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StartseiteBüchermarktSich verlieben als ästhetischer Prozess06.03.2020

Frank Berzbach: "Die Schönheit der Begegnung"Sich verlieben als ästhetischer Prozess

Die Liebe auf den ersten Blick ist ein märchenhaftes Erzählschema. Dieser überwältigenden Macht des Verliebens widmet der Autor Frank Berzbach seinen ersten literarischen Text. Er erzählt in 32 Variationen vom Anfang einer Liebe - ausgeklügelt, lesenswert und mit Referenzen an Marcel Proust.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Ein junges Paar küsst sich am Strand bei Sonnenaufgang. (imago / Westend61)
Die romantische Erinnerung an die erste Begegnung ist das Fundament einer Beziehung - und Thema der Variationen Frank Berzbachs (imago / Westend61)
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Frank Berzbach über die "Ästhetik des Alltags" Glück statt Selbstoptimierung

Wehe dem, der nie vom Verliebtsein überwältigt war. Frank Berzbach geht diesem mächtigen Gefühl in geradezu altmodischer Weise nach. Mit der "Schönheit der Begegnung" meint der Autor und Ästhet ausschließlich die analoge und zufällige Begegnung zweier Menschen, ganz ohne Dating-Portal und Single-Börse. Ausgangspunkt für seine Inventur der Verliebtheit ist die eigene Biografie, die Begegnung mit seiner heutigen Lebensgefährtin Linh, so kündigt der Autor es im Vorwort an.        

"Ich wollte einfach aufschreiben, wie es mit uns begonnen hat. Das ist auf fünf Seiten erledigt. Dachte ich. Doch dann geriet ich ins Erzählen und ließ mir die gute Geschichte nicht durch Fakten versauen. Wir waren uns ja sowieso nicht in jedem Detail sicher. Auf einmal gab es nicht nur einen Anfang, sondern zwei. Dann vier. Und nach jeder weiteren Seite merkte ich: Da fehlt noch was – und das muss auch noch erzählt werden. Und dies auch noch. [...] Nichts wird vergessen. Aber das heißt nicht, dass man Bescheid wüsste. Es stellt sich immer wieder die Frage: Weißt du noch, Linh?"

Kurze Geschichten über das Entstehen einer Liebe

Dass sein Text ohne die Gattungsbezeichnung "Roman" auskommt, mag einen Grund haben. Zwischen den Protagonisten des Textes und dem Autor Frank Berzbach gibt es zahlreiche Ähnlichkeiten. Eine Schwäche für Tattoos und Schallplatten, eine Leidenschaft für den Buddhismus, für Weißwein und die vietnamesische Küche, aber auch berufsbiographische Details. Berzbach ordnet in seinen 32 Variationen ein festes Arsenal an Motiven in immer neuen Konstellationen zu kurzen Geschichten über das Entstehen einer Liebe an. In der ersten Variation spricht der Held in Hamburg-Altona eine junge Frau auf einer Bank an und begleitet sie schließlich nach Hause.

"Seit sechs Stunden redeten wir bereits, doch nie über profane Dinge wie etwa die Arbeit. Die Sachebene war nicht, was uns interessierte und was uns verband. Die Bindung schien vom ersten Augenblick an so fest zu sein, dass das Seil nicht mehr reißen würde. Wein, eine Kerze, Musik. Wir sprachen immer weiter, und es wurde schließlich dunkel und spät. So hat es begonnen."

Spiel mit Wahrheit und Fiktion

Mit traumwandlerischer Sicherheit wissen Berzbachs Verliebte fast immer auf Anhieb, dass sie füreinander bestimmt sind. Sie erkennen sich an Stil- und Ausstattungselementen oder bestimmten Vorlieben, die ein wortloses Einverständnis signalisieren. Berzbach betreibt diese ästhetische Weltschau mit aller Konsequenz. Die berufliche Situation, der soziale oder gar finanzielle Status seiner Protagonisten sind weitgehend bedeutungslos.

