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StartseiteKultur heuteWie frei war die Kunst in der DDR?10.02.2016

Fotografien von Ulrich Wüst in BerlinWie frei war die Kunst in der DDR?

Ulrich Wüst gehört seit der Wende zu den großen Entdeckungen der Stadtfotografie in der DDR - aber auch über deren Zeit hinaus. Eine Schau bei "C/O Berlin" widmet sich seinem Werk und der Frage, was sich im Blick auf die Stadt zwischen Ost und West nach der Wende verändert hat.

Von Carsten Probst

Der Fotograf Ulrich Wüst bei der Eröffnung seiner Ausstellung "Stadtbilder Spätsommer Randlagen" bei C/O Berlin am 5.2.2016. Vom 6. Februar bis 24. April präsentiert C/O Berlin erstmals in Berlin 80 zum Teil nie ausgestellte Fotografien und Original-Leporellos.  (imago / IPON)
Der Fotograf Ulrich Wüst bei der Eröffnung seiner Ausstellung "Stadtbilder Spätsommer Randlagen" bei C/O Berlin (imago / IPON)
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Fotograf Ulrich Wüst "Es gibt nicht das eine Jahr 1989"

Im Auftrag des Kurators Kasper König machte sich Ulrich Wüst 1994/95 für einen Bildband über die Berliner Mitte noch einmal mit der Kamera auf den Weg durch Ost-Berlin, das es dem Namen nach zwar nicht mehr gab- aber dessen Stadtbild damals noch dem der "Hauptstadt der DDR" entsprach.

"Es war ja so 'ne Anlaufzeit, ehe das richtig losging in Berlin-Ost/Ost-Berlin, und da habe ich noch mal den Zustand festgehalten, mit dem ich letztlich aufgewachsen bin. Und das war ja auch 'ne sehr interessante Stadt, was mal gerade in Berlin auch so als Blockbebauung gedacht war. Da standen plötzlich überall so merkwürdige Solitäre mit diesen ganzen Brandwänden und so, und das hatte was stark Skulpturales auch..."

Es ist der Beginn von Ulrich Wüsts Karriere als Stadtfotograf auch im Westen, wo sein Werk bis zum Ende der 80er-Jahre nur Wenigen bekannt war. Sein Blick auf die Stadt ist unverwechselbar geprägt von seinem Fachwissen als ausgebildeter Architekt und Stadtplaner. Zugleich empfindet er heitere Empathie mit all jenen, die nicht bauen können, was sie gern und sinnvollerweise bauen sollten – und ebenso wie mit den Stadtbewohnern, die mit all dem leben und leiden müssen, was diese Stadtplanung ihnen vor die Nase setzt.

Vermischung von Öffentlichkeit und Privatheit

Ein zweites bestimmendes Element seiner Bildsprache ist die Vermischung von Öffentlichkeit und Privatheit, die wohl fast nirgends so gut zu studieren war wie in den Städten des Sozialismus, deren Bewohner das Improvisieren gewohnt waren. Für seine Fotoserien und großen Leporellos zog Wüst nicht mit schweren Groß- oder Mittelformatkameras los, sondern fotografierte mit Kleinbild. So bleibe er locker und flexibel, sagt er. Seine "Stadtbilder" aus den frühen 80er-Jahren demonstrieren das exakte Gegenteil von repräsentativer Stadtdokumentation.

"Ich bin immer derjenige, der die Auswahl trifft. Es sind meine Ansichten, und mit jedem Ausschnitt, den ich mache, weiß ich nicht mehr genau, was ist Dokument?"

Auf einer Aufnahme sieht man hinter zwei historisierenden Säulen zwei solitäre Plattenbauten, deren Höhe sich oberhalb des Bildrandes noch beträchtlich fortsetzt. Zusammen mit rechteckigen Blumenbeeten und akkurat aufgereihten, aber leeren Betonsitzbänken stellt sich der ebenso beklemmende wie unfreiwillig komische Eindruck von absurder Einsamkeit ein, und er wird durch die zwei Jungen, die am Bildrand Fußball spielen, noch schmerzhaft gesteigert. Obschon er kein Menschenfotograf ist, kein Street Photographer im Stile Robert Franks oder Edward Steichens, sind die menschlichen Verhältnisse zeichenhaft im gebauten Umfeld abzulesen.

Im Künstlerumkreis des Prenzlauer Bergs in den 80er-Jahren hat Ulrich Wüst seinen unabhängigen Blick als Fotograf eingeübt. Mit seinen Kolleginnen und Kollegen der Berliner Fotografenszene, mit Arno Fischer, Sybille Bergemann oder Roger Melis, verband ihn eher ein freundlich-distanziertes Verhältnis. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zeitweilig als Bildredakteur einer Architekturzeitschrift. Als Mitglied im Verband der Bildenden Künstler konnte er jedoch auch hin und wieder Einzelausstellungen zeigen, so etwa 1986 in der renommierten Berliner Fotogalerie am Helsingforser Platz.

Bilder mit erzählerischer Kraft

Als er im Herbst 1989 seine Serie "Später Sommer/Letzter Herbst" fotografierte, war für ihn das historische Großwetterleuchten vor dem Zusammenbruch der DDR nicht der entscheidende Antrieb. Auf seinen Bildern finden sich keine Demonstrationen, jubelnden Menschenmengen, keine Aufmärsche der Volkspolizei; stattdessen der intime, vertraulich-ironische Blicke auf Menschen am Strand von Kühlungsborn, die auf die weite der Ostsee hinausblicken; oder Bilder aus Moskau im Oktober 1989, wo der Fotograf seinen Platz hinter den verregneten Scheiben des Reisebussen nicht aufgeben mag.

Nach der Wende hat Wüst sich vermehrt den unbedeutenden, scheinbar randständigen Orten gewidmet – Orte, in denen sich noch heute gleichsam unbefangen das Private mit dem Öffentlichen mischt und in seinen Bildern mit einzigartiger erzählerischen Kraft zum Ausdruck kommen kann.

 

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