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Frank Bösch"Zeitenwende 1979"

Die zweite Ölkrise, der erste Weltklimagipfel, Revolution im Iran, Einmarsch der Sowjets in Afghanistan: Das Jahr 1979 war eine Zeit der Zäsuren, konstatiert der Historiker Frank Bösch in seinem neuen Buch - eine Zeitenwende, in der die Welt von heute begann.

Von Ralph Gerstenberg

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Buchcover "Zeitenwende 1979" von Frank Bösch, im Hintergrund eine Demonstration gegen den Schah im Jahr 1979 in Teheran (C.H.Beck Verlag / dpa / United Press International)
"Zeitenwende 1979": Die iranische Revolution ist eines der Beispiele des Historikers Frank Bösch. (C.H.Beck Verlag / dpa / United Press International)
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Bücher über die Ereignisse eines Jahres liegen im Trend. Besonders wenn ein Jubiläumsabstand Aufmerksamkeitsgarantie verspricht. Derzeit arbeitet man sich an den Jahren 1918 und 1919 ab. Meist ist dann von Umbrüchen die Rede, von gravierenden Einschnitten, von epochalen Veränderungen. Auch das Jahr 1979 stand bereits im Fokus solcher Betrachtungen. Der US-amerikanische Journalist Christian Caryl glaubte, in diesem Jahr die Geburt des 21. Jahrhunderts zu erkennen. Ähnlich sieht es auch der Potsdamer Historiker Frank Bösch, wenngleich er etwas weniger auf die Pathostube drückt. "Als die Welt von heute begann" lautet der Untertitel seines Buchs über das Jahr 1979, dem er attestiert, für nicht mehr und nicht weniger als eine "Zeitenwende" zu stehen.

"Die Welt in den Jahren nach 1979 unterscheidet sich ganz deutlich von dem Anfang der 70er Jahre. Plötzlich haben wir erstarkte Religionen. Plötzlich ist die Energieversorgung ein zentrales Problem. Plötzlich vertrauen Gesellschaften ganz anders auf den Markt als zuvor. Oder aber im Bereich der Geschichte: Der Holocaust wird jetzt zu einem zentralen Paradigma, um die Zeitgeschichte zu betrachten.

Mir ging es gar nicht so sehr darum, ein Buch über ein Jahr zu schreiben. Und tatsächlich behandele ich ja auch die 70er, 80er Jahre insgesamt. Mir ging es darum, gegenwärtige Herausforderungen, einen beschleunigten Wandel aufzuzeigen. Und das ließ sich besonders gut an diesen Ereignissen im Jahr 1979 aufzeigen."

In der Tat ist im Jahr 1979 eine Menge passiert, was in der Rückschau als weltpolitisch wegweisend erscheint. In der Nähe von Harrisburg kam es zu dem bis dahin schwersten Störfall in einem Atomkraftwerk, in Deutschland fand der Gründungsparteitag der Grünen statt, erstmals trafen sich Wissenschaftler auf einer Weltklimakonferenz und warnten vor den Gefahren einer Erderwärmung. Die Sowjetarmee marschierte in Afghanistan ein, beim Besuch von Papst Johannes Paul II. in seinem Heimatland Polen strömten Millionen auf die Straße.

Die Welt wurde unübersichtlicher und fragmentarischer

Die Gleichzeitigkeit dieser und anderer Ereignisse zeige, so Bösch, dass die Welt unübersichtlicher, fragmentarischer geworden sei, sich nicht mehr in zwei große Lager einteilen ließ, die das Weltgeschehen bestimmten. Die starke Fixierung auf die Jahre 1945 und ’89 als Eckmarken der Zeitgeschichte habe bis heute ein sehr bipolares Geschichtsbild geprägt.

"Wenn man allerdings eine globale Perspektive einnimmt, dann zeigt sich, dass wir Ende der 70er Jahre ganz dramatische Wandlungsprozesse haben. Etwa in China, das sich öffnet. Etwa mit dem Aufkommen des fundamentalistischen Islam, mit der iranischen Revolution. Und das sind Themen und Bereiche, die bisher in der Zeitgeschichtsforschung kaum im Blick waren, obwohl sie durchaus Rückwirkung auch auf die Bundesrepublik hatten."

