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StartseiteForum neuer Musik 2014"Heroismen geben viel von unserer Kultur preis"06.04.2014

Forum neuer Musik 2014"Heroismen geben viel von unserer Kultur preis"

Im Kontext von Nationalismus und Kolonialismus ist nach musikalischen Repräsentationen des Heroischen zu fragen – in Militär- und Unterhaltungsmusik ebenso wie in Oper und Sinfonik. Im Kampf für den Fortschritt der Musik kommen wiederum (wenn auch andere) Vorstellungen des Heroischen zum Vorschein.

Interview mit Melanie Unseld

(Thomas Kujawinski / Deutschlandradio)
Melanie Unseld fragt nach musikalischen Repräsentationen des Heroischen (Thomas Kujawinski / Deutschlandradio)
Was sind musikalische Repräsentationen des Heroischen und in welchem Kontext teilen sie uns etwas mit? 
Unter Repräsentationen des Heroischen versteht man, dass es das Heroische natürlich erst mal so nicht gibt, sondern, dass es erst mal gestaltet werden muss, und diese Gestaltungsweisen passieren in verschiedenen Zusammenhängen, gesellschaftlichen Zusammenhängen, kulturellen Zusammenhängen, auch natürlich musikalischen Zusammenhängen - und darüber nachzudenken, das ist eine spannende Sache, indem man zunächst einmal seinen Wahrnehmungsfokus schärft für genau dieses Thema. Also, wo passieren überhaupt Konzeptionen von Heroischem in der Musik, und natürlich würden uns sofort markante Beispiele einfallen: Marschmusik zum Beispiel, oder generell funktionale Musik, die im Zusammenhang mit dem Militärischen genutzt wurde und bis heute ja auch noch genutzt wird. Da fängt es an und geht dann bis hin zur Eroica von Beethoven meinetwegen, also wo das Heroische schon im Titel steht, oder wo zumindest ganz klar ist, es gibt eine Auseinandersetzung mit heroischen Themen. Aber ich plädiere sehr dafür, ein bissen genauer hinzugucken und zu schauen, wo auch in anderen Zusammenhängen das Heroische aufscheint, eben weil die Konzeptionen de Heroischen uns verraten, wie eine Gesellschaft zu diesen Repräsentationen auch steht, denn das Heroische entsteht immer inmitten einer Gesellschaft, die sich darüber auch verständigt, über gewissen Werte, über gewisse Vorstellungen, auch Geschlechtervorstellungen, also zum Beispiel die Frage, ob das Heroische ausschließlich das Männliche sein soll, oder ob es zum Beispiel auch weibliche Formen des Heroismus geben soll, das sind Fragen, die eine Gesellschaft für sich selbst aushandelt und insofern dann auch über Repräsentation des Heroischen viel von sich selbst preisgibt.
Das Heroische ist mit einer patriarchalischen Gesellschaft aufs Engste verbunden?
Ja und nein! Also im Laufe des 19. Jahrhunderts immer stärker und wenn wir dieses Jahr anlässlich der 100jährigen Wiederkehr des Ersten Weltkrieges über 1914 nachdenken, läuft das natürlich auch sehr stark auf den Ersten Weltkrieg hinzu, diese Konzeption des männlichen Heroischen. Aber, auch da lohnt sich ein genauerer Blick, denn zu anderen Seiten und auch in anderen Denkzusammenhängen gibt es selbstverständlich auch weibliche Heroinen, also das weibliche Heroische, ich gehe immer gerne in das Beispiel der Empfindsamkeit, also noch mal 100 Jahre früher, starke 100 Jahre früher um 1800, in denen eine Ausgewogenheit der stark ausschlaggebenden Charaktere, zum Beispiel auch des Männlichen und des Weiblichen ja vermieden werden sollte, sodass alles Überbordende für beide Geschlechter nicht akzeptabel schien. Und in dieser Phase stellen wir fest, dass also sowohl das Heroische diese stark männliche Vorstellung zurückfährt und zugleich auch eben Frauen in heroischen Konzepten durchaus zur Verfügung stehen. Und wir wissen das alle, dass gerade auch zur Zeit der Französischen Revolution sehr wohl auch weibliche Heroinen durchaus en vogue waren, und nicht nur auf der realen politischen Bühne, sondern tatsächlich auch in der Musikkultur. Denken Sie zum Beispiel an Fidelio oder andere.
Germania ...
Das wäre wiederum später, also das ist dann der Prozess des nation buildings, wie man es heute sagt, in Deutschland, wo die Idee des Nationalen in einer weiblichen Figur repräsentiert wird, das ist aber dann später und ist deutlich auch von dem getrennt, was um 1800 - oder das hat sich daraus entwickelt, aber es ist eben eine andere Schattierung, und das ist auch ein Grund, warum ich sage, es ist sehr wichtig, die verschiedenen Ausdifferenzierungen des Heroischen sich sehr genau anzugucken, um nicht zu solchen Plakativen aussagen zu kommen, wie: Das Heroische ist grundsätzlich das Männliche - also so einfach ist es dann nicht.
