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StartseiteInformationen am MorgenVerunsicherung im Flugverkehr25.07.2014

Frankfurter FlughafenVerunsicherung im Flugverkehr

Das mutmaßlich abgeschossene Passagierflugzeug über der Ostukraine, eine abgestürzte algerische Maschine in Westafrika, ein Landeverbot für den Flughafen Tel Aviv: Es gibt genug Gründe, sich als Flugpassagier Sorgen zu machen - aber auch die Branche ist verunsichert.

Von Benjamin Hammer

Flugzeug im Abflug vom Frankfurter Flughafen, im Hintergrund die Skyline. (dpa / Arne Dedert)
Fast alle Fluggesellschaften flogen bis vor wenigen Tagen über den Osten der Ukraine. Sicherheitsexperten kritisieren: Die Airlines hätten um die Region einen weiten Bogen machen sollen. (dpa / Arne Dedert)
Weiterführende Information

Situation in Israel - Fluggäste sind verunsichert (Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 24.07.2014)

Flugverbot in Israel - Es handelt sich um ein weltweites Problem (Deutschlandfunk, Interview, 24.07.2014)

Nahost-Konflikt - USA heben Landeverbot auf (Deutschlandfunk, Aktuell, 24.07.2014)

Raketenangriffe auf Israel - Fluggesellschaften streichen Flüge nach Tel Aviv (Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 23.07.2014)

Recherche nach der Flugroute von Lufthansa Flug 772. Gleich mehrere Webseiten liefern den exakten Weg, den der Airbus A340 in den vergangenen Tagen von Frankfurt nach Bangkok genommen hat. Eine Sache fällt auf: Seit einer Woche fliegt LH 772 nicht mehr im direkten Winkel nach Bangkok, macht große Umwege – mal über Weißrussland, mal über Bulgarien.

Bis vor einer Woche flog LH 772 noch den direkten Weg – auch das lässt sich rekonstruieren. Der Weg führte exakt über den Osten der Ukraine. Nur wenige Meilen von der Absturzstelle von MH17 entfernt. So machten es viele Airlines bei vielen Flügen, nicht nur die Lufthansa. Für alle gilt: Wann immer möglich sollen die Routen schnurgerade sein, das spart Kerosin und damit Geld.

Der Abschuss des Fluges MH17 der Malaysia Airlines hat die Branche aufgerüttelt. Vielleicht muss man auch sagen: wachgerüttelt.

Flughafen Frankfurt am Donnerstag. Auf den ersten Blick herrscht hier Normalbetrieb. Die Passagiere aber haben mitbekommen, was in den letzten Tagen passiert ist. Der Abschuss von MH17, ein temporäres Flugverbot für Tel Aviv, das inzwischen wieder aufgehoben wurde. Der Absturz einer taiwanesischen Maschine am Mittwoch und dann auch noch ein abgestürztes algerisches Flugzeug über Mali.

Passagierin: "Das ist ein ganz komisches Gefühl, man weiß nicht, was kommt."

Passagier: "Wir können's nicht ändern, aber wir müssen geschäftlich fliegen, es passieren halt Sachen, mit denen man nicht rechnet."

Passagier: "Darf man gar nicht so arg drüber nachdenken, denke ich."

"Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein"

Kathrin Leineweber arbeitet seit Jahren als Flugbegleiterin und bloggt gleichzeitig für ein großes Luftfahrtportal. Reinhard Mey habe sich mit seinem Lied "Über den Wolken" offenbar geirrt, schreibt Leineweber. Die Freiheit über den Wolken sei nicht mehr grenzenlos. Was nützten topp gewartete Flieger, was brächten professionelle Piloten, wenn es die Flugzeuge nun mit Raketen aufnehmen müssten, schreibt sie.

Handwerg: "Ja, es war natürlich ein Schock. Wenn Menschen im Luftverkehr zu Tode kommen, ist das für jeden Piloten immer eine sehr unangenehme und belastende Sache."

Jörg Handwerg fliegt für die Lufthansa. Er ist der Vorsitzende der Pilotengewerkschaft Cockpit. Dass die Lufthansa und andere Airlines bis zum Abschuss der MH17 über den Osten der Ukraine flogen, hält Handwerg für gerechtfertigt.

