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Frankreichs RentenformWeniger Privilegien, mehr Gerechtigkeit

Mit den jetzt vorgeschlagenen Reformen könnte das französische Rentensystem tatsächlich einfacher, stärker und gerechter werden, kommentiert Marcel Wagner. Wenn die Reform denn kommt. Denn die Gewerkschaften wollen weiter lieber für ihre Privilegien kämpfen.

Von Marcel Wagner

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Das Bild zeigt Frankreichs Premierminister Edouard Philippe in der Nationalversammlung in Paris. Er steht am Rednerpult und ist von der Seite fotografiert. Im Hintergrund zu sehen sind viele Abgeordnete. (dpa-bildfunk / AP / Michel Euler)
Frankreichs Premierminister Edouard Philippe hat die Pläne zur Rentenreform vorgelegt (dpa-bildfunk / AP / Michel Euler)
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Einfacher, gerechter, stärker, so will Frankreichs Premierminister Edouard Philippe selbst seine Pläne für eine Rentenreform verstanden wissen. Sagt er selbst. Aber stimmt das auch?

Dass das neue System, wenn es denn kommt, einfacher wird, dürfte ziemlich einleuchtend sein. 42 verschiedene Rentenkassen, über zehn grundverschiedene Systeme, Stand heute. Ja, da ist eine Rentenkasse mit klaren und gleichen Regeln für alle einfacher.

Stärker soll das System werden, weil es auf die Solidarität aller setzt. Auch das lässt sich so unterschreiben, schließlich sind heute viele Berufsgruppen ausgenommen, zahlen nur für sich selbst.

Zuletzt die Gretchenfrage: Wie hält es die Regierung mit der Gerechtigkeit? Und auch da kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass es gerechter ist, wenn alle mit ihren Beiträgen die gleichen Rechte erwerben. Wenn Bahnmitarbeitende nicht im Schnitt mit knapp über 56 mit weit überdurchschnittlichen Renten in den Ruhestand gehen, während andere das mit ihren Steuern finanzieren und nebenbei teils bis 67 arbeiten, weil sie sonst nicht genug zum Leben haben.

Proteste sollen weitergehen

Frankreichs Rentensystem könnte also tatsächlich einfacher, stärker und gerechter werden. Wenn die Reform denn kommt. Denn die Gewerkschaften – und jetzt sogar die gemäßigten, haben bereits die Ärmel hochgekrempelt. Nicht, um laut Beifall zu klatschen, sondern um die Streiks und Proteste jetzt noch auszudehnen. Das jedenfalls haben mehrere Gewerkschaftsbosse angekündigt.

Frankreichs Rentensystem, so begründete das Philippe Martinez von der extrem linken CGT, sei doch das beste der Welt. Das neue könne ja da nur schlechter werden. Außerdem schaffe es viele Verlierer, zum Beispiel die schlechtbezahlten Lehrer oder die jungen Leute, die sich mit schlechteren Bedingungen abfinden müssten als ihre Eltern, zum Beispiel mit einer vollen Rente erst ab 64.

Dabei unterschlägt der Gewerkschaftsboss wichtige Fakten. Zum Beispiel, dass der Premier den tatsächlich in Frankreich schlechtbezahlten Lehrern die Gehälter erhöhen will, ihnen sogar einen Rentengarantie gibt, so wie er viele andere soziale Zugeständnisse gemacht hat. Oder dass die junge Generation in Form von Schulden ohnehin die Zeche zahlen wird, dafür, dass die Älteren das beste Rentensystem der Welt genossen haben. Denn es ist zugleich eines der teuersten und gerecht vor allem für die, die davon profitieren.

Doch auf die Frage nach den Kosten und wer das bezahlen soll, lautet die Antwort der Gewerkschaftsbosse und ihrer Anhänger, die auf die Straße gehen, fast immer gleich: die anderen! Die Konzerne, die Chefs, die Milliardäre oder sonstwer. Dass am Ende jeder Staat – und auch jedes Rentensystem – auch von den Bürgerinnen und Bürgern selbst bezahlt werden muss, diese Einsicht hört man unter den Streikenden in Frankreich eher selten. Das könnte auch daran liegen, dass die besonders laut schreien, die am meisten zu verlieren glauben. Die, die heute schon verloren haben, für die sich vielleicht durch eine Rentenreform sogar etwas verbessern könnte, die sind bei den Protesten meist nicht dabei. Weil sie es sich gar nicht leisten können.

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