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StartseiteKommentare und Themen der WocheNoch immer liegt nicht die ganze Wahrheit auf dem Tisch11.04.2021

Frankreichs Rolle beim Genozid in RuandaNoch immer liegt nicht die ganze Wahrheit auf dem Tisch

Mit dem Bericht und der Öffnung seiner Archive zum Genozid in Ruanda hat Frankreich nach zweieinhalb Jahrzehnten Vertuschung einen Anfang für Transparenz und Aufarbeitung gemacht, kommentiert Bettina Rühl. Um Versöhnung mit dem afrikanischen Land zu erreichen, ist aber ein weiterer Schritt notwendig.

Ein Kommentar von Bettina Rühl

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Flowers are laid on top of a glass case containing the skulls of some of those who were slaughtered as they sought refuge in the church, kept as a memorial to the thousands who were killed in and around the Catholic church during the 1994 genocide, inside the church in Ntarama, Rwanda Friday, April 5, 2019. Rwanda will commemorate on Sunday, April 7, 2019 the 25th anniversary of when the country descended into an orgy of violence in which some 800,000 Tutsis and moderate Hutus were massacred by the majority Hutu population over a 100-day period in what was the worst genocide in recent history. (AP Photo/Ben Curtis) (picture alliance/AP Photo | Ben Curtis)
Gedenken an den Genozid im Jahr 1994: Binnen weniger Tage wurden 800.000 Menschen ermordet, die meisten davon Tutsi (picture alliance/AP Photo | Ben Curtis)
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Die französischen Historiker unter der Leitung des Genozid-Experten Vincent Duclert haben sich die Arbeit nicht leicht gemacht: Gut zwei Jahre lang werteten sie tausende diplomatische Noten, Briefe und weitere vertrauliche Dokumente aus, die bisher nicht zugänglich waren. Alle Dokumente, die von der Historikerkommission zitiert werden, sind von nun an einsehbar.

Lange Zeit der Vertuschung

Schon diese Öffnung der Archive gibt dem Bericht eine historische Bedeutung, denn sie wäre nicht denkbar gewesen ohne eine Kehrtwende in der französischen Haltung: Zweieinhalb Jahrzehnte lang hat Frankreich mit allen Tricks versucht, seine Mitverantwortung für den Genozid in Ruanda zu vertuschen. Trotz zahlreicher Zeugenaussagen und vieler erdrückender Hinweise darauf, dass die französische Regierung unter Staatspräsident Mitterrand die Regierung des damaligen ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana bedingungslos unterstützte - eine Regierung, in der die mordbereiten Hutu-Extremisten nach und nach immer mehr Macht übernahmen.

Ruandische Flüchtlinge des Hutu-Stammes überqueren eine Grenzbrücke nach Bukavu in Zaire. Der Zugang zur Brücke wird von französischen Soldaten kontrolliert.  (picture-alliance / dpa | afp) (picture-alliance / dpa | afp)Bericht über Frankreichs Rolle beim Genozid - Die Blindheit und Verbohrtheit wiegt schwer
Es sei nachvollziehbar, dass man sich damals in Paris nicht vorstellen konnte, was in Ruanda geschehe, kommentiert Christiane Kaess. Hinweise habe es gegeben. Der wohl wichtigste Schritt für den richtigen Umgang Frankreichs sei nun getan.

Statt Vertuschung nun also der Anfang von Transparenz und Aufarbeitung: Der Bericht bescheinigt Frankreich eine enorme politische Mitverantwortung dafür, dass binnen weniger Tage mindestens 800.000 Menschen ermordet wurden, die überaus meisten davon Tutsi.

In Ruanda wurde der Bericht entsprechend positiv aufgenommen. Sogar Präsident Paul Kagame begrüßte ihn diese Woche, in einer Rede während der Gedenkveranstaltung zum Beginn des Völkermords vor 27 Jahren. Kagame, selbst ein Tutsi, hat Frankreich immer wieder auf das schärfste kritisiert und er ist niemand, der seine Worte um des diplomatischen Protokolls willen zügelte. So bedeutet es etwas, wenn auch er in seiner Rede hervorhebt, der Bericht beweise den Willen zum Wandel und belege, dass nun sogar der politischen Führung in Frankreich daran gelegen sei, die Ereignisse der Vergangenheit zu verstehen.

