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StartseiteEuropa heuteDie Brückenbauerin05.04.2018

Frankreichs Parti Socialiste (3/5)Die Brückenbauerin

PS, SPD und Pasok: Elisabeth Humbert-Dorfmüller besitzt drei Pässe und drei Parteibücher. Die überzeugte Linke sagt, Frankreich brauche dringend Reformen und hofft auf eine Annäherung an die deutschen Sozialdemokraten. Doch das dürfte schwierig werden.

Von Ursula Welter

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Elisabeth Humbert-Dorfmüller steht im langjährigen PS-Hauptsitz in Paris vor einem Partei-Plakat (Deutschlandradio / Ursula Welter)
Elisabeth Humbert-Dorfmüller bereut es nicht, dass sie bei der Sozialistischen Partei Frankreichs geblieben ist (Deutschlandradio / Ursula Welter)
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"Das ist hier also das Zimmer der Direktion."

Elisabeth Humbert-Dorfmüller kann die Tür nicht öffnen, hinter der sie selbst an ungezählten europäischen Treffen teilgenommen hat. Hier sitzt normalerweise der Parteichef.

"Ist keiner da."

Drei Pässe, drei Parteibücher

In diesem Zimmer hat die Tochter aus deutsch-griechischem Elternhaus, die mit einem Franzosen verheiratet ist, griechische und deutsche Parteigrößen getroffen, hat analysiert, übersetzt, vermittelt zwischen Parti Socialiste, den Sozialdemokraten von Pasok und der SPD. Sie hat drei Pässe, drei Parteibücher.

Zwei Mitterand-Plakat befinden sich im Salle George-Dayan im langjährigen PS-Hauptsitz in der Rue de Solférino in Paris (Deutschlandradio / Ursula Welter)Nur noch Plakate erinnern an die großen Zeiten der Sozialistischen Partei Frankreichs unter François Mitterrand (Deutschlandradio / Ursula Welter)

Die tatkräftige Sozialdemokratin führt von einem Saal in den nächsten, hier, im Salle Georges-Dayan, lächelt dessen Freund und Weggefährte François Mitterrand von den Wänden. Vor der Kamin-Attrappe der große Sitzungstisch, hier bereitete Mitterrand seinen Wahlsieg 1981 vor.

"Jetzt können wir herunter gehen."

Die Sozialisten sind nur noch vorübergehend Herr in ihrer Parteizentrale. 45,5 Millionen Euro hat der Verkauf des prächtigen Stadtpalais eingebracht.

"Nicht schlecht … ein paar Schulden sind ja auch aufgelaufen, die werden abgebaut werden, es sind ja auch Kosten entstanden durch den Sozialplan."

Kleiner und Bescheidener

Man muss jetzt "downsizen", sagt die französische Sozialistin mit deutsch-griechischen Wurzeln.

Kleiner, bescheidener ist also angesagt bei den französischen Sozialisten, die im Wahlkampf 2017 mehr als 250 Parlamentssitze verloren hatten.

Elisabeth Humbert-Dorfmüller führt über den Hof der Parteizentrale, sie gehört in Paris zum Team der internationalen Sektion. Bei den letzten Europawahlen war sie Kandidatin für die Region "Ile de France."

Ansicht des langjährigen Hauptsitzes der Parti Socialiste in der Rue de Solférino in Paris (Deutschlandradio / Ursula Welter)Sparmaßnahmen: Der historische Stammsitz der Partei in der Rue de Solférino in Paris wurde verkauft (Deutschlandradio / Ursula Welter)

Das Licht ist ausgeschaltet, Stühle stehen unsortiert herum, auch dieser Konferenzraum strahlt Endzeitstimmung aus. Er trägt den Namen der Feministin Marie-Thérèse Eyquem.

"Es findet noch ein bisschen was statt, aber viele Leute arbeiten ja auch gar nicht mehr hier. Viele Büros werden nicht mehr benutzt, vielleicht werden sie auch nicht mehr benutzt, ich weiß es nicht."

Wie schwer war es für die Sozialistin der Partei treu zu bleiben, nicht ins Lager von En Marche überzulaufen, wie so viele andere?

