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StartseiteEuropa heuteZu nah am Wasser gebaut27.03.2015

Frankreichs KüsteZu nah am Wasser gebaut

Die Erde erwärmt sich, der Meeresspiegel steigt an und bedroht die Küsten - auch in Frankreich. Auf einer Länge von 1.700 Kilometern weicht das Ufer zurück. Am Atlantik sind einige Küstenorte bedroht. Häuser mussten hier schon geräumt werden, sie standen zu nah am Wasser.

Von Bettina Kaps

Südfranzösische Atlantikküste im Sommer (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Die südfranzösische Atlantikküste im Sommer. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Weiterführende Information

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Springtide auf der Ile de Ré. Bevor die Flut ihren Höchststand erreicht, verlässt Bürgermeister Leon Gendre das Rathaus von La Flotte, geht zum Hafen des kleinen Orts, beugt sich über die Kaimauer. "Wir haben jetzt noch eine Spanne von 80 Zentimetern. Ich bin also beruhigt. Am Tag der großen Überschwemmung war das Wasser hier 50 Zentimeter höher als die Hafenmauer. Es ist in die umliegenden Straßen geflossen und hat 285 Häuser überflutet."

Das war vor fünf Jahren. Damals löste der Orkan Xynthia eine Flutwelle aus mit verheerenden Folgen. An der französischen Atlantikküste starben 53 Menschen. Auch in La Flotte ertranken zwei Einwohner. Seither steht der Bürgermeister sogar nachts auf und kontrolliert den Wasserstand, wenn er befürchtet, dass der Hafen überflutet werden könnte.

Denn die Hiobsbotschaften häufen sich. Im Winter 2013 / 2014 fegten mehr Stürme als je zuvor über die Atlantikküste. Das staatliche Forstamt ONF vermisst den Uferrückgang, sein jüngster Bericht fiel erschreckend aus, sagt der Ingenieur Francis Maugard. "In Zonen, wo wir vorher einen Landverlust von 1,50 Meter bis drei Meter pro Jahr hatten, mussten wir Rückgänge von 15, 20, ja an einigen Stellen sogar von 30 bis 40 Metern verzeichnen. Das ist ein ganz ungewöhnliches Phänomen."

Teile der Uferbefestigung weggerissen

Mit gravierenden Folgen: In Soulac-sur-Mer, einem Ferienort an der Girondemündung, musste ein Wohnblock mit 78 Appartements geräumt werden, weil das Hochhaus jederzeit ins Meer stürzen kann. Auch Lacanau bei Bordeaux ist gefährdet. Im Surferparadies mit den hohen Wellen steht ein ganzes Stadtviertel auf dem Deich: 1.400 Wohnungen und 80 Geschäfte. Ein Wall aus großen Felsbrocken schützt Uferstraße und Häuser. Der Strand davor aber wird immer schmaler. Im vorletzten Winter hat das Meer auch große Teile der Uferbefestigung weggerissen. Das war ein Schock, sagt Hervé Cazenave, der beigeordnete Bürgermeister, zuständig für die Küste. "Vielen Leuten wurde schlagartig klar, dass wir mit Entwicklungen konfrontiert sind, die niemand kontrollieren kann. Als das Hochhaus in Soulac geräumt wurde, wussten wir: Lacanau ist auch betroffen."

Die Stadtverwaltung erwägt, die strandnahen Viertel ins Landesinnere zu verlegen. Ein Gremium aus Bewohnern, Geschäftsleuten, Wissenschaftlern und Technikern berät schon seit zwei Jahren, ob und wie ein solcher Rückzug ab 2040 organisiert werden könnte. Ursprünglich sollten sie ganz ohne Zeitdruck arbeiten, sagt Patrick Point, Mitglied des Gremiums und Vorsitzender eines Naturschutzvereins. Aber die Wirklichkeit habe sie eingeholt. "Wenn man die Voraussagen über die Entwicklung der Küstenlinie betrachtet, haben wir heute schon einen Landverlust, wie er für 2040 prognostiziert wurde."

Investitionen in den Küstenschutz 

Zehn Prozent der aquitanischen Sandküste sind bebaut, und daher in naher Zukunft bedroht. Laurent Labeyrie ist Meereskundler, er hat im Weltklimarat mitgearbeitet. Für die Probleme der französischen Küstenstädte ist nicht die Natur verantwortlich, sondern allein der Mensch, sagt der Wissenschaftler. "Solange der Meeresanstieg nur ein bis zwei Meter beträgt, und sogar bei fünf Metern, wie wir es in ein- bis zweihundert Jahren erwarten, handelt es sich um eine natürliche Spannbreite. Wir kennen die Folgen: Dünen und Felsen werden schneller abgetragen, das Meer dringt in niedrige Zonen ein. Das wäre unproblematisch, wenn sich der Mensch nicht am Ufer niedergelassen hätte. Die Frage ist: Wie gehen wir jetzt mit Zonen um, die kein enormes wirtschaftliches Interesse besitzen. Deiche und Mauern sind extrem teuer. Sie müssen nicht nur gebaut, sondern auch regelmäßig unterhalten werden. Wir haben zu nah am Wasser und zu tief gebaut."

Doch trotz knapper Kassen investieren die meisten französischen Küstenorte jetzt in Anlagen zur Verteidigung gegen das Meer. Denn wer will schon den Strand aufgeben und die Cafés mit Meerblick räumen? Rechtzeitig zur Sommersaison hat Lacanau eine neue Ufermauer gebaut, und sich dafür erheblich verschuldet. La Flotte will nun eine riesige Schiebetür auf Rädern installieren, sie soll den Hafen schützen. Dann kann der Bürgermeister wieder ruhig schlafen. 

Eine ausführliche, längere Fassung dieses Beitrags läuft am Samstag, 28. 3. 2015,  in der Sendung "Gesichter Europas"

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