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StartseiteBüchermarktGeorgien aus weiblicher Sicht11.10.2018

Frankfurter Buchmesse 2018Georgien aus weiblicher Sicht

Das diesjährige Gastland stellt sich auf der Buchmesse dem deutschen literarischen Publikum vor. Doch was macht Georgien aus weiblicher Sicht aus? Darüber haben die Autorinnen Nana Ekvtimishvili und Angela Steidele in ihren Büchern geschrieben.

Nana Ekvtimishvili und Angela Steidele im Gespräch mit Angela Gutzeit

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Nana Ekvtimishvili und Angela Steidele im Gespräch (Deutschlandradio / Jelina Berzkalns)
Nana Ekvtimishvili und Angela Steidele im Gespräch auf der Dlf-Buchmessenbühne (Deutschlandradio / Jelina Berzkalns)
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Der Handlungsort Georgien sowie starke Frauenfiguren spielen eine große Rolle in den Büchern "Das Birnenfeld" von Nana Ekvtimishvili und "Zeitreisen. Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg" von Angela Steidele.

Nana Ekvtimishvili ist bisher vor allem als Filmemacherin in Erscheinung getreten. Ihr Roman "Das Birnenfeld" handelt von einem georgischen Heim für Kinder und junge Menschen, das "Internat" genannt wird, das es aber auch wirklich gibt und in dessen Nähe die Autorin aufgewachsen ist. Im Gespräch auf der Buchmessenbühne des Dlf erzählt sie, wie sie dazu gekommen ist, darüber zu schreiben.

"Zum Film bin ich durch das Schreiben gekommen", sagt sie. Sie habe schon vor dem Studium Geschichten veröffentlicht. Und nach einem Deutschland Aufenthalt habe sie die Heimbewohner die sie als Kinder noch kannte als Erwachsene auf der Straße betteln gesehen. Sie habe als Kind mit ihnen gespielt und wollte ihre Erinnerungen daran festhalten und das in Form eines Romans.

"Obwohl dieser Raum geschlossen ist, dieses Internat – wir verlassen so gut wie nie in diesem Buch das Internat – es gibt nur ein, zwei Ausnahmen. Und es geht um dieses Internat und die Nachbarschaft. Natürlich ist das ein Spiegel auf die Gesellschaft. Georgien ist ein patriarchalisches Land."

Unter eigentlich unmöglichen Bedingungen

Fast alle Mädchen in diesem Heim, erinnert sich die Autorin, hätten sich wie Jungen gekleidet, weil sie dieser Status – ein Junge zu sein – vor Gewalt bewahrt hätte. Die Mädchen, die nicht im männlichen Stil gekleidet waren, wurden unter anderem auf das dem Buch titelgebende Birnenfeld gezerrt und vergewaltigt. Auch von den Kindern selbst.

Angela Steidele hat sich mit ihrer Frau auf die Spuren von Anne Lister und Ann Walker begeben und ist den beiden Frauen nachgereist, die 1840 in einem Pferdeschlitten auf der zugefrorenen Wolga bis nach Tbilissi und Baku gereist sind.

"Anne Lister, die englische Landadelige, war eine große Liebende, die erst viele Frauen durchprobiert hat, dann bei Anne Walker schließlich gelandet ist, aber sie war auch eine große Reisende", sagt Angela Steidele, die bereits eine Biografie über Anne Lister geschrieben hat.

Frauenliebe sei damals so sehr unter dem Radar in Georgien gewesen, dass sie nicht als Frauenpaar erkannt wurden. Es wäre zudem wesentlich unsittlicher gewesen, wenn eine Frau allein gereist wäre, erzählt Angela Steidele. Heute hätte sich die Situation etwas geändert.

"In allen postsozialistischen Ländern kehrt das Patriachat ja mit einer überraschenden Wucht zurück. Und dazu gehören Frauenbilder, die reanimiert werden, von denen wir hofften, sie seien überwunden und eine Homophobie, in einem Ausmaß wie Georgien, sie möglicherweise früher gar nicht kannte."

Steidele und ihre Frau wurden vor der Reise gewarnt, sich nicht als Paar zu erkennen zu geben.

Nana Ekvtimishvili: "Das Birnenfeld" Suhrkamp Verlag, Berlin, 16,95 Euro.

Angela Steidele: "Zeitreisen. Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg" Matthes & Seitz Verlag, Berlin, 24 Euro.

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