Frankfurter BuchmesseZwischen reconnect und Boykott

Es ist die erste Präsenz-Buchmesse seit zwei Jahren. Und während man in Frankfurt mit einem „endlich wieder“ ins Gespräch kommt, dominiert in der öffentlichen Wahrnehmung „schon wieder“ ein Thema, und es wird sogar zum Boykott aufgerufen. Eine bedenkliche Dynamik, kommentiert Catrin Stövesand.

Ein Kommentar von Catrin Stövesand | 24.10.2021

Menschen schlendern während des ersten Besuchertags der Frankfurter Buchmesse 2021 durch Halle 3
„Reconnect“, das ist eigentlich das Motto dieser Frankfurter Buchmesse, also wieder in Verbindung treten. Und auch wenn das tatsächlich und zum großen Glück in Frankfurt gerade stattfindet, der äußere Eindruck ist: Spaltung, Bedrohung, Aufregung, Frust. (picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)
Wenn der Elefant im Raum steht, kann man ihn auch klar benennen. Der Verlag aus Dresden, über den jetzt leider so viel berichtet wird, steht rechts außen. "Jungeuropa" publiziert Titel wie "Gegen den Liberalismus" oder "Kulturrevolution von rechts". Der eigene Podcast heißt "von rechts gelesen" und feiert dieser Tage die ganze unverdiente Aufmerksamkeit.
Tja, schade. Das war sicher nicht die Absicht der Social-Media-Protestwelle mitsamt der folgenden Medienberichterstattung. Aber eben das hat den Fokus auf die rechte Seite gedreht. Dabei hätte man in diesem Jahr ganz vortrefflich und souverän an dieser Seite vorbeischauen können. Ein kleiner Verlag an einem kleinen Stand in einer großen Halle, die doch auch so viel Anderes zu bieten hat.
Proteste gegen rechte Verlage
Über den Protest gegen die Präsenz rechter Verlage auf der Frankfurter Buchmesse diskutierten René Aguigah, Leiter des Ressorts Literatur im Deutschlandradio, und die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo mit Büchermarkt-Moderator Jan Drees.

Um das klar zu stellen: Die Absage der Autorin Jasmina Kuhnke steht für sich. Sie hat das Recht, sich für oder gegen Auftritte zu entscheiden. Überhaupt sollte sich niemand bedroht fühlen müssen, und wenn die Autorin neurechtes Gedankengut als eine Ursache für Hass und Gewalt ausmacht, hat sie damit einfach recht. Hanau und Halle sind nur zwei von leider zahlreichen Beispielen dafür.
Was bedenklich ist, ist die Dynamik, die der Absage folgte. Solidaritätsbekundungen für eine Person, die bedroht wird, sind natürlich richtig. Solidarität bedeutet aber nicht, diese Entscheidung zu imitieren oder gar zum Boykott aufzurufen. Solidarität bedeutet nicht, rhetorisch mit den Flügeln zu schlagen und Gift und Galle über den Messe-Betreibern auszuschütten. Auch die Aufmerksamkeit für sich zu nutzen, hat nichts Solidarisches. Wenn etwa eine bekannte Aktivistin und Autorin behauptet, die Messe habe den rechten Verlag bewusst eingeladen, stellt sich schon die Frage, worauf solche Aussagen zielen. Was sie anrichten, liegt jedenfalls auf der Hand. Sie erweitern die Gräben und heben zudem neue aus. Weitere Feindbilder werden entworfen.


Neurechte Strategien werden übernommen


Statt souverän mit dem Thema umzugehen, werden also neurechte Strategien imitiert: Freund-Feind-Rhetorik, Überzeichnungen. So lassen einige Äußerungen den Eindruck entstehen, als sei die Frankfurter Buchmesse ein Ort, der ausdrücklich neurechte Publizisten fördere. Parallelrealitäten, alternative Fakten: da klingelt was, oder?
Vor den Gefahren neurechter Publikationen zu warnen – das geht doch auch anders. Ja, die zündeln. Und die Funken treffen leider auf willige Empfänger. Was haben solche Zündler auf einer Buchmesse zu suchen? Eine berechtigte Frage. Die Messe beantwortet sie mit dem Gebot der Meinungsfreiheit. Fallen aber umstürzlerische, revolutionäre Gedanken und Ambitionen noch unter die Meinungsfreiheit, oder sind sie bereits verfassungsfeindlich? Berechtigte und wichtige Fragen, die in Ruhe von einem sicheren Standort aus verhandelt werden müssen. Nicht unter Dauererregung. Und es folgen weitere Fragen: Wenn demokratie- oder menschenfeindliche Ideen keinen Platz auf der Buchmesse bekommen, müssten dann nicht auch einige religiöse Publikationen unter die Lupe genommen werden? Denn es gibt auch andere Ideen, die zündeln können, die empfängliche Menschen zu Gewalttaten motivieren können.


Verbote und Boykotte treffen häufig die Falschen


Das ist kein Plädoyer für "alles ist erlaubt". Aber Verbote und Boykotte nützen leider häufig denen, die gemeint waren und treffen die Falschen. Und so gehen in diesen Tagen all die klugen oder auf eine gute und faire Zukunft gerichteten Ideen und Publikationen unter, die sich gerade das erste Mal seit Beginn der Pandemie ein größeres Publikum erschließen könnten. Wo haben die noch Platz, wenn die Aufregung alles dominiert? Jedenfalls nicht mehr genug. Und damit schwinden auch die Freude, die Neugierde und der Erkenntnisgewinn bei der Berichterstattung. Denn auch für uns Journalistinnen und Journalisten gilt es nun schon seit Jahren, immer wieder das gleiche Thema zu bedienen. "Schon wieder" ist dann der Impuls – statt "endlich wieder" Buchmesse. Endlich wieder Austausch, Gedanken aufnehmen, diskutieren, streiten und lachen. Reconnect, das ist eigentlich das Motto dieser Frankfurter Buchmesse, also wieder in Verbindung treten. Und auch wenn das tatsächlich und zum großen Glück in Frankfurt gerade stattfindet, der äußere Eindruck ist: Spaltung, Bedrohung, Aufregung, Frust, Rückzug.
Rückzug in die Meinungsblase, in die Kränkung, überhaupt ins Eigene, oder ins zu eigen Gemachte. Aber hat die Pandemie nicht gezeigt, was Rückzug mit den Menschen macht, wie schädlich das sein kann, wie einsam und unproduktiv? Der bessere Weg wäre, die Verbindung zu zelebrieren, die wieder möglich ist. Rauszugehen, denn es gibt mehr Gleichgesinnte, als Mensch so denkt. Den nach vorne gerichteten Diskurs in den Mittelpunkt zu stellen. Dann bleiben die Bedrohungen unter Beobachtung am Rand, denn da haben sie ihren Platz.
Catrin Stövesand
Catrin Stövesand (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )
Catrin Stövesand, geboren 1974, M.A. in den Fächern Germanistik und Geschichte, sie arbeitete für eine Regionalzeitung, mehrere Radiosender und die dpa-Rundfunkagentur, bevor sie 2009 zum Deutschlandfunk kam. Seit 2011 ist sie Redakteurin und Moderatorin in der Abteilung "Hintergrund", dort u. a. zuständig für "Andruck" - das Magazin für Politische Literatur.