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StartseiteBüchermarktVom Wunsch, ein Autor zu sein31.10.2018

Frank Witzel: "Vondenloh"Vom Wunsch, ein Autor zu sein

Literatur-Besessenheit und Liebestollheit kreuzen sich im Roman "Vonderloh" von Frank Witzel. Im Mittelpunkt ein Anti-Held, der versucht, sich als Biograf der erfolgreichen Schrifstellerin Betinne Vonderloh zu etablieren - mit zum Teil hanebüchen-herrliche Ideen. Die Neuauflage eines Schlüsselwerks.

Von Tobias Lehmkuhl

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Der Schriftsteller Frank Witzel und sein Roman "Vondenloh" (Buchcover: Matthes & Seitz, Autorenportrait: dpa / picture alliance / Arne Dedert)
"Vondenloh" - ein neu zu lesendes Schlüsselwerk des Autors (Buchcover: Matthes & Seitz, Autorenportrait: dpa / picture alliance / Arne Dedert)
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Der Held oder Anti-Held von "Vondenloh", Frank Witzels urkomischem und extrem hintersinnigem Roman, trägt bezeichnenderweise keinen Namen - obwohl er sich doch unbedingt einen machen will, sei es als Romancier, Librettist, Journalist oder Biograph. Die Heldin dieses Buches hingegen verfügt über gleich zwei Namen, ihren Geburtsnamen Helga Dahmel und ihren Künstlernamen Bettine Vondenloh. Sie kann sich diese zwei Namen spielend leisten, denn ihr ist beschieden, was dem Erzähler von "Vondenloh", ihrem verkapptem Biografen, Schulfreund und Möchtegern-Ehemann, versagt bleibt: literarischer Ruhm.

Bettine Vondenloh ist so erfolgreich, dass schon wenige Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung Symposien zu ihrem Werk abgehalten werden. Das Problem ist nur: Der Erzähler des Romans meint es besser zu wissen als alle ihre Interpreten, denn schließlich ist er mit ihrer Biografie vertrauter als irgendjemand sonst, ja ihr ganzes Werk erklärt sich für ihn einzig aus ihrer Lebensgeschichte. Das heißt aus der gemeinsamen kleinstädtischen Vergangenheit.

"Der Komponist Gottfried Heinzell, dem ich im Frühjahr 1996 ein Libretto über die Kindheit der Schriftstellerin Bettine Vondenloh anbot, schrieb mir in seinem Antwortbrief, er empfinde meine Geschichte in ihrer geradezu symbolischen Überhöhung ergreifend, könne sich aber eine tonale Umsetzung nur schwerlich vorstellen. "Vielleicht", fügte er hinzu, "haben Sie das Thema literarisch bereits ausgeschöpft, so dass meine Musik nur noch Untermalung wäre, nicht aber, wie ich es mir selbstverständlich für meine Arbeit wünsche, tragendes Element." Ich verstehe Heinzells Einwand heute sehr gut."

Auch Dieter Schnebel und Helmut Lachenmann, die es im Gegensatz zu einem Gottfried Heinzell wirklich gibt, winken ab. Unterkriegen aber lässt sich der Erzähler nicht: Irgendwie muss er sein geballtes biografisches Wissen, dass ihn zudem als besessenen Heimatkundler ausweist, an den Mann bringen. Ein ums andere Mal versucht er, Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" unterzubringen, referiert seinen eigenen unveröffentlichten Roman, schreibt Vorträge für Symposien, zu denen er nie eingeladen wird, gibt sich am Ende gar als Vondenlohs Ex-Mann und Feuilletonchef aus München aus, um wenigstens eins seiner Ziele zu erreichen: Dank seiner arkanen Vondenloh-Dahmel-Kenntnisse allgemein respektiert zu werden, am besten aber in Kontakt zu treten mit der verehrten Autorin und Jugendfreundin selbst. Seit 20 Jahren nämlich entzieht sie sich ihm. Und so liest er ein ums andere Mal ihre ersten Geschichten, die sie in der örtlichen Zeitschrift "Bäckerblume" veröffentlichte, während er selbst es mit seinen Schreibversuchen gleich beim "Merkur", bei "Sinn und Form" und "Akzente" versuchte, vergeblich, versteht sich.

Marcel Proust und die Bäckerblume

"Ihre dritte Geschichte hieß "Fräulein Linder macht einen Ausflug". Fräulein Linder war die Sportlehrerin der Mädchen. Bei dieser Geschichte wurde ich allerdings schon damals stutzig. Helga erzählte in kurzen Sätzen, wie Fräulein Linder sich an einer Tankstelle einen Gebrauchtwagen kauft, mit dem sie am darauffolgenden Sonntag ins Grüne fährt. Da sie einen steilen Weg in die Berge wählt, beginnt der Kühler zu kochen. Fräulein Linder weiß sich nicht zu helfen, hält an einem Bach und gießt eiskaltes Quellwasser in den Kühler, worauf dieser zerspringt. Ich war erschrocken von der sich immer mehr verdichtenden Symbolik, die mich einen tiefen Blick in Helgas Psyche werfen ließ. Nicht nur, dass ihr Inneres zum Zerspringen angespannt war, immer und immer wieder, wie ja auch in der Geschichte "Herr Kosslers kauf einen Salat", tauchte die alles überschattende Unfähigkeit auf, etwas Brennendes oder Aufkochendes zu löschen."

