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StartseiteSport am WochenendeKampf gegen Homophobie in Fußballstadien 08.09.2019

FrankreichKampf gegen Homophobie in Fußballstadien

Schmähgesänge gehören in Fankurven von Fußballstadien zum Alltag und nicht selten gehen sie unter die Gürtellinie, sind rassistisch oder diskriminierend - etwa gegen Homosexuelle. Das Problem ist virulent. Die höchste französische Fußballliga greift neuerdings hart durch.

Von Marcel Wagner

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Jerome Brisard, Fußball-Schiedsrichter, setzt ein Zweichen gegen Homophobie im Fußball und trägt eine Armbinde in Regenbogenfarben. (imago sportfotodienst)
Jerome Brisard, französischer Fußball-Schiedsrichter, setzt ein Zeichen gegen Homophobie im Fußball und trägt eine Armbinde in Regenbogenfarben. (imago sportfotodienst)
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Die Ansage des Stadionsprechers war klar und deutlich: "Liebe Fans, wir bitten Euch die tendenziösen und beleidigenden Äußerungen zu unterlassen, da die Begegnung andernfalls unterbrochen werden muss!"

Während sich auf dem Platz beim französischen Erstliga-Duell die Spieler von OGC Nice und Olympique Marseille weitgehend fair beackerten, hatten die Fans es deutlich weniger sportlich angehen lassen: Zuerst waren auf der Tribüne Banderolen mit homophoben Anspielungen entrollt worden. Dann folgten Beschimpfungen:

"Sie sind schwul, sie sind schwul, die Marseillaiser!" Schallte es aus dem Nizza-Block. In der 27. Minuten hatte Schiedsrichter Clement Turpin dann erstmal genug gehört und gesehen.

Verschärfte Vorgaben: Spielunterbrechung nach homophoben Gesängen

Für gut zehn Minuten schickte er die Mannschaften in die Kabine. Von den Rängen gab es Pfiffe. Nizzas Trainer Patrick Vieira dagegen fand die Entscheidung verständlich: "Der Schiedsrichter hat mir's erklärt und ich verstehe es sehr gut. Er hatte keine andere Wahl und ich denke, er hat genau die richtige Entscheidung getroffen", sagte der frühere Welt- und Europameister nach dem Spiel.

Tatsächlich hatte sich Schiedsrichter Turpin klar an die Vorgaben gehalten. Die hat die Ligaorganisation seit Saisonbeginn allerdings deutlich verschärft. Eine Spielunterbrechung ist seitdem zwingend, wenn die Fans wiederholt homophobe oder andere diskriminierende Beleidigungen äußern. Seit Saisonbeginn waren bereits mehrere Spiele betroffen, zuallererst eine Partie des Zweitligisten AS Nancy, der von der Ligaorganisation zusätzlich eine Tribünensperrung für ein Heimspiel aufgebrummt bekam.

Von der Regierung erntet die Ligaorganisation für ihre klare Haltung deutliches Lob: "Es ist einfach nicht akzeptabel, solche Beleidigungen hören zu müssen. Das gilt auch für den Fußball, der schließlich ein Aushängeschild ist", befand Sportministerin Roxana Maracineanu.

Unverständnis bei manchen Fans

Bei manchen Fans stoßen die harten Sanktionen dagegen auf Unverständnis: "Seit ich klein bin, gehe ich ins Stadion und seitdem fallen dort solche Worte. Aber die sind doch nicht als persönliche Beleidigungen gemeint!" Erklärte etwa dieser selbsternannte Nizza-Hooligan gegenüber dem Fernsehsender TF1.

Eine Erklärung, die Nathalie Boy de la Tour, Präsidentin der französischen Profiliga, keinesfalls gelten lassen will: "Es gibt Dinge, die wir früher toleriert haben - da muss der Fußball selbstkritisch sein - die aber heute aus gesellschaftlicher Sicht einfach nicht mehr tolerabel sind."

Andererseits fürchtet die Liga wegen der zahlreichen Spielunterbrechungen aber um ihren Ruf und den Spielbetrieb. Für Jéremy Faledam, Vizepräsident von SOS Homophobie, ist das jedoch kein Argument, den eingeschlagenen Weg zu ändern: "Das Problem ist nicht, dass ein Spiel unterbrochen wird, das Problem sind die Äußerungen in den Stadien ohne jede Strafe. Damit die Sanktionen dagegen verstanden werden, muss man mit den Fans reden, sie sensibilisieren, Prävention betreiben."

Wie das gehen könnte, das will die Ligaorganisation im Gespräch mit allen Beteiligten herausfinden. Mögliche Lösungsansätze dürften vermutlich auch in anderen europäischen Ligen durchaus willkommen sein.

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