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StartseiteForum neuer Musik 2014"1914 hat eine für uns zeitgemäße Sprache"04.04.2014

Forum neuer Musik 2014"1914 hat eine für uns zeitgemäße Sprache"

David Smeyers, geboren in Detroit, Michigan/USA. Klarinettist und Dirigent. Studium an der Juilliard School, später als Fulbright-Stipendiat in Frankreich. 1980 Gründung des Klarinettenduos Zelinsky/Smeyers. Internationale Präsenz als Solist und Kammermusiker, Rundfunk- und CD-Produktionen. Meisterkurse im In- und Ausland. 2005-08 Leitung des LandesJugendEnsembles Neue Musik in NRW, 2009/10 in Schleswig-Holstein. Seit 2003 Professor für Ensembleleitung Neue Musik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln.

Interview mit dem Dirigenten David Smeyers

David Smeyers und das ensemble 20/21
David Smeyers und das ensemble 20/21 (Bild: Thomas Kujawinski/Deutschlandradio)

Sie spielen ein neu komponiertes Stück, was ist es, was verbirgt sich dahinter?

Das war ein neues Stück von dem isländischen Komponisten Atli Ingolfson, das Stück heißt "Pregnant", auf Englisch, das ist ein ganz offener Begriff, es hat mit der Idee zu tun, dass Atli Ingolfson mit bestimmten Ideen schwanger geht , und er wollte sehen, wie diese Ideen sich entwickeln - auch im Hinblick auf unsere Thematik 1914/2014. Wir haben das letzten Dienstag aus Island als pdf bekommen – und ich finde, dass er eine sehr gelungene und extrem schlüssige Interpretation unserer Thematik geliefert hat.

Was ist Ihre Thematik?

Unsere Thematik ist 1914/2014. 1914: Ahnungen, Ausbrüche. 1913 war in vielen Fällen ein aktives aber gleichzeitig ruhiges Jahr, manche Leute haben das schlechte Ende von 1914 kommen sehen, aber nicht alle. Da war eine bestimmte Euphorie vorhanden, und es gibt Kommentatoren, Journalisten, die meinen, wir haben etwas Ähnliches jetzt 2014. Es gibt in Teilen der Welt, Europa vor allem, einen großen Reichtum, wenn man das besonders vergleicht mit Südamerika oder Afrika oder Teilen von Mittelasien, aber es gibt eine große Unruhe, und diese Unruhepunkte, wie ich die nenne, die vermehren sich fast jeden Tag. Und man fragt sich, ob da doch Parallelen vorhanden sind, und das ist unsere Thematik. Im Prinzip zu zeigen, von der Musik her und vom Film, was los war in 1914, was für eine polystilistische Welt in der Musik vorhanden war. Wir fangen mit einem Stück von Ethel Smyths, die ist voll in der Brahms-Welt vom 19. Jahrhundert, dann machen wir eine kleine Reise zu Chaminade, Salons de Paris, und dann kommen wir zu Lili Boulanger, eine fast prophetische Komponistin, die sehr, sehr jung sterben musste, und dann sind wir bei den Futuristen gelandet. Und bei den Futuristen haben wir Werke, wo man denkt, das könnte man 2014 so schreiben und es wäre Avantgarde. Und das ist das Erschreckende, und das ist das Erstaunliche gleichzeitig dabei.

Wie haben sie das angestellt, junge Musiker für diese Thematik zu sensibilisieren?

Ich habe die einfach am Anfang mit der Musik von 1914, die ich ausgewählt habe, konfrontiert, ohne zu sagen, dass es von 1914 war, ohne zu sagen, ob das Mann oder Frau komponiert hat, ohne zu sagen, ob das ein Europäer ist, ein Amerikaner, ein Südamerikaner, Russe, und die mussten das ausrechnen oder schätzen, und wir hatten sehr unterschiedliche Antworten, und manche Werke, die ich vorgespielt hab, haben die Studierenden glatt in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts gesetzt - sage und schreibe 70 Jahre später. Weil es hat schon 1914 eine für uns zeitgemäße Sprache, die waren sicher, dass das ein Stück ist, was nur 20 oder 30 Jahre alt wäre. Und das ist geglückt, dass die dann plötzlich eine Interesse hatten für diese Zeit, weil sie haben gesehen, das ist doch nicht so schnell in eine Schublade zu schieben. Das es doch differenziert ist, die Musik, und das birgt sehr viele tolle Überraschungen.

Avantgarde!