In seinem Buch zeigt Frank Bösch, welchen Einfluss globale Ereignisse 1979 auf die Politik, Berichterstattung und Befindlichkeit im geteilten Deutschland hatten. Besonders aufschlussreich ist dabei das Kapitel über die vietnamesischen Flüchtlinge, die so genannten Boat People, die mit schrottreifem Schiffsgerät den Weg über den Ozean wagten. Die Bilder der unter Lebensgefahr aus dem kommunistischen Land fliehenden Menschen lösten in der Bundesrepublik eine Welle der Solidarität aus. Die Rettungsorganisation Cap Anamur wurde gegründet, Schlagersänger gaben Benefizkonzerte, die Regierung erhöhte das Aufnahmekontingent und begrüßte bald Tausende außereuropäische Flüchtlinge auf deutschem Boden.

Parallelen zwischen 1979 und 2015

Die Ähnlichkeiten mit den Ereignissen seit 2015 sind dabei augenfällig.

"Wiederum gab es eine breite Willkommenskultur. Und dann kippt die Stimmung. Und sie kippt nicht nur wegen der vietnamesischen bzw. syrischen Flüchtlinge, sondern sie kippt, weil sie insgesamt in einen neuen Zulauf von Migranten eingebettet waren. Damals, 1980, insbesondere aus der Türkei und dann bei den syrischen Flüchtlingen in Verbindung mit Flüchtlingen aus anderen Teilen der Erde, insbesondere aus Afrika."

Im Buch führt Bösch aus: "Wie Umfragen zeigten, nahm in der deutschen Bevölkerung in wenigen Jahren die Auffassung zu, die Ausländer sollten in ihre Heimat zurückkehren. Vor allem die hohe Arbeitslosigkeit im Zuge der Wirtschaftskrise förderte dies. Während die einen die Menschen aus sinkenden Booten retteten, skandierten andere: 'Das Boot ist voll', um die Abschottung der Grenzen zu fordern. Gerade bei den Christdemokraten, die eben noch die Aufnahme von mehr Flüchtlingen aus Vietnam gefordert hatten, nahmen die Stimmen zu, die vor 'Wirtschaftsflüchtlingen' warnten."

In der Folge formierten sich rechtextreme Bewegungen, die auch Brandanschläge verübten. Wenige Jahre später gründeten sich die Republikaner. Das Jahr 1979, meint Frank Bösch, sei nicht nur in Deutschland von starken Bewegungen geprägt gewesen, die sich gegen Liberalisierung, Rechte von Minderheiten oder eben auch gegen Einwanderer richteten.

Gescheiterte Visionen

Zugleich sei es eine Zeit gewesen, in der noch einmal Utopien erblühten.

"Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass sie mit vielen Enttäuschungen einhergehen. Margret Thatchers Traum von der marktliberalen Gesellschaft hat nicht die soziale Ungleichheit beseitigt, sondern sie eher verstärkt. Der Gottesstaat hat zu vielen Repressionen geführt, die dem Schah-Staat nicht unähnlich sind. Und auch in Nicaragua, das als Modell für viele linke Bewegungen galt, haben wir heute einen autoritär herrschenden Daniel Ortega, der Pressefreiheit, Meinungsfreiheit unterdrückt."

Das Buch "Zeitenwende 1979" von Frank Bösch ist vor allem deshalb so aufschlussreich, weil es markante Ereignisse in einen historischen Zusammenhang stellt. Anhand dieser Einschnitte oder Wendepunkte zeigt Bösch Entwicklungen auf, die bis in die Gegenwart reichen: die Neoliberalisierung der westlichen Welt, das Erstarken des islamischen Fundamentalismus und der Religionen insgesamt, Flüchtlingsbewegungen, ökologisches Denken, Klimawandel, Chinas Weg zur Weltmacht und die öffentliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Das Schöne an dem Buch ist, dass Frank Bösch dennoch zurückhaltend bleibt, nicht von 1979 als "alles erklärender Superzäsur" spricht, keine direkten Kausalitäten behauptet - etwa zwischen der islamischen Revolution im Iran und den Anschlägen am 11. September 2001. Zudem gelingt es ihm, das lebendige Bild eines bewegten Jahres zu zeichnen, das uns die Welt von heute vielleicht ein bisschen besser verstehen lässt.

Frank Bösch: "Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann",
C.H. Beck, 512 Seiten, 28 Euro.

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