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StartseiteEuropa heuteBürger gegen Bagger an der Gironde-Mündung24.08.2018

Frankreichs Küstenerosion (5/5)Bürger gegen Bagger an der Gironde-Mündung

Wie Sand am Meer – das Sprichwort gilt schon längst nicht mehr. Sand ist ein begehrter Rohstoff. Allerdings könnte die Sandförderung vor der Küste die Erosion verstärken. Bürger an der Gironde-Mündung gehen deswegen auf die Barrikaden.

Von Bettina Kaps

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Die Umweltschützer Maryse Sinsout und Denis Trioulaire diskutieren am Strand von Soulac-sur-Mer über die fortschreitende Erosion. In ihrem Rücken sind ein Wehrmachtsbunker und der Wohnblock „Le Signal“ zu sehen. Das vierstöckige Haus droht auf den Strand zu kippen. (Deutschlandradio / Bettina Kaps)
Zwei Umweltschützer gegen Sandabbau und Küstenerosion: die Vorschuldirektorin im Ruhestand, Maryse Sinsout, und der Ex-Marineadmiral Denis Trioulaire (Deutschlandradio / Bettina Kaps)
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Der Atlantik rollt sacht heran, kleine Wellen bilden weißen Schaum, versickern im Sand. Jacques Gervais steht vor dem Leuchtturm von La Coubre und lässt den Blick schweifen: blaues Wasser und blauer Himmel bis zum Horizont. Der 70-jährige Rentner engagiert sich im Verein "Estuaire pour tous", der sich den Umweltschutz zu beiden Seiten der Gironde-Mündung auf die Fahnen geschrieben hat. Nur einen Kilometer vom Ufer entfernt wollen zwei Firmen mit Schwimmbaggern riesige Mengen Sand absaugen und als Bausand verkaufen, sagt er empört.

"Diese Unternehmen erkunden alle Standorte, die sich für ihr Geschäft eignen. Hier wollen sie nun 13 Millionen Kubikmeter Sand fördern, über einen Zeitraum von 30 Jahren. Sie wollen drei Meter vom Meeresboden abtragen und ihn dadurch von 16 auf 19 Meter Tiefe absenken."

"Solch ein gravierender Eingriff macht uns große Sorgen"

Der drahtige Mann mit grünem Hut, Sonnenbrille, weißem Polohemd und Bermudas zeigt auf den rot-weißen Leuchtturm hinter sich. Er wurde 1905 gebaut, damals knapp zwei Kilometer vom Ufer entfernt. Inzwischen sei die Distanz zum Wasser auf 170 Meter geschrumpft.

"Diese Küste ist heute schon stark erodiert, wie man sieht. Der Meeresanstieg und die heftigen Stürme machen es noch schlimmer. Und dann solch ein gravierender Eingriff durch den Menschen – das macht uns große Sorgen."

Gervais, ehemals Lokführer in Paris, lebt heute im nahegelegenen Royan am nördlichen Ufer der Gironde-Mündung.

Umweltschützerin mahnt Kartierung an

Neben ihm steht Maryse Sinsout aus Soulac, einem Städtchen im Süden des Mündungstrichters. Die Frau mit dem wilden grauen Lockenschopf war früher Lehrerin und Direktorin einer Vorschule. Jetzt ist sie Vorsitzende des Vereins, der gut tausend Mitglieder zählt.

"Bis heute weiß tatsächlich niemand, wie sich der Sand im Meer bewegt und welche Auswirkungen das auf die Küste hat. Wir drängen darauf, dass die Strömungen und Sandbewegungen an dieser Küste endlich wissenschaftlich untersucht werden, dass eine Art Kartographie erstellt wird. Solche Erkenntnisse könnten dazu beitragen, dramatische Fehler zu vermeiden."

