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StartseiteForschung aktuellSex im Schatten von Mama21.05.2019

Fortpflanzung bei BonobosSex im Schatten von Mama

"Bonobo-Mütter können durch ihre Präsenz die Wahrscheinlichkeit verdreifachen, dass ihre Söhne Väter werden", sagte Anthropologe Martin Surbeck im Dlf. Durch den hohen Status der Mütter in der Gruppe gelangten ihre Söhne leichter zu den Weibchen. Zur Not werden die Mamas sogar handgreiflich.

Martin Surbeck im Gespräch mit Arndt Reuning

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Bonobo Mutter mit Kind im Salonga National Park im Kongo. (imago / Theo Webb)
Wenn Mama bei der Partnersuche hilft - so geht es zu bei den Zwergschimpansen (imago / Theo Webb)
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Arndt Reuning: Eine ganz besondere Mutter-Sohn-Beziehung beschreiben Forschende aus Leipzig im Fachmagazin "Current Biology" - bei Zwergschimpansen, den Bonobos – und zwar hinsichtlich der Fortpflanzung. An der Studie beteiligt war Martin Surbeck vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. Vor der Sendung hat er mir beschrieben, was genau er bei den Affen beobachtet hat.

Martin Surbeck: Was wir beobachtet haben während unseren Tagen im Regenwald mit den Bonobos ist, dass Weibchen sich eingemischt haben in etwas, was wir bis anhin eigentlich als eine Männerdomäne gekannt haben, nämlich die Konkurrenz um den Zugang zu anderen Weibchen. Also da haben Weibchen sich mit Männern geprügelt. Und es war eigentlich relativ früh irgendwie eine Frage: Wieso mischen die sich in solche Dinge ein?

Und das wurde dann ziemlich schnell klar, als wir die Verwandtschaften bestimmt haben, nämlich das waren die Mütter von den Männern, die sich da geprügelt haben. Und was wir dann eben später in dieser Studie herausgefunden haben, ist, dass sich diese Hilfe wirklich ausbezahlt macht, nämlich, dass die Weibchen durch ihre Präsenz die Wahrscheinlichkeit, dass eben ihre Söhne Väter werden, verdreifachen können.

Weibchen haben hohen Status in der Gruppe

Reuning: Und wie genau gehen sie denn dabei vor?

Surbeck: Die Weibchen zum einen versuchen, während die eigenen Söhne kopulieren, andere Männchen daran zu hindern, die eigenen Söhne da wegzujagen von diesen Weibchen. Sie selber haben auch eher Zugang zur zentralen Position innerhalb von dieser Gruppe. Die Weibchen haben sehr hohen Status innerhalb von dieser Gruppe, und im Schatten der Mutter können die Männchen halt wirklich in diese zentralen Positionen in der Gruppe gelangen, wo sie auch mehr Gelegenheit haben, mit anderen Weibchen zu interagieren.

Reuning: Das heißt, die Mütter stellen auch tatsächlich den Kontakt zwischen ihren erwachsenen Söhnen und anderen Weibchen her?

Surbeck: Na ja, das würde ich so nicht sagen. Also es ist nicht so, dass die Mütter ihre Söhne an der Hand nehmen und zu diesen Weibchen hinziehen. Aber es ist schon so, dass diese Mütter halt einfach sich um diese interessanten Weibchen herum positionieren. Und mehr oder weniger im Schatten der Mütter können die Söhne sich dann eben auch da aufhalten.

Töchter wandern ab, Söhne bleiben bei Mama

Reuning: Und solch ein Verhalten war bisher von keinen anderen Primaten bekannt? Oder sollte man nicht vielleicht annehmen, dass nahe Verwandte der Bonobos wie etwa die Schimpansen selbst sich doch ganz ähnlich verhalten?

Surbeck: Es ist so, dass bei den Schimpansen beschrieben wurde, dass Mütter zumindest versuchen, ihre Söhne zu unterstützen. Nur ist es so, bei den Schimpansen im Gegensatz zu den Bonobos sind alle Männchen dominant über die Weibchen, das heißt, die Hilfe von einem Weibchen, in diesem Fall der Mutter, bringt halt einfach nicht so viel bei den Schimpansen. Und wir haben eben versucht, in dieser Studie zu quantifizieren, inwiefern die Präsenz von der Mutter innerhalb der Gruppe, wie das die Wahrscheinlichkeit eines Männchens irgendwie verändert, dass er Vater wird.

Und wir haben eben gefunden: Wenn ein Schimpansenmännchen eine Mutter dabei noch lebend hat in der Gruppe, dann ändert sich kaum was an seinen Chancen irgendwie, Vater zu werden von einem bestimmten Nachwuchs, wohingegen bei den Bonobos sich diese Chancen, eigenen Nachwuchs zu kriegen, für ein Männchen fast verdreifachen, wenn die Mutter noch in der Gruppe lebt.

Reuning: Und wie sieht es denn mit Töchtern der Bonobo-Weibchen aus? Kümmert sich die Mutter ebenso um deren Fortpflanzungserfolg?

Surbeck: Mit den Töchtern ist das so ein Ding, die meisten Töchter, die wandern eigentlich ab aus der Gruppe. Das ist nicht so wie bei den meisten Säugetieren, dass die Männchen gehen, bei den Bonobos, sondern die Männchen bleiben immer zu Hause bei Mama sozusagen. Und es sind die Töchter, die, bevor sie geschlechtsreif werden, meistens abwandern. Also wir haben da keine Indizien dafür, dass die Mütter die Töchter irgendwie insbesondere unterstützen würden bei der Aufzucht der Jungen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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