Frank Berzbach und "Die Schönheit der Begegnung" (Cover Eisele Verlag / Autorenportrait © Irène Zandel)Frank Berzbach und "Die Schönheit der Begegnung" (Cover Eisele Verlag / Autorenportrait © Irène Zandel)

Der namenlose Ich-Erzähler, den Berzbach in 32 Variationen immer wieder neu erfindet, ist mal Professor für Sinologie oder Landschaftsgärtner, mal erfolgreicher Schriftsteller, Straßenfeger, Pförtner, Fahrradkurier, Tresenkraft in einem Swinger-Club oder Kellner in einer Metall-Kneipe. Berzbachs Helden sind - bis auf wenige Ausnahmen - Lebenskünstler, Kreative, Bohemiens und Gelegenheitsjobber – was man als wenig verdeckten Hinweis des Autors auf seine eigene Situation lesen kann. Dieses Spiel mit Wahrheit und Fiktion treibt Frank Berzbach so weit, dass er den Schreibvorgang selbst in den Text einbaut.

"Seit einigen Jahren schrieb ich Bücher. Inzwischen war damit sogar das seltene Glück verbunden, davon leben zu können. [...] Als mein neues Buch, eine Sammlung von 32 Variationen darüber, wie mein Protagonist seine Frau kennengelernt hatte, in Satz ging, bekam ich plötzlich eine Mail von einer Person, deren Name mich irritierte. [...] Die Grafikerin – ich dachte mir inzwischen, es müsse eine Frau sein – wies mich auf inkorrekte Anführungszeichen und den falschen Umgang mit Binde- und Gedankenstrichen hin, bat darum, den Blocksatz auszuschalten, und gab noch allerhand andere Anweisungen, die mich überforderten. Ich war pikiert. Was fiel der Dame ein? War das nicht ihr Job? [...] Meine Lektorin beruhigte mich. Linh, sie wusste, wie man den vollständigen Namen aussprach, meine es nur gut. Sie sei eine der besten Buchgestalterinnen und bekomme Preise für die Bücher, die sie ausstattete."

Eine Referenz an Marcel Proust

Mit eben dieser Dame landet der fiktive Autor schließlich kurz vor der Präsentation auf der großen Buchmesse in einem Hotelzimmer – und die Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Wie Frank Berzbach hier den real vorliegenden Text mit dessen literarischem Wiedergänger verschränkt, das ist sehr gut gemacht.

Und zugleich ist es eine fein ausgearbeitete Referenz an den unerbittlichsten aller Ästheten, den Berzbach in seinem Text selbst erwähnt, Marcel Proust. Dessen feinsinniger Protagonist beschließt seine Suche nach der verlorene Zeit bekanntlich damit, dass er endlich ein Buch über seine Erinnerung schreibt – welches der reale Leser aber bereits in den Händen hält.

Das Fundament einer jeden Liebesbeziehung

Dieses Prinzip der literarischen Kurzschlüsse betreibt Frank Berzbach bis zum Ende seiner 32 Variationen, als er schließlich erzählt, wie es mit seiner Partnerin Linh vermeintlich "wirklich" gewesen ist:

"Wir haben uns irgendwann getroffen. Wir haben uns nicht nur "gedatet", wir sind uns begegnet. Nur leicht war es nicht. Es war nicht so einfach, wie eine lineare Geschichte glauben lässt. Im Tagebuch des jeweils anderen wurden wir schnell ein fester Bestandteil, aber es hat gedauert, bis wir uns eine Zuneigung eingestanden haben, es hat gedauert, bis wir zugegeben haben: Ja, ich habe mich verliebt."

Frank Berzbachs Debüt ist literarisch-kompositorisch ausgeklügelt und souverän. Das kann darüber hinweg trösten, dass es den 32 Variationen vom Kennenlernen bis zum Durchbruch der Liebe auf Dauer an erzählerischer Fantasie mangelt. Die Verhaltensstrukturen der Figuren, ihr Lebenswandel und ihre ästhetischen Vorlieben sowie das Schema der märchenhaften Liebe auf den ersten Blick werden nur selten durchbrochen. Dennoch führt Frank Berzbach in kurzen, klaren Sätzen überzeugend und lesenswert vor, dass romantische Enerungen zwar immer konstruiert, aber zugleich das Fundament einer jeden Liebesbeziehung sind.

Frank Berzbach: "Die Schönheit der Begegnung"
Eisele Verlag, München, 192 Seiten, 20 Euro.

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