"Wir müssen uns ein bisschen auf die Sicherheitsabteilungen der Airlines verlassen und mir persönlich war zum Beispiel nicht bekannt, dass in der Ukraine solche Kanonen in Händen von Aufständischen sind, die in der Lage sind, Flugzeuge aus zehn Kilometer Höhe abzuschießen. Und das war natürlich eine erschütternde Neuigkeit, die eine Neubewertung der ganzen Sicherheitslage dringend erforderlich macht."

Fast alle Fluggesellschaften flogen bis vor wenigen Tagen über den Osten der Ukraine. Manche taten es nicht. British Airways zum Beispiel umflog die Ukraine gleich ganz.

Falsche Lageeinschätzung

Wolfgang Richter ist momentan viel unterwegs, daher erreichen wir ihn nur auf dem Telefon. Sein Arbeitspensum hängt auch mit der aktuellen politischen Lage in Osteuropa zusammen, Richter ist Experte für Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik. Richter betont: Noch sei nicht bewiesen, dass die Rebellen MH17 abgeschossen haben. Dennoch hätten die Airlines um die Region einen weiten Bogen machen sollen.

"Es war eine falsche Lageeinschätzung, und wenn man die Lage nicht richtig einschätzen kann, weil es Fragezeichen gibt, dann sollte man sich für den Weg der Sicherheit entscheiden und nicht für den Weg der Ökonomie. Es gab Warnungen zum Beispiel der US-Nationalflugbehörde. Vor diesem Hintergrund frage ich mich natürlich schon, warum nicht alle Airlines dann entschieden haben, diesen Raum generell zu umfliegen."

In einem Punkt kann Richter besorgte Passagiere jedoch beruhigen: Leistungsstarke Raketen wie die "Buk" kämen nicht so leicht in die Hände von Rebellen oder Terroristen. Richter bezieht sich auf Länder wie Afghanistan. Diese werden von vielen Airlines noch immer überflogen.

Es ist keine leichte Woche für die Branche und ihre Passagiere. Neben der Verunsicherung nach MH17 kam ein weiterer Faktor hinzu: Ist es sicher, den Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv anzufliegen? Die Luftfahrtbehörden der USA und der EU hatten gestern wieder grünes Licht gegeben. Manche Airlines zögern weiter.

Flüge als Teil der Staatsräson

In dieser Phase der Unsicherheit will eine Fluggesellschaft Selbstbewusstsein ausstrahlen: El Al aus Israel. Sie macht das, weil sie die Unsicherheit gut kennt. Auch in Zeiten der Hamas-Raketen wird geflogen. Das gehört zur Staatsräson. Ben-Zion Malka ist der Generaldirektor von El Al in Deutschland.

"El Al hat eine langjährige Geschichte, genauso wie der Staat Israel. Israel ist ein gefährdeter Staat durch die Historie von vielen Terrorattacken. Und deswegen haben wir einen sehr hohen Sicherheitsstandard, um unsere Passagiere zu schützen."

Ein Großteil der Flugzeuge verfügt über ein Raketenabwehrsystem, das es sonst nur bei Kampfjets gibt.

"Wir nehmen unsere Aufgabe sehr ernst. Weil wir sind Teil dieses Landes."

Reporter: "Gibt es ein Szenario, wo El Al sagen würde: Jetzt können auch wir nicht mehr fliegen?"

Malka: "Nein. Es kommt so ein Szenario überhaupt nicht. El Al fliegt weiter in jeder Situation nach Israel, weil das die einzige Verbindung zwischen der Welt und Israel ist."

Und so ist über den Wolken die Freiheit ausgerechnet für Israels National-Airline vergleichsweise grenzenlos. Andere Fluggesellschaften sind da gerade etwas zurückhaltender. Vielleicht hängt das auch mit dem Abschuss von MH17 über der Ukraine zusammen. Am Abend gab die Lufthansa bekannt: Auch am Freitag wird sie nicht nach Tel Aviv fliegen.

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