses Tier deshalb ein Mischwesen? Ein Organempfänger bleibt ja auch er selbst, wenn er das Herz oder die Leber eines Fremden in sich trägt. Auch bei einem Organ aus einer fremden Spezies – zum Beispiel aus einem Schwein - wäre das nicht anders. Denn natürlich ist die Forschung mit Mäusen und Ratten nur der Anfang. Schweine oder Schafe als Organspender könnten folgen.  

Was aber, wenn die fremden Zellen im Tier nicht das gewünschte Organ bilden oder wenn Stammzellen zu Nervenzellen im Gehirn werden? Dann würden menschliche Zellen in einem Tiergehirn arbeiten und vielleicht denken wie ein Mensch. Wird das Tier dann menschlich? Hier sind ethische Fragen offensichtlich, aber zurzeit nicht zu beantworten.

Um Erfolg zu haben, müssen Wissenschaftler verschiedene Wege ausprobieren. Die Forschung in diesem Bereich verdient eine kritische Bewertung. Keinen naiven Fortschritts-Optimismus, aber auch keine spontane Ablehnung.

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