Druck der Betonhersteller sei groß, sagt Sinsout

Sand ist weltweit knapp geworden und der Druck der Betonhersteller entsprechend groß, erklärt Sinsout. Letztes Jahr hat ihr Verein einen Etappensieg erzielt: Wirtschaftsminister Bruno Le Maire hat den Antrag der Sandlieferanten abgelehnt. Aber die Freude währte nicht lange. Die Firmen haben geklagt und Recht bekommen: Die Richter halten es nicht für erwiesen, dass der massive Sandabbau die Umwelt auch wirklich gefährdet. Das Ministerium muss den Antrag der Firmen daher erneut prüfen und im Fall einer Ablehnung besser begründen.

Die beiden Umweltschützer fahren an der Küste entlang die Gironde-Mündung hoch. Dort liegt das Dorf Talmont. Maryse Sinsout hat einen Termin bei Bürgermeister Stéphane Loth. Sie will erfahren, wie der Stand der Dinge ist und wie Loth sein Dorf zu schützen gedenkt.

Boots- und Schiffsverkehr verschlammt die Bucht

Der dynamische Mittvierziger zieht sein Jackett über, dann führt er die Umweltschützer herum. Das 95-Seelen-Dorf liegt auf einem fünf Meter hohen Kalkfelsen, es ist auf drei Seiten von Wasser umgeben. Seine spektakuläre Lage und die romanische Kirche ziehen jedes Jahr 500.000 Touristen an. Umso mehr fuchst es den Bürgermeister, dass er den beliebten Spazierweg am Rand der Stadtmauer jetzt um drei Meter ins Landesinnere verlegen muss. Und den Weg zum Fuß der Klippen musste er sogar ganz verbieten.

Er zieht ein Sperrgitter zur Seite, zeigt, wo die Felsen brüchig sind. Die natürliche Erosion werde durch menschliche Eingriffe verstärkt, sagt Stephane Loth, und deutet auf einen großen Frachter, der die Gironde hinauf zum Hafen von Bordeaux schippert. Durch den Schiffsverkehr und die vielen Jachthäfen sei die Bucht von Talmont verschlammt.

"Der Schlick ist um zwei Meter gestiegen. Bei starker Flut schlagen die Wellen daher deutlich höher als früher gegen die Festung und den Felsen. Das Wasser dringt in den Kalk ein und bohrt Löcher, nach einiger Zeit stürzen ganze Felsblöcke ab."

Ein Wellenbrecher aus großen Kalkfelsen?

Der Bürgermeister plädiert nun für einen Wellenbrecher aus großen Kalkfelsen, Kosten: mindestens 1,2 Millionen Euro. Maryse Sinsout macht sich Notizen, bei der nächsten Vereinssitzung will sie die Probleme und Lösungsansätze darstellen und mit den übrigen Mitgliedern besprechen.

"Wir verstehen uns als Wächter für die Umwelt. Auch das kleinste Projekt gucken wir uns an, um sicher zu sein, dass es keine Verschmutzung auslöst und die Küstenerosion nicht noch verstärkt."

Auch in ihrem Wohnort Soulac-sur-Mer ist der Landverlust Dauerthema und unübersehbar: Zwei alte Wehrmachts-Bunker liegen wie verendete Wale im Wasser. Ein vierstöckiger Wohnblock aus den 60er Jahren droht ins Meer zu kippen.

"Wir laden Experten ein, drängen auf Vorschläge"

"Wir sind normale Bürger, ohne Fachwissen in Sachen Erosion", sagt Denis Trioulaire. Der ehemalige Marine-Admiral zieht mit Maryse Sinsout an einem Strang. Auch Trioulaire ist überzeugt, dass der geplante Sandabbau vor der Gironde-Mündung der Küste schaden wird, und hat selbst einen Verein in Soulac gegründet, der die örtlichen Politiker immer wieder an die drohende Gefahr erinnert:

"Wir laden Experten ein, bringen sie zum Reden, drängen auf Vorschläge. Zugleich suchen wir Kontakt zu allen Institutionen, die für die Küste zuständig sind: Politiker, Verwaltungen, staatliche Organe. Wir wollen Synergien erzeugen und erreichen, dass sich alle Verantwortlichen an einen Tisch setzen und wir gemeinsam mit ihnen Lösungen suchen."

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