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StartseiteDeutschland heuteDer Horror des DDR-Jugendwerkhofs Torgau14.02.2017

Fotografin Katrin BüchelDer Horror des DDR-Jugendwerkhofs Torgau

Demütigungen und militärischer Drill: Der Jugendwerkhof Torgau gilt als Symbol für die institutionalisierten Gewalt des SED-Regimes. Hier landeten Kinder und Jugendliche, die "auf Linie" gebracht werden sollten. Die Fotografin Katrin Büchel war eine von ihnen - sie hat ihre Erlebnisse in Kunst verarbeitet.

Von Vanja Budde

Eine Informationstafel mit der Aufschrift "Geschlossene Unterbringung" steht am 14.09.2013 neben dem Gebäude des ehemaligen Jugendwerkhofes und der heutigen "Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof" in Torgau (Sachsen). (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Eine Gedenkstätte in Torgau erinnert an das Schicksal der DDR-Heimkinder. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
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Karl-Heinz Bomberg, ehemaliger, politischer Häftling in der DDR, ist Autor und Liedermacher und Psychoanalytiker in Berlin. Auch Katrin Büchel geht zu ihm, um sich den Dämonen ihrer Vergangenheit zu stellen: Ihren Monaten im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, als sie 15 war. Ein aufmüpfiges Mädchen, das die Parade am 1. Mai verweigerte und aus anderen Heimen abgehauen war. Heute ist sie 51, eine kleine, zart und gleichzeitig energisch wirkende Frau mit frechem Fransenschnitt.

Ein halbes Dutzend ihrer großen Fotos hängen in der Gedenkstätte des ehemaligen Zuchthauses Cottbus. Viele der Gäste an diesem Abend saßen hier früher hinter Gittern. Doch was Katrin Büchel mit 15 in Torgau erlebte, dürfte über ihre bedrückenden Erfahrungen noch hinausgehen: Torgau, sagt sie, war schlimmer als Knast.

"Die erste Körperverletzung war, dass die uns die Haare geschoren haben auf ein, zwei Zentimeter Länge, also wie im Zuchthaus, nicht wie im Zuchthaus, wie im KZ eigentlich."

Katrin Büchel tritt vor eines ihrer Bilder. Es zeigt eine Reihe digital verfremdeter, nackter, kahl geschorener Frauen von hinten, aufgereiht an der schmutzigen Fliesenwand eines Waschraums. Die sogenannten Pädagogen in Torgau hätten die Jugendlichen abrichten wollen, erzählt die Künstlerin.

"Einer wie der andere gleichgeschaltet, alle in Anstaltskleidung. Dass wir dort nichts besessen haben, nichts mehr besitzen durften und jeder funktionieren sollte nach sozialistischem Vorbild. Und das war ja auch das Ziel, uns so weit zu brechen, dass wir irgendwann nur noch funktionieren."

Entwürdigung der Kinder

"Anbahnung der Umerziehungsbereitschaft" nannte die Heimleitung das. Dies Ziel wurde verfolgt mit Entwürdigung, monotoner körperlicher Arbeit, militärischem Drill und anderen Methoden.

Die Fotografin Katrin Büchel vor einem ihrer Werke. (Deutschlandradio / Vanja Budde)Die Fotografin Katrin Büchel vor einem ihrer Werke. (Deutschlandradio / Vanja Budde)

"Mit den Methoden des Einzelarrests zum Beispiel, dass man tagelang als Kind in eine Einzelzelle gesperrt wurde, kein Tageslicht mehr sehen konnte, zur Notdurft nur noch einen Kübel zur Verfügung hatte, den ganzen Tag mit diesem Kübel eingesperrt auf fünf Quadratmeter oder so. Mit einer Heizung, die manchmal funktioniert hat, aber auch nicht immer. Ich war über den Winter auch dort und habe dort auch sehr, sehr einfach nur wirklich gefroren. Nachts hat man in diese Zelle eine Pritsche, also ein Holzbett zur Verfügung, ohne Matratze, eine Decke reingeschmissen, die man tagsüber allerdings überhaupt nicht hatte, nur nachts eben. Und es war ... mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich daran denke."

4.000 Mädchen und Jungen waren in Torgau

4.000 Mädchen und Jungen durchliefen von 1964 bis 1989 den Horror von Torgau, verborgen hinter fünf Meter hohen Mauern mit Stacheldraht und Glasscherben. Viele versuchten, sich das Leben zu nehmen. Zu Katrin Büchels Zeit verbrannte sich ein 16-Jähriger in der Arrestzelle bei lebendigem Leib. Auch Katrin Büchel hat in Torgau mehrmals versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

"Und dann habe ich irgendwann mal den Punkt erreicht, dass ich irgendwie so verzweifelt war, dass ich einfach aufgegeben habe, überhaupt zu glauben, dass ich hier noch mal rauskomme."

Fünfeinhalb Monate wurden es schließlich. Ein weiteres Bild der Büchel zeigt ein junges Mädchen mit zugenähten Lippen: Fluchtversuche wurden in Torgau verraten, erzählt sie, Solidarität untereinander gab es nicht. Bis heute könne sie anderen Menschen nur schwer vertrauen.

"Solche Spätfolgen, solche Trauma-Folgeschäden sind zum Beispiel die posttraumatische Belastungsstörung, aber auch Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen."

Sagt Psychoanalytiker Karl-Heinz Bomberg, der viele ehemalige politische Häftlinge der DDR behandelt. Jugendliche seien besonders verletzlich, wenn sie entwürdigende Hafterlebnisse durchmachen müssen. Katrin Büchel hatte Torgau jahrzehntelang verdrängt, nicht einmal ihrer Tochter davon erzählt. Doch dann beschloss sie, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Die Kunst sei dabei eine große Hilfe.

"Weil mir da keine Zensur gesetzt ist, weil ich alle meine Emotionen, alle meine Worte, die ich nie für das, was damals dort geschehen ist, gefunden habe. Das sprechen meine Bilder heute aus."

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