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StartseiteKalenderblattStreiter für das künstlerische Selbstbewusstsein01.01.2014

FotografieStreiter für das künstlerische Selbstbewusstsein

Der Fotograf, Galerist und Visionär Alfred Stieglitz wurde vor 150 Jahren geboren. Er stritt dafür, die Fotografie als eigenständige Kunst anzuerkennen und galt deshalb als Förderer der künstlerischen Avantgarde und Schlüsselfigur der Photo-Secession.

Von Michaela Gericke

Sotheby's-Fotoexperte Chris Mahoney steht vor dem Bild "Hands with Timbre" von Alfred Stieglitz. (picture alliance / dpa)
Sotheby's-Fotoexperte Chris Mahoney betrachtet "Hands with Timbre" von Alfred Stieglitz - das Bild erzielte bei einer Auktion 2012 770.000 Dollar (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

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Aus tiefschwarzem Hintergrund taucht sein ernstes Gesicht auf: Dunkel und dicht das Haar, randloser Zwicker auf der Nase, ein weißer Schnauzer verdeckt die Lippen. Zwei Lichtflecken funkeln geradezu auf dem unteren Rand der Brillengläser. Ein Selbstporträt von Alfred Stieglitz aus dem Jahr 1910.

Da ist der Fotograf und New Yorker Galerist bereits international mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Der Gründer der periodisch erscheinenden Zeitschrift CAMERA WORK galt als Leitfigur der Bewegung "Photo-Secession".

"Er war einer der ersten, der sehr aktiv versucht hat, die Fotografie auf die gleiche Ebene zu heben wie die anderen bildenden Künste. … Für die heutige Fotografie kann man - glaube ich - sagen, dass er einen Weg geöffnet hat, für die Fotografie, in die Museen hinein“, urteilt Ludger Derenthal, Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek in Berlin.

Geboren am 1. Januar 1864 in Hoboken, New Jersey, kommt Alfred Stieglitz mit seinen Eltern Anfang der 1880er Jahre nach Deutschland, besucht in Berlin das Polytechnikum und studiert Maschinenbau. Doch das Fotografieren und Experimentieren mit den unterschiedlichen Materialien dieser neuen Kunst interessieren ihn weitaus mehr.

Fürs Erste in Schwarz-Weiß

In New York entsteht 1893 das Bild "Winter, Fifth Avenue".Es zeigt eine Pferdekutsche auf verschneiter Straße, Schneegestöber am Himmel. Jahre später erläuterte Alfred Stieglitz:

"In dem, was ich sah, lag etwas, das eng mit meinen innersten Gefühlen verbunden war; und ich beschloss, zu fotografieren, was in mir lag. Mit meiner Kamera konnte ich die gleichen Ergebnisse erzielen, wie Maler sie erreichten – fürs Erste in Schwarz-Weiß, später vielleicht in Farbe."

Unschärfen durch das Benutzen einer Handkamera und lange Belichtungszeiten stören ihn nicht, im Gegenteil: "Das ist der Beginn einer neuen Ära."

Alfred Stieglitz setzt sich auch für junge, unbekannte Fotografen ein, die ihre Bilder – wie er – als künstlerische, emotionale Werke verstehen. Er präsentiert deren Arbeiten in seiner 1905 eröffneten Galerie "291" an der Fifth Avenue in New York und stellt zugleich zeitgenössische Gemälde und Skulpturen europäischer Künstler aus. "Er wurde entweder geliebt oder gehasst - dazwischen gab es nichts", sso die Malerin Georgia O’ Keeffe, 1978.

Mit einer Ausstellung ihrer Arbeiten im Jahr 1917 schließt Stieglitz seine Galerie und stellt zugleich das Magazin CAMERA WORK ein. Georgia O’ Keeffe – seine zweite Ehefrau ab 1924 –, fotografiert er von da an über viele Jahre: nackt oder zugeknöpft, mal erotisch, mal brav, mal maskulin. Und erfasst mit seiner Serie sämtliche Facetten ihres Wesens:

"Er träumte davon, mit der Geburt eines Kindes zu beginnen, und dieses Kind während all seiner Aktivitäten zu fotografieren bis ins Erwachsenenalter. Also das Porträt sollte eine Art fotografisches Tagebuch sein."

Wolken wie Musik

1922 begann Stieglitz mit seiner Serie der Wolkenbilder, die er Equivalents nannte. "Equivalent, Music No 1" entstand am Lake George im Staat New York, wo der Fotograf viele Sommer verbrachte.

"Ich wollte Wolken fotografieren, um ... durch Wolken meine Lebensphilosophie niederzulegen –– und es war ein großes Experiment – ... ich wollte eine Reihe von Fotos, bei deren Anblick Ernest Bloch (der große Komponist) ausrufen würde: MUSIK! MUSIK! Mann, das ist Musik!"

Wolken als abstrakte Formen und abstrakte visuelle Sprache. Die Unikate in technisch höchster Perfektion sah Alfred Stieglitz als straight photography, also reine Fotografie, ebenbürtig der nicht gegenständlichen Kunst. Georgia O’ Keeffe:

"Sein Auge war in ihm, und er nutzte es für alles, was in seiner Nähe war. Auf diese Weise hat er vielleicht immer sich selbst fotografiert."

Er soll gerade einen Brief an seine Frau, die sich viel in New Mexiko aufhielt, geschrieben haben, als er im Alter von 82 Jahren einen schweren Schlaganfall erlitt. Alfred Stieglitz starb wenige Tage danach, am 13. Juli 1946. 

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