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StartseiteKommentare und Themen der WocheSchäbiger Kampf um die Deutungshoheit 30.07.2019

Frankfurt und die MedienSchäbiger Kampf um die Deutungshoheit

Es sei schäbig, wenn nach einem Verbrechen sofort der Kampf um die Deutungshoheit beginne, kommentiert Marco Bertolaso. Wo bleibe die Zeit für die Trauer und für das Denken an Opfer und Hinterbliebene? Straftaten Einzelner hätten in der Regel wenig zu tun mit dem Pass oder Geburtsort eines Menschen.

Von Marco Bertolaso

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Trauer in Frankfurt am Main nach toedlicher Gleis-Attacke am Hauptbahnhof. Auf dem Bahnsteig liegen Blumen, Kerzen und Kuscheltiere.  (picture alliance/dpa/HMB Media/Oliver Mueller)
Trauer in Frankfurt am Main nach toedlicher Gleis-Attacke am Hauptbahnhof (picture alliance/dpa/HMB Media/Oliver Mueller)
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In unseren Nachrichten berichten wir selten über einzelne Fälle von Kriminalität. Das ist angemessen für ein bundesweites Medium von der Art des Deutschlandfunks. Gestern haben wir aber rasch entschieden, dass Frankfurt in die Nachrichten kommt. Wir fanden, dass dieses Ereignis an einem der größten Bahnhöfe im Land mit Folgen für den Zugverkehr von gesamtgesellschaftlichen Interesse sei.

Allerdings haben wir die Nationalität des festgenommen Mannes zunächst nicht erwähnt. Auch dafür gibt es Gründe und die möchte ich erläutern mit Passagen aus drei der Mails, die ich gestern bekommen habe und den Antworten darauf.

Erstes Zitat: "Nachweislich war es einer unserer vom Merkel-Regime eigeladenen Gäste! Steht in allen Medien, nein, nicht beim Migrantenfunk aus Köln. Man arbeitet halt intensiv an seinem Lügenpresseprofil. Widerlich!!" Wie war es gestern? Außer dem Hinweis, der Täter sei Eritreer, wussten wir rein gar nichts. Das war uns nicht genug. Als wir mehr Informationen über den Mann hatten, haben wir berichtet. Wir hätten es auch getan, wenn er sich als Botschaftsangestellter oder Asylbewerber herausgestellt hätte.

Wir folgen den Regeln unseres Handwerks

Zweites Zitat: "Warum liest man in den sozialen Netzwerken von der Herkunft der Täter? Was soll da vertuscht werden?" Zitat Ende. Natürlich soll nichts vertuscht werden. Informationen über eine öffentlich begangene Tat lassen sich gar nicht verbergen. Doch wir sind eine Nachrichtenredaktion, wir sind nicht Facebook. Der Unterschied darf nicht verwischen. Unsere Aufgabe ist, Wichtiges zu berichten, wenn wir uns sicher sind. Unsere Aufgabe ist nicht, mit Bruchstücken von Informationen zu spekulieren. Wir folgen den Regeln unseres Handwerks. Unsere Meldungen müssen anderen Maßstäben genügen als ein Post in einem sozialen Netzwerk.

Es ist schäbig, wenn nach einem Verbrechen sofort die Deutungshoheit beginnt

Drittes Zitat: "Ich empfinde Sie als einen Sender, der fremde Interessen in fremdem Auftrag durchführt. Welche Verhöhnung des Volkes, sich DEUTSCHLANDfunk zu nennen." Zitat Ende. Die Gesellschaft spaltet sich. Eine wachsende Minderheit geht davon aus, dass das Verhalten von Politik, Justiz oder Medien nur so zu erklären ist, dass innere und äußere Volksfeinde am Werk sind. Angestachelt werden diese Menschen von Kräften, die davon profitieren wollen.

All das ist nicht neu. In früheren Zeiten wurde skandalisiert, wenn ein Täter Kommunist war, Protestant oder Freimaurer, wenn er homosexuell war, Student, Jude oder Kriegsdienstverweigerer. In unseren Zeiten ist es eben die Herkunft.

Es ist schäbig, wenn nach einem Verbrechen sofort der Kampf um die Deutungshoheit beginnt. Wo bleibt die Zeit für die Trauer und für das Denken an Opfer und Hinterbliebene? Ja, die späten Berichte über die Kölner Silvesternacht haben die Medien viel Vertrauen gekostet. Der Schuss hat gesessen. Straftaten einzelner haben aber in der Regel wenig zu tun mit Pass oder Geburtsort eines Menschen. Je mehr wir jetzt über den Täter von Frankfurt erfahren, desto mehr wird dies auch hier deutlich. Sie als unsere Hörer und Nutzerinnen möchte ich bitten, diesem Gedanken eine Chance zu geben, und sich nicht aufwiegeln zu lassen.

 

Dr. Marco Bertolaso: Deutschlandfunk - Leitung Zentrale Nachrichten  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marco Bertolaso (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marco Bertolaso ist Nachrichtenchef des Dlf und auch für die Aktualität im Netz verantwortlich.
Vor seiner Zeit beim Deutschlandfunk hat der promovierte Historiker unter anderem im Deutschen Bundestag gearbeitet.
Bei Twitter können Sie @mbertolaso folgen.

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