Avantgarde! Und um diese Avantgarde uns ein bisschen näher zu bringen, alle Stücke, die wir aus 1914 spielen, sind ursprünglich Klavierwerke, weil das Klavier ist damals - und vielleicht auch heute teilweise - das Instrument der Avantgardisten. Die Avantgardisten konnten selber Klavier spielen, die mussten keinen Musiker finden, der das Stück spielt für die, die können es selber spielen. Die mussten nur Zuhörer finden. Und wir haben dann diese Stücke genommen, und unsere Kompositionsklassen in der Hochschule haben die koloriert, so wie man einen Schwarz-Weiß-Film aus 1914 koloriert dann später zum Ende der 1910er Jahre, Anfang der 20er Jahre, um die lebendiger zu machen. Und wir haben die Schwarz-Weiß-Töne des Klaviers Farbe gegeben. Und ich denke, die Stücke gewinnen durch die zeitgemäßen Aussagen.

In welchem Stil wurde damals, 1914, komponiert und ist das eigentlich nicht längst überholt?

Das versuchen wir, in diesem Konzert zu zeigen, dass es eigentlich nicht einfach einen Stil gab, und wenn man guckt, vor 100 Jahren haben die Leute auch einen ganz aktiven Austausch gehabt, eine Interaktion sogar, und es gab sehr, sehr viele Stile und manche Leute wussten das. Und vor allem wussten die Musiker von einem Kandinsky, die wussten von Klee, die wussten von einem Giacomo Balla, es war denen klar, dass Giacometti unterwegs ist, Picasso, das war denen nicht verborgen, Modgliani alles. Die wussten alle diese Sachen, nicht nur, die Leute, die in Paris gelebt haben, die Leute, die in Deutschland, die Leute, die in auch in den USA gelebt haben, die haben den Mut gekriegt, in deren eigener Sprache zu sprechen und zu komponieren. Und nicht unbedingt ein Abklatsch von jemand anders zu sein. Zum Beispiel das Stück von Henry Cowell, das wir spielen, 1914 - die Studierenden haben fast einstimmig auf entweder Philip Glass oder Steve Reich getippt. Und beide Herrschaften, die werden erst 20 Jahre später geboren.

Ihre Arbeit mit dem Ensemble 20/21 hat ja auch eine pädagogische Komponente, worin besteht diese für Sie?

Es ist ganz wichtig, dass die Instrumentalisten, die Musiker, die Sängerinnen verstehen, dass sie ein Teil eines lebenden Organismus sind, und jeder hat seinen Job. Und wir können das Konzert nicht machen, wenn einer nicht dabei ist. Wenn die nicht dabei sind physisch oder wenn sie nicht geistig dabei sind. Beides ist sehr, sehr wichtig. Und ich habe einen Job in den Ensemble und die haben einen Job, und wir versuchen, voneinander zu lernen. Ein Teil dieser pädagogischen Aufgabe von mir ist, denen zu zeigen, wieviel ich dabei lernen kann, dass man hoffentlich nie zu alt ist, etwas zu lernen, und die lernen, dass es eine ganze Menge zu lernen gibt. Aber sie wissen schon viel, und sie bekommen dann auch Selbstsicherheit in dieser Arbeit. Und ich denke, das ist das Beste, was ich für sie tun kann. Auch in der Auswahl von Musik und wie man Zusammenarbeitet und wie man spielt.

Wer sind die Mitglieder im Ensemble 20/21?

In 20/21 sind Leute aus meiner Klasse, ich habe ein Masterstudium Interpretation Neue Musik, da sind einige, die bei mir das Master-Diplom machen werden oder gerade schon gemacht haben, und die Instrumente, die uns fehlen, suchen wir unter unseren Studenten. Wir nehmen die Studierenden, die gezeigt haben, dass sie sehr gut sind und vor allem auch sehr interessiert sind an unserer Arbeit und nicht einfach, dass das eine Möglichkeit ist, irgendwelche credits zu verdienen, und dann ab.

Sie arbeiten jetzt zum 5. Mal mit dem FNM zusammen, was bedeutet Ihnen das - und was bringt Ihnen das?

Die Arbeit mit Frank Kämpfer und dem Deutschlandfunk bedeutet und sehr, sehr viel. Es gibt uns die Chance, mindestens einmal im Jahr ein professionelles Ziel zu setzen und wir können uns dann an unseren Hoffnungen messen und was wir dann wirklich schaffen. Es wird aufgenommen, es wird manchmal dann auch produziert und wir haben die Chance, unter professionellen Bedingungen zu arbeiten, d.h., wir arbeiten nicht das ganze Semester auf ein Stück oder zwei Stücke, wir arbeiten ganz konzentriert zwei Wochen lang an einem Programm, und lernen soviel wir können und freuen uns auf all die Fortschritte, die wir haben, und wir freuen uns auch auf die Rückschritte, weil die bringen uns Fortschritte. Die Arbeit mit Frank Kämpfer und seine Ideen: er stößt uns an, ein bisschen anders zu denken. Wir haben jedes Mal ein Programm entwickelt, dass wirklich programmatisch war, in jedem Sinne, nicht irgendwie ein Stück hier, ein Stück da und ein Sammelsurium, sondern wir haben ein richtiges Menü kreiert und präsentiert. Und das ist für alle Beteiligten ein großer Gewinn.

 

Vielen herzlichen Dank!

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