Inwiefern verbinden sich denn 1914 Vorstellungen von Männlichkeit, Nationalismus und Heroismus - und welche Rolle spielen diese?
Das spielt eine sehr große Rolle und man kann sagen, es ist ein Kulminationspunkt, ich würde nicht sagen: Endpunkt, denn wir wissen, die Geschichte geht an diesem Punkt ja weiter, 1914 ist in dem Punkt ein Kulminationspunkt eines Prozesses, dass das hegemoniale Bürgertum im 19. Jahrhundert angestoßen hat, also eine Entwicklung, die sehr stark in Dichotomien denkt, also zum Beispiel die Dichotomie des Eigenen und des Fremden, des Freundes und des Feindes, aber auch natürlich in Geschlechterdichotomien, des Mannes und der Frau, und auch im Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, also, dass Deutschland als Staat sich findet und als solcher Repräsentationen sucht für sich, wird der Heroismus immer stärker auch mit einem Männlichkeitsbild verbunden, sodass zum Beispiel so etwas wie weibliche Heldinnen eine Sonderform einnehmen und ganz stark das Andere, also eine Alterität repräsentieren, die abgewertet wird. Das heißt aber auch gleichzeitig, dass der männliche Held aufgewertet wird und andere Formen letztendlich der Männlichkeit auch nicht mehr so positiv besetzt sind wie zum Beispiel der heroische Mann. Und insofern kann man das auch in der Musikkultur aber natürlich auch in vielen anderen Bereichen sehr genau erkennen, dass eine Zuspitzung oder eine Verschärfung dieses virilen Heroismus auch 1914 hinzuläuft.
Wie ist die Avantgarde dem Heroischen verbunden? Welche Vorstellungen des Heroischen werden im Kampf um den Fortschritt offenbar?
Ja, das ist ein bissschen eine andere Denkschiene, in die wir uns da hineinbegeben, aber die Avantgarde ist sehr auffällig mit dem Heroischen verbunden, zumindest, wenn man das Heroische nicht rein militärisch denkt, wobei der Begriff Avantgarde selbst ja ein militärischer ist, also er kommt aus dem Militär, Avantgarde ist der Truppenteil,  der zuerst in ein Feindesland eindringen muss, um Neuland zu gewinnen und um auszukundschaften, also er kommt aus dem Militärischen, aber die Avantgarde hat noch mal ein bisschen andere Diskurszusammenhänge, warum sie letztendlich mit diesen Heroismen arbeitet. Das hängt zusammen mit dem Geniebegriff, der sich im 19. Jahrhundert sehr stark etabliert in der Musikkultur, auch in der Musikgeschichtsschreibung, also die Heroisierung des Komponisten, der eben als Genie sich vorgestellt wird, und damit auch sehr stark zum Beispiel Kanonisierungsprozesse anstößt. Dieses Ideal eines als Genie verehrten Komponisten ist ein heroisches Ideal, dass einerseits sehr gut mit einer Idee korrespondiert, Musikgeschichte zu denken, also die Musikgeschichte als eine Aneinanderreihung von Heroen, aber auf der anderen Seite auch für die jungen Künstler sehr attraktiv ist. Denn das Genie - in dieser Weise gedacht - ist immer der einsame, in der Jetztzeit unverstandene Künstler. Und auf diese Weise sich selbst zu imaginieren hilft natürlich jungen Komponisten dieser Zeit, wir denken an Schönberg und seinen Kreis zum Beispiel, mit den fatalen Skandalkonzerten zum Beispiel umzugehen, also von einer breiten Publikumsmasse abgelehnt zu sein ist schmerzhaft für jeden Künstler, ich glaube, bis heute, und eine Lösung hieraus ist eben der Rückzug von diesem breiten Publikum und die Selbststilisierung als unverstandene, avantgardistische Größe, die auch relativ elitär letztendlich zunächst dasteht und für eine Musik steht, die erst in de Zukunft dann als moderne auch wahrgenommen wird.
Wird diese anthropologische Konstante, dass der Mensch das Heroische braucht, wird die jemals verschwinden? Kann man das Heroische überwinden?
Ach, das mögen die Anthropologen sagen, aber ich aus meiner Sicht würde sagen, es verändert sich immer wieder und auch heute haben wir ganz klare, ganz starke Heroismen auch in der Musikkultur, und sie geben viel von uns und unserer Kultur preis. Also es ist tatsächlich ein Spiegel von uns und von der Gesellschaft.
Vielen Dank!

Dr. Melanie Unseld ist seit 2008 Professorin für Kulturgeschichte der Musik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Mitherausgeberin des Lexikon "Musik und Gender" (Bärenreiter/Metzler). 2013 Habilitation über "Biographie und Musikgeschichte". 

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