Angesichts der Versuche des Erzählers, die banalsten Geschichten symbolisch zu überhöhen, wird der Rezensent mit seinen Interpretationen selbst vorsichtig. Zumal dem Roman ein 50-seitiger Anhang beigegeben ist, der als Auszug aus einem Materialienband zum Werk Frank Witzels ausgegeben wird und schon alle Deutungen erhält, die man dem Roman "Vondenloh" aufzwingen könnte. Ein Aufsatz mit dem Titel "Madelaine und Bäckerblume. Die Logik des Traums bei Proust und Witzel" findet sich da, ebenso eine hinreißende psychoanalytische Abhandlung, die erläutert, inwiefern der Pseudo-Biograph in einem Akt "homosozialer Übertragung" die Stelle Peter Handkes im Leben Bettine Vondenlohs einzunehmen versucht. Eine oder ein gewisser Maria-Franz Mondner schreibt zudem über ein angeblich getilgtes Kapitel, in dem Joseph Karl Ratzinger von Günter Grass im Schützengraben an die Literatur herangeführt wird, um schließlich nach dem Krieg mit Thomas Bernhard, der unbedingt Priester werden wolle, die Identität zu tauschen und erfolgreicher Autor zu werden.

"Die bislang in der Forschung etablierte Auffassung, gemäß welcher Witzel dieses Kapitel kurz vor der Erstveröffentlichung umgeschrieben und ersetzt hat, weil er Sanktionen der Erben fürchtete, lässt sich wahrscheinlich nicht aufrechterhalten. Anlass scheint vielmehr die Wahl Joseph Karl Ratzingers zum Papst gewesen zu sein, ein Umstand, der beim Leser leicht die Vermutung hätte aufkommen lassen können, Witzel schließe sich einem allgemeinen Zeittrend an, um an dessen kommerziellen Auswüchsen zu partizipieren. Warum Witzel jedoch nicht einfach Namen und Orte abänderte, bleibt bislang unbeantwortet."

Die Vogel-Strauß-Taktik der Psychoanalyse

Das Spiel mit echten und falschen Namen, mit Wahrheit und Fiktion, durchzieht Witzels ganzen Roman. Als er den Psychoanalytiker Jacques Lacan in einem Hubschrauber über dem Geschehen kreisen und fast, wie die Honoratioren der Stadt, kopfüber in einen Pappmaché-Nachbau des Freud’schen Behandlungssofas stürzen lässt, behauptet er, der Franzose sei auf diese Weise, durch die Verbindung vom sogenannten "Anderen", französisch "autrui", mit dem Vogel Strauß, "autruche", zu der Wortbildung "autruiche" gelangt und habe darin das Inbild der Psychoanalyse erkannt.

Derart hanebüchen-herrliche Ideen werden vom Erzähler im höchsten Ernst vorgetragen und fügen sich auf diese Weise ganz natürlich in die Geschichte. Müßig, hier noch vom Flugzeugabsturz zu erzählen, der das Geheimarchiv Bettine Vondenlohs offenlegt, ihre vermeintliche Stasi-Tätigkeit unter dem zweifelhaften Decknamen "Aktion Wiegenköder", die absurde Affäre des Erzählers mit einer Siegfried Lenz-Verehrerin, der Bau einer Joseph-Goebbels-Statue aus Stanniol-Papier oder der finale Vondenloh-look-alike-contest.

Es scheint unmöglich, dieses Buch auf einen Begriff zu bringen: Groteske, Humoreske, Literaturbetriebs-Satire, von Bedeutungen und Referenzen überquellender postmoderner Abenteuer- und Detektiv-Roman, der zudem tief in deutscher Geschichte wühlt, zugleich auch Pop-Erzählung, die den Stones-Hit "Jumping Jack Flash" noch einmal ganz neu deutet. Man fühlt sich von dieser literarisch-philosophisch-psychologischen Wundertüte ein ums andere Mal hin- und hergeschleudert, mitgerissen und gnadenlos überfahren. Von einem Autorennen übrigens, soviel sei noch gesagt, handelt dieses Buch auch. Und hinterm Steuer sitzt, wie könnte es anders sein, eine Autorin.

Frank Witzel: "Vondenloh"
Matthes und Seitz, Berlin, 288 Seiten, 10 Euro.

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