Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteCampus & KarriereAkademiker fordern Ende der sexuellen Gewalt an Hochschulen18.06.2019

FrankreichAkademiker fordern Ende der sexuellen Gewalt an Hochschulen

Gescheiterte Disziplinarverfahren, keine Unterstützung durch die Institutionen, schweigende Verantwortliche: Sexistische und sexuelle Gewalt ist auch an Frankreichs Hochschulen ein Problem. Jetzt haben 540 Akademikerinnen und Akademiker ihrem Ärger mit einem öffentlichen Appell Luft gemacht.

Von Suzanne Krause

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Portal der Universität Sorbonne in Paris. (picture alliance / Ulrich Baumgarten)
An französischen Universitäten schmilzt die Toleranz gegenüber sexistischer Gewalt (picture alliance / Ulrich Baumgarten)
Mehr zum Thema

Tagung in Berlin Sexuelle Gewalt an Hochschulen

Carolin Emcke: "Ja heißt ja und …" Jenseits der Lagerbildung

"MeToo" in der Medizin Sexismus im Operationssaal

"Sexistische und sexuelle Gewalt an der Universität: Das Gesetz des Schweigens muss gebrochen werden!" Das fordern die 540 Akademiker, die den Appell unterzeichnet haben. Denn: Dank der #MeToo-Debatte sei heute das Ausmaß dieser Gewalt auch an Hochschulen immer sichtbarer. Doch, meinen die Verantwortlichen des Appells, Zitat:

"Angesichts des weitverbreiteten Gewaltphänomens werden bislang viel zu wenig interne Disziplinarverfahren aufgenommen."

Einer der Appell-Autoren ist Clément Petitjean. Er arbeitet an der Universität Versailles Saint-Quentin an seiner Doktorarbeit als Soziologe.

"Als wir uns in unserer Doktorandengruppe zur MeToo-Debatte ausgetauscht haben, wurde uns bewusst, dass auch unser Forschungsdirektor ein Problem hat, besser gesagt: seine Studentinnen haben ein Problem mit ihm. Daraufhin hat, wer konnte, den Doktorvater gewechselt, wir sind kollektiv gegangen."

Ein Opfer hatte sich an die Hochschulleitung gewandt. Doch das Disziplinarverfahren scheiterte. So kam der Doktorandengruppe die Idee zu einem öffentlichen Appell.

"Darin beschreiben wir, was man eventuell als intellektuelle Feigheit bezeichnen könnte. Bei den Institutionen ist ein starker Widerstand zu spüren. Auf diese oder jene Weise decken, verheimlichen oder verschleppen sie Vorfälle sexistischer und sexueller Gewalt, von denen sie eigentlich Kenntnis haben."

Es fehlt an interner Unterstützung

Auch Emma Dubois sah sich gezwungen, die Universität zu wechseln: Der Professor, der ihre Doktorarbeit in Anglistik betreute, nahm sich ungefragt Streicheleien heraus. Vier lange Jahre erlitt sie sein deplatziertes Verhalten, sexistische Beschimpfungen, bis ihr klar wurde, dass es sich um gewalttätiges, strafbares Verhalten handelt. Sie weiß heute von anderen Fällen, in denen ihr Professor noch weiter ging.

"Bei der Gleichstellungsbeauftragten der Sorbonne habe ich ein offenes Ohr gefunden. Aber gleichzeitig hat sie mir zu verstehen gegeben, dass mein Dossier nicht wasserdicht sei, weil unter anderem einige Zeugen anonym bleiben wollen. Sie hat mir auch gesagt, dass ein Disziplinarverfahren sich über Jahre hinziehen kann. Ihr Verhalten war für mich sehr schmerzhaft."

Kein Einzelfall

Emma Dubois hat die Aufnahme eines Disziplinarverfahren gegen den Professor erwirken können. Seither hat sie von der Gleichstellungsbeauftragten nie wieder etwas gehört. Dubois ist alles andere als ein Einzelfall. Die Online-Zeitung "Mediapart" hat kürzlich in einem langen Artikel die Namen von zehn Professoren und Dozenten aufgedeckt, gegen die Disziplinarverfahren laufen. Deutlich wird: An französischen Universitäten schmilzt die Toleranz gegenüber sexistischer Gewalt zusehends. In den sozialen Medien machen Studierende mit 'Paye ta fac' nun sexistische Sprüche und Übergriffe publik.

Und bei Clasches steht das Telefon nicht mehr still. Das Kollektiv setzt sich seit 2004 gegen sexuelle und sexistische Gewalt an den Hochschulen ein. Indem es beispielsweise Opfer betreut und begleitet. Bei Medienanfragen geben die Clasches-Mitarbeiter grundsätzlich einen Decknamen an: Camille Marchand. In diesem Fall handelt es sich um einen Deutschen, der an einer Pariser Uni unterrichtet. Der Verein, erklärt Camille Marchand, biete Fortbildung für Studentinnen, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, das Lehrpersonal im Allgemeinen.

"Aber auch für den Verwaltungsteil der Universität und insbesondere auch im Kontakt mit den juristischen Diensten der jeweiligen Universitäten, die entsprechende Fälle dann juristisch begleiten werden."

"Ich bin sehr wütend auf das ganze Uni-System"

Aus trauriger Erfahrung weiß Camille Marchand: Häufig platzen Disziplinarverfahren wegen Formfehlern. Das monierte auch kürzlich der Conseil d'Etat, der in ungefähr dem deutschen Bundesverfassungsgericht entspricht. Bis Ende des Monats will nun das Pariser Hochschulministerium Maßnahmen vorstellen, um Formfehler zu vermeiden. Und konsequenter gegen sexuelle und sexistische Gewalt an der Uni vorzugehen. Emma Dubois zieht aus ihren Erlebnissen eine bittere Lehre:

"Ich bin sehr wütend auf das ganze Uni-System. Von meinem früheren Wunsch, an der Uni beruflich Karriere zu machen, bin ich ziemlich abgekommen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk