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StartseiteTag für TagEin unbequemer Kirchenhistoriker22.06.2015

Franz Camille OverbeckEin unbequemer Kirchenhistoriker

Teil 1 der Gesprächsreihe mit dem evangelischen Theologen Hermann Peter Eberlein

Der Theologe Franz Camille Overbeck veröffentlichte 1873 sein Werk "Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie", in dem er die These vertritt, dass das Christentum der Kirchen nichts mehr mit dem ursprünglichen Christentum zu tun habe. Damit beeinflusste er unter anderem Philosophen und Theologen wie Karl Löwith, Walter Benjamin, Martin Heidegger und Karl Barth.

Hermann Peter Eberlein im Gespräch mit Rüdiger Achenbach

Joachim Meisner bei einem Ponitfikalamt zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 2003. Meisner kam 1989 auf Wunsch von Papst Johannes Paul II. als Erzbischof nach Köln. (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)
"Schon zu Beginn seines Studiums wurde deutlich, dass Overbeck damit, was die Theologie berufsmäßig hätte für ihn sein können als Pfarrer, nichts mehr anfangen konnte," meint Hermann Peter Eberlein. (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)
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Rüdiger Achenbach: Herr Eberlein, 1837 wurde Franz Camille Overbeck in Sankt Petersburg geboren und schon von Kindheit an verläuft sein Leben eigentlich völlig untypisch für einen deutschen Gelehrten des 19. Jahrhunderts.

Hermann Peter Eberlein: Ja, das ist in der Tat so, dass Franz Overbeck eine kosmopolitische Herkunft hat, die untypisch ist für den wilhelminischen protestantischen Theologen, der gemeinhin aus einem Pfarrhaus stammt und gut deutsch-national denkt und auch so erzogen worden ist. Overbeck ist Sohn eines englischen Kaufmannes deutscher Herkunft gewesen, der sich in Sankt Petersburg niedergelassen hatte. Die Mutter ist eine katholische Französin. Man hat den Jungen dann auf verschiedene Schulen geschickt, die auch von verschiedenen Kirchen getragen wurden. Religiöse Erziehung spielte dann kaum eine Rolle, weil das ein Bereich war, über den sich die Familie auch nicht streiten wollte. Diese mehrsprachige Herkunft, er hat von seiner Amme russisch, von der Mutter französisch, von der Großmutter deutsch und zu Hause dann auch noch englisch gelernt, wird dann später in seinem Leben auch wichtig werden, weil er - anders als viele seiner Zunft - immer im Kontakt bleiben wird mit der Literatur Frankreichs beispielsweise, die er sehr gut gekannt hat und zum Teil auch übersetzt hat.

Achenbach: Sie haben es gerade angesprochen, er ist in mehreren Sprachen aufgewachsen, lernt also auch verschiedene Kulturen kennen. Und auf der anderen Seite kommt er in Kontakt mit vielen Konfessionen. In Sankt Petersburg mit russisch-orthodox, dann in Frankreich schließt er sich einer anglikanischen Gemeinde an, die Mutter ist römisch-katholisch, der Vater lutherisch. Innerhalb dieser ökumenischen Erziehung tendiert er dann eher zum Protestantismus. Und er hat sogar den Wunsch Pfarrer zu werden.

Eberlein: Ja, das ist eine Entscheidung, die er sich am Ende seines Lebens selbst nicht mehr recht erklären kann, was ihn eigentlich zu diesem - auch in seiner Familie völlig ungewöhnlichen - Berufswunsch getrieben hat. Er schreibt dann an einer Stelle später mal darüber, dass es vermutlich so ein aufklärerisch-rationalistisches Pfarrerideal gewesen sein müsse, wie man das noch etwas aus Voßens Luise kennt, wo das so beschrieben wird, der Dorfpfarrer, der für seine Bauern und seine Dorfbewohner als moralische und sittliche Autorität wirkt. Er hat nach dem Besuch verschiedener Schulen - Sie sagten das schon - in Petersburg, Saint-Germain-en-Laye bei Paris und dann in Dresden, in Dresden so etwas wie eine Heimat gefunden und hat dann Theologie studiert in Leipzig. Aber schon in Leipzig aufhört mit dem bis dahin üblichen Abendgebet. Das ist für ihn später im Rückblick ein Zeichen dafür, dass er schon zu Beginn seines Studiums eigentlich mit dem, was die Theologie berufsmäßig hätte für ihn sein können als Pfarrer, nichts mehr anfangen konnte. Er konnte auch mit der Art lutherischer Theologie, die ihm da in Leipzig geboten wurde, nichts anfangen und hat dann noch in verschiedene Universitäten gewechselt, nach Göttingen und dann wieder zurück nach Leipzig, dann nach Berlin. Und hat später in Jena in Karl August von Hase einen Lehrer gefunden, der ihn gelassen hat. Einem auch ganz interessanten Mann, Burschenschaftler, mal in Gefangenschaft und nachher geadelt und ein sehr liberaler Herr, der ein wenig Kirchengeschichte auch unter ästhetischen Gesichtspunkten aus der Romