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StartseiteKommentare und Themen der WocheVereintes Auftreten statt hohler Worte16.07.2018

Frankreichs WM-TitelVereintes Auftreten statt hohler Worte

Es sei nicht nur das sportliche Auftreten gewesen, das dem französischen Team Sympathiepunkte eingebracht habe, kommentiert Marina Schweizer im Dlf. Der Trikotslogan "Unsere Unterschiede einen uns" sei keine pathetische Überhöhung von Marketing-Experten gewesen. Die Mannschaft habe diese Einigkeit vorgelebt.

Von Marina Schweizer

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Mannschaftsmitglieder jubeln bei der Siegerehrung. Den Pokal hält Torwart Hugo Lloris. (dpa/Cezaro De Luca)
Die französische Fußball-Nationalmannschaft feiert im Moskauer Luschniki-Stadion ihren WM-Sieg. (dpa/Cezaro De Luca)
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Es sind vier Worte, die viel aussagen, aufgedruckt als Leitspruch auf jedes Trikot der französischen Nationalmannschaft: Nos differences nous unissent – unsere Unterschiede einen uns.

Ein Spruch, den das Team von Trainer Didier Deschamps mit Leben gefüllt, mit Hingabe bespielt und mit Haltung verziert hat. 

Sportlich hat sich hier eine Gruppe sehr verschiedener Virtuosen zu Weltmeistern gekürt: Der erst 19-jährige blitzschnelle Kylian Mbappé, der mit seinen vier WM-Toren als bester Nachwuchsspieler ausgezeichnet wurde. Hugo Lloris, Antoine Griezmann oder der extrovertierte Paul Pogba, der bei dieser WM gezeigt hat, dass er sich auch ohne zu viel Show als Passlieferant in den Dienst seiner Mannschaft stellen kann. Der Einzelne musste sich dem Kollektiv unterordnen und das gelang der Equipe Tricolore formidabel.

Vorbild ohne Zeigefinger

Aber es war nicht allein das sportliche Auftreten dieses Weltmeisterteams, das Sympathiepunkte brachte: 

Die Fußballnationalmannschaft Frankreichs repräsentiert die Vielfältigkeit der Bürger dieses Landes. Sie eint die Zugehörigkeit zum Team Frankreich, egal, aus welchem Land ihre Eltern oder Großeltern irgendwann einmal kamen. Egal, ob die Spieler in der benachteiligten Pariser Banlieue oder an der Cote d’Azur aufgewachsen sind. 

Unsere Unterschiede einen uns – dieser Trikotslogan war keine bloße pathetische Überhöhung einiger Marketing-Experten, diese Einigkeit möge ab sofort auf die gesamte französische Gesellschaft ausstrahlen. Das Team hat sie einfach vorgelebt – wie gute Vorbilder das so machen.

Anders als der Deutsche Fußballbund, der seine markige WM-Kampagne mit dem Schlagwort #zsmmn retrospektiv selbst zur Farce machte: Etwa beim öffentlichen Nachtreten gegen Mesut Özil nach dem glanzlosen Vorrunden-Aus.

Finale: Ein Gourmethappen, der entschädigte

Frankreich ist verdient Weltmeister und das Finale war sportlich ein versöhnlicher Abschluss dieser WM: Sechs Tore, wenn auch nicht alle unumstritten und ein echter Kampf auf dem Platz. Dieser Gourmethappen entschädigte für so einige WM-Partien, die durch abwartendes Defensivspiel und Taktieren geprägt waren. Damit kamen zwar einige kleine Teams, inklusive Gastgeber Russland, überraschend weit. Aber auch bei dieser WM geschah das selten durch raffinierte, schnelle Spielzüge – die Zahl der Tore nach Standardsituationen verrät es: Spielerisch war vieles Schwarzbrot: Solide und zweckmäßig.  

Und der Gastgeber? Wenn der Ball erst einmal rollt, werden die Kritiker schweigen – auch in Russland bauten die Führung und die FIFA auf diese Binse. Die Menschenrechtsverletzungen, die mangelnde Opposition, die gegängelte Pressefreiheit – all das sollte bei der Inszenierung und Vermarktung des Fußballfests draußen bleiben. Doch diesem Wunsch schlug ausgerechnet auf der großen Finalbühne die kremlkritische Gruppe Pussy Riot mit ihrer Flitzer-Aktion ein Schnippchen.

Sie hinterlässt am Ende doch einen sichtbaren Kratzer auf Putins Hochglanzevent.


Marina Schweizer (privat)Marina Schweizer (privat)Marina Schweizer
 studierte Kommunikationswissenschaft und Geschichte in München, längere Auslandsaufenthalte in Alaska/USA. Während und nach dem Studium arbeitete sie als freie Reporterin u. a. für den SWR-Hörfunk, bevor sie ein crossmediales Volontariat bei Deutschlandradio absolvierte. Nach einem Jahr als Junior-Redakteurin in den Redaktionen Sport und Zeitfunk arbeitet sie heute beim Deutschlandfunk als Redakteurin und Moderatorin in der Sportredaktion und als Moderatorin im "Zeitfunk".

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