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Fortsetzung eines Konzeptalbums nach 40 Jahren

Im Jahr sorgte das Album "Thick as a brick" der britischen Band Jethro Tull weltweit für Aufsehen. Es war in eine Zeitung eingehüllt und bestand aus einem einzigen Stück über den Schüler Gerald Bostock, der sich mit einer beängstigenden und ungerechten Welt konfrontiert sieht. Jethro Tull hat nun "Thick as a brick" Teil zwei veröffentlicht.

Von Frank Schroeder | 31.03.2012
    Es gibt ja Schallplatten, die wirft man einfach nicht weg, selbst wenn man längst keinen Plattenspieler mehr sein Eigen nennt. Jethro Tulls "Thick as a brick" ist so ein Fall.

    Was waren das noch für Zeiten, schwärmt ein jeder mit glänzenden Augen. Die Platte damals eingehüllt in eine witzig gemachte Zeitung, die der Außergewöhnlichkeit eines durchgehenden 45-Minuten-Werks noch das I-Tüpfelchen aufsetzte. Thema hier wie da: der frühreife Schüler Gerald Bostock, der sich mit einer beängstigenden und ungerechten Welt konfrontiert sieht. Die Querflöte Ian Andersons als Rockinstrument neben der röhrenden Hammondorgel. Und nun, 40 Jahre später, eine adäquate Fortführung der alten Geschichte um Gerald Bostock? Ian Anderson:

    "Also das ist nicht wirklich eine Fortführung, es ist eher ein großer Sprung, 40 Jahre in die Zukunft. Denn immer, wenn ich in den zurückliegenden Jahren gefragt wurde: Mach doch mal eine Fortsetzung von 'Thick as a brick', habe ich mich gesträubt. Ich wollte nicht zurück in die 70er, wollte keinen nostalgischen Rückblick. Aber dann habe ich mich gefragt: Was hätte aus dem kleinen Gerald Bostock, diesem fiktiven Charakter aus dem ersten Teil von 'Thick as a brick', alles werden können, was könnte der heute machen?"

    Das Gedankenspiel - was wäre wenn - ist auch ein Rückblick auf die Berufswünsche des Jethro-Tull-Gründers Ian Anderson, als der selbst noch Kind war. Aus mir, sagt er, hätte vieles werden können: ein Seemann, ein Soldat? Ein Astronaut? Ein Waldbauer? Und dann wurde er doch: Musiker. Und seine "Thick as a brick"-Erfindung, der kleine Gerald Bostock? Was hätte nun aus dem werden können:

    "Einer seiner Charaktere ist der eines korrupten Fernseh-Predigers, ein anderer der eines Soldaten, der seinen Dienst als Helikopter-Pilot in Irak geleistet hat, und der nun, wieder in der Heimat, versucht, anderen heimkehrenden Soldaten die Re-Integration ins zivile Leben zu erleichtern. Obwohl ihn die augenscheinliche Sinnlosigkeit des Krieges selbst verbittert hat. Viele Heimkehrer sind verwundet, seelisch am Ende. Der Song handelt von großen Fehlern, Fehlern wie dem Krieg gegen Afghanistan oder gegen den Irak. Das ist kein lustiges Lied, sondern eines über den Tod, über Trauer und Sinnlosigkeit."

    Wer nun aber denkt, dass auch die Fortsetzung der alten Geschichte zu einem neuen Monumentalwerk geführt haben sollte, der irrt. Das Album "Thick as a brick 2" besteht aus einzelnen Titeln, ergänzt durch erzählende Passagen. Die inhaltliche Fortschreibung der Geschichte erscheint dabei beliebig, denn alle Titel stehen für auch sich allein, ergeben sich nicht zwingend aus der ursprünglichen Erzählung. Erinnerungen an Teil 1 ergeben sich lediglich durch musikalische Reminiszensen. Dieses zum Beispiel war der Mittelteil von "Thick as a brick 1":

    (Ausschnitt Track 2)

    In der Fortschreibung des Jahres 2012 klingt das so:

    (Ausschnitt Track 1)

    Nahezu eine ganze identische Minute. Ähnliche Anknüpfungspunkte finden sich quer durch das gesamte neue Album. Insbesondere die einprägsamen Melodiebögen von einst dienen jetzt als Versatzstücke:

    (Ausschnitt Track 1)

    Und heute?

    (Ausschnitt Track 1)

    Und als letztes Beispiel diese Sequenz:

    (Ausschnitt Track 1)

    Das Zitat 40 Jahre später:

    (Ausschnitt Track 8)

    Dieses Kopieren und Erinnern an die alten Zeiten mag als dramaturgischer Trick gestattet, wenn nicht gar zwingend notwendig sein. Und sonstige Ähnlichkeiten nach vier Jahrzehnten? Was zum Beispiel ist aus der alten Zeitung geworden, dem 'St. Cleve Chronicle'? Ian Anderson:

    "Der 'St. Cleve Chronicle' ist heute www St Cleve.com - und das ist noch humoristischer gemacht als die damalige Zeitung, in die das erste 'Thick-as-a-brick'-Album ja regelrecht eingewickelt war. Die Internetzeitung von heute schaut mit viel Witz auf unsere tägliche Nachrichtenflut und auf unsere aktuellen Kommunikationsmöglichkeiten via Internet. Also auch hier: Die Beschreibung des Jahres 2012, weil ich wirklich kein Interesse daran hatte, nochmal eine Zeitung oder ein Album wie im Jahre 1972 zu machen."

    1972 - damals galt Ian Anderson als einer der kreativsten Musiker weltweit. Seit den 80ern konnte er diesen Ruf nur noch eingeschränkt verteidigen, auch wenn er noch immer hoch komplizierte Kompositionsstrukturen und ausgefallene Taktwechsel zelebrierte, zu vieles, meinte man schon einmal gehört zu haben. Dass sich das nun, 2012 geändert habe, können wir trotz eines insgesamt gut hörbaren Albums nicht unbedingt behaupten.