Wie Versöhnung möglich werden könnte

Kagame hat den Völkermord miterlebt, hatte sich im ugandischen Exil der militärischen "Ruandischen Patriotischen Front" angeschlossen, die nach dem Beginn des Mordens in Ruanda einmarschierte und den Völkermord stoppen konnte. Er ist also kein "Nachgeborener", sondern hat selbst gegen Frankreichs ruandische Verbündete gekämpft, hat viele furchtbare Szenen aus den Monaten des Genozids vor Augen. Das macht Versöhnung nicht einfach und erklärt die langjährige harte Haltung gegenüber Frankreich, zwischenzeitlich waren die diplomatischen Beziehungen gekappt.

Schädel und Knochen von Opfern, die während des Genozid 1994 in Ntarama, Ruanda, vergeblich Schutz in einer Kirche suchten. Über drei Monate dauerte das Morden. Extremistische Hutus töteten Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder, die den moderaten Hutus oder den ethnischen Tutsis angehörten. Mehr als eine Millionen Menschen starben. (AP/Ben Curtis) (AP/Ben Curtis)Frankreich - Jagd auf die Völkermord-Verdächtigen von Ruanda 
27 Jahre nach dem Genozid in Ruanda sucht das Ehepaar Gauthier nach Zeugen. Viele der damaligen Befehlshaber leben heute in Frankreich. Präsident Macron will die Aufarbeitung vorantreiben.

Dass Kagame Frankreichs Kehrtwende aufgreift und zu Annäherung bereit ist, ist auch von ihm deshalb ein großer Schritt. Andere Überlebende stehen ihm nicht nach. Jahrzehntelang hat die Gesellschaft um die Versöhnung zwischen Hutu und Tutsi gerungen, und bei Begegnungen in Ruanda beeindruckt immer wieder die Größe, mit der Angehörige und Überlebende den Tätern vergeben. Einer, dessen Mutter und Bruder damals getötet wurden, lebt immer noch in der Nachbarschaft ihrer Mörder. Er schilderte eine Haltung, die in Ruanda weit verbreitet ist: "Wir teilen alles miteinander", sagte er. "Wir sehen in ihnen nicht mehr ständig die Mörder, weil sie uns um Vergebung gebeten haben." Er habe nicht den Wunsch nach Rache, er habe ihnen vergeben.

   (picture-alliance / dpa / epa AFP) (picture-alliance / dpa / epa AFP)Ruanda nach dem Völkermord - Der lange Weg zur Versöhnung
In Ruanda ermordeten radikale Hutu 1994 etwa eine Million Tutsi, Twa und gemäßigte Hutu. Der Völkermord hat eine lange Vorgeschichte, die bis in die Kolonialzeit zurückreicht. 

Versöhnung scheint nun auch mit Frankreich möglich zu werden, aber ganz so weit ist es noch nicht. Denn eine wichtige Voraussetzung fehlt: Frankreich hat nicht um Vergebung gebeten. Zumal noch immer nicht die ganze Wahrheit auf dem Tisch liegt. Frankreich sei blind gewesen, heißt es in dem Bericht. Dabei hat es, das Bild träfe es wohl besser, die Augen fest zugekniffen.

Woran Frankreich auf Dauer nicht vorbeikommt

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die französischen Truppen durchaus alles sahen und Paris die Mörder sogar unterstützte. Zum Beispiel, indem es Tätern zur Flucht aus Ruanda verhalf und sie bewaffnete. Ersteres belegt unter anderem eine diplomatische Note, die kürzlich aufgetaucht ist. Den Vorwurf der Waffenlieferungen erhebt nicht zuletzt ein französischer Soldat, der damals im Rahmen einer UN-mandatierten Militärmission in Ruanda im Einsatz war.

Mitverantwortung hat Frankreich durch den vorgelegten Bericht eingeräumt. Das Eingeständnis der Mittäterschaft hätte noch größere Folgen, damit nämlich käme die Frage nach der juristischen Aufarbeitung, vielleicht die Forderung nach Kompensationen auf.

Diesen Schritt scheut Paris, aber womöglich kommt Frankreich auf Dauer nicht daran vorbei, auch seine Mittäterschaft anzuerkennen. Denn jetzt, wo tausende historische Dokumente zugänglich sind, werden auch die Anwälte von Opfern des Völkermords die Aufklärung weiter vorantreiben.

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