"Das ist in der Tat eine gute Frage. Also es war ein bisschen schwierig für mich zu bleiben. Ganz persönlich, mein Mann zum Beispiel hat versucht, mich zu überreden, damit ich bei En Marche eintrete, das Kapitel bei der PS sei jetzt abgeschlossen. Ich hätte da jetzt 12-14 Jahre lang viel geleistet und die neue Richtung sei En Marche und Macron."

Prominente Sozialisten schlossen sich En Marche an

So wie Humbert-Dorfmüller führten viele Sozialisten ab Ende 2016 Debatten, im privaten, im beruflichen Umfeld als die Bewegung des Präsidenten Macron die politische Landschaft aufwühlte, das ist bis heute spürbar. Viele sozialistische Schwergewichte entschieden sich fürs Gehen, sitzen heute am Kabinettstisch von Macron. Ein ideologischer Spagat.

"Gut, ich war nicht hundertprozentig abgeneigt, denn wenn wir über politische Linien reden, ist es ja so, dass ich vieles sehr interessant gefunden habe, beim Kandidaten Macron und als er gewonnen hat, habe ich mich sehr gefreut. "

Nun, es ging ja auch gegen die extreme Populistin Marine Le Pen im zweiten Wahlgang 2017 …

" …ich muss zugeben, was ich meinen sozialistischen Freunden nicht offen sage, ich habe in beiden Wahlgängen Macron gewählt, weil ich vom sozialistischen Kandidaten nicht besonders überzeugt war."

Frankreich braucht Reformen

Dieser sozialistische Kandidat hieß Benoît Hamon, kam vom linken Flügel der Partei und scheiterte mit kläglichen 6,36 Prozent im ersten Wahlgang. Elisabeths Stimme bekam er nicht, stattdessen Macron:

"Ich meinte, es wäre die bessere Lösung für Frankreich."

Der Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialisten, Benoît Hamon, hält eine Rose in der Hand. (AFP/Archambault)Der Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialisten Benoît Hamon scheiterte kläglich (AFP/Archambault)

"Warum bleibe ich jetzt weiterhin bei den Sozialisten?"

Wo doch viele ihrer Parteifreunde Macron eine wirtschaftsliberale, gewerkschaftsfeindliche Politik ankreiden:

"Ich bin nicht ganz auf dieser Linie, ich bin zwar der Meinung, dass er sich im Wahlkampf anders dargestellt hat, als er jetzt regiert. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass das Land Reformen benötigt. Ich befürworte die meisten der Reformen, wenn auch nicht alle.

Ich wundere mich etwas, dass Macron noch keine Gesten gegenüber den Wählern, die von links gekommen sind, gezeigt hat. Und deshalb bin ich noch in einer Erwartungshaltung."

Macron oder Tradition: überzeugte Linke zwischen zwei Welten

Wie so viele überzeugte Linke in Frankreich bewegt sich die erfahrene Europäerin und SPD-Politikerin Humbert-Dorfmüller zwischen zwei Welten: Jener Macrons, der alle Parteigrenzen aufbrechen will und jener der Traditionsparteien, die um ihr ideologisches Erbe, aber eben auch um ihr Überleben kämpfen, bei der Urwahl des neuen PS-Vorsitzenden hat sie den Gewinner, Olivier Faure unterstützt – den Fraktionschef, einer aus der Ära Hollande, der geübt ist, Scherben aufzusammeln, aber auch ein wenig blass und bei Abstimmungen im Parlament nicht immer klar in seiner Abgrenzung zu Macron war:

"Ich bereue nicht, bei der PS zu bleiben. Es wird wahrscheinlich eine marginale Partei werden."

Sie hofft auf eine Politik der französischen Sozialisten, ähnlich der Politik der deutschen Sozialdemokraten. Viele in der SPD seien allerdings von Macron "verführt" worden und ließen die alte Schwesterpartei, den Parti Socialiste, links liegen.

"Das heißt, institutionell werden sie weiterhin Schwesterparteien bleiben, aber natürlich gibt es ausgestreckte Hände von der SPD Richtung Regierung, also es wird ein bisschen schwierig."

Die Brückenbauerin zwischen Frankreich und Deutschland verlässt den kühlen, abgedunkelten Raum in der Rue Solférino. Damit das Band zwischen der SPD und der alten Sozialistischen Partei Frankreichs nicht komplett reißt, wird sie einiges leisten müssen:

"Ich werde versuchen, die Verbindung wieder herzustellen, ja!"

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