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StartseiteDeutschland heuteGebärdensprache auf der Bühne 03.12.2015

Forum für Freies Theater DüsseldorfGebärdensprache auf der Bühne

Die Regisseurin Wera Mahne hat mit einer Gruppe von Kindern ein Theaterstück auf die Bühne gebracht. Das Besondere: Die Gruppe besteht aus tauben und hörenden Kindern gleichermaßen. Das Ergebnis kann sich sehen und hören lassen.

Von Azade Pesmen

Szene aus dem Theaterstück "Wach" in Laut- und Gebärdensprache von Wera Mahne. (Christian Herrmann)
Das Theaterstück "Wach" in Laut- und Gebärdensprache von Wera Mahne. (Christian Herrmann)
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Technobeats und große herunterhängende Stoffbahnen – das ist kein Partykeller in einer deutschen Großstadt, sondern ein Bühnenbild des Theaterstücks "Wach" im Forum für Freies Theater Düsseldorf. Anders als in den meisten Vorführungen werden hier zwei Sprachen gleichzeitig gesprochen: Die Lautsprache und die Deutsche Gebärdensprache, die sich aus einer Mischung aus Handzeichen, Mimik und Körperhaltung zusammensetzt. Bei zwei unterschiedlichen Sprachen wird schon mal die gleiche Geschichte unterschiedlich erzählt:

"Was denn? Ja, du erzählst gerade vom Rollschuhfahren und ich erzähle vom rosanen Kleid! Das wird nämlich - hey! Rollschuhfahren, gut, aber ich erzähl vom rosanen Kleid! Und [lautes Stampfen] Rosanes Kleid! Rosanes Kleid!"

Die Geschichten der Kinder auf die Bühne gebracht

Eigens für das Theaterstück haben sich hörende und taube Kinder Geschichten ausgedacht. Zwei Gruppen, die eigentlich selten etwas miteinander zu tun haben, denn wer die Gebärdensprache nicht beherrscht, wird Schwierigkeiten haben, sich mit tauben Menschen zu verständigen. Geklappt hat es trotzdem. Die Schauspielerin Pia Katharina Jendreizik hat mit den Kindern zusammengearbeitet, um ihre Geschichten auf die Bühne zu bringen.

"Also für mich war es mit den Kindern eine ganz neue Erfahrung, auch eine große Herausforderung. Bei Hörenden ist es natürlich so, dass sie sich einfach verständigen können. Bei Gehörlosen ist es so, man muss sich eben antippen, man kann nicht rufen oder man macht zum Beispiel Licht an und aus, tritt auf den Boden, dadurch kriegt man Aufmerksamkeit. Man braucht auch ganz stark den Augenkontakt, weil man ja nichts hört. Und das müssen auch die hörenden Kinder erst mal lernen."

Geklappt hat es aber trotzdem und herausgekommen ist ein Theaterstück, bei dem das in Szene gesetzt wird, was Kinder bewegt und wovon sie träumen.

Es werden auch leise Töne angeschlagen. Die Geschichten im Theaterstück "Wach" erzählen davon, wovor Kinder Angst haben:

"Ich habe zum Beispiel Angst vor dem Zahnarzt. Wenn er dann mit seinem Bohrer kommt, und ich habe Angst vor Spinnen. Die haben lange Beine und bewegen sich so schnell."

Spinnen werden nicht nur in Form des Schauspielers verkörpert, sondern auch mithilfe eines Beamers, mit dem Schauspieler Rafael-Evitan Grombelka projiziert. Es wird viel mit visuellen Mitteln gearbeitet, vielleicht sogar mehr, als in konventionellen Theaterproduktionen. Dort schafft die Deutsche Gebärdensprache es selten auf die Bühne. Die Theaterregisseurin Wera Mahne findet, dass sich die Gebärdensprache gut für Inszenierungen anbietet.

"Einerseits ist die Gebärdensprache eine sehr visuelle Sprache, die sehr viel mit Performance und Darstellung zu tun hat und mit dem eigenen Charakter, was wiederum eine große Verbindung hat, zu Theater und Performance, weil quasi das Sprechen, der Sprechakt durch die Hände und durch die Mimik und durch die Darstellung sofort einen theatralen Charakter bekommt und sehr einzigartig ist."

Gebärdensprache und Lautsprache integriert

Das Ergebnis und vor allem die Idee, Inklusion direkt umzusetzen, indem hörende und taube Kinder zusammen ein Theaterstück erarbeiten, dass sowohl für gehörlose, als auch für hörende Zuschauer geeignet ist, kommen bei dem Publikum gut an.

Zuschauerin: "Ich fand es aber auch super, dass Gehörlose und Hörende mit dabei waren, das es halt irgendwie integriert wurde, Gebärdensprache und Lautsprache. So was habe ich noch nicht gesehen, das ist das erste Mal, dass ich so was gesehen habe. Für uns ist es natürlich sehr wichtig, dass es sehr visuell ist, dadurch verstehen wir mehr. Sonst ist es eher so, dass ich ungefähr was verstehe, Musik können wir natürlich nicht hören, aber hier war das super, hier war das für Gehörlose auch gut."

Um Theaterstücke auch für taube Menschen erfahrbarer zu machen, müssten sie simultan übersetzt werden - allerdings kommen auf 450 Gehörlose derzeit nur ein Gebärdensprachdolmetscher. Kulturelle Angebote für taube Menschen gibt es, aber viel zu wenig, meint der Schauspieler Rafael-Evitan Grombelka. Es könne noch mehr getan werden, sagt er, indem er mit seinen Händen Gebärden formt. Kathrin-Marén Enders übersetzt:

"Ich möchte gerne morgens aufwachen und aufstehen und einfach sagen: Ok, ich hätte gerne Lust heute Abend ins Theater zu gehen. Egal und dann ist halt ein Dolmetscher da und ich könnte alles verstehen, aber in Wahrheit gibt's das halt nicht, in der Realität. Ich werde wach und ich muss halt gucken, gibt es eventuell Termine, vielleicht mit dem Theater oder irgendwo, wo ein Dolmetscher dabei ist oder ich muss nach Berlin fahren oder so was. In der Nähe gibt's meistens nichts, ich muss dann meistens ganz weit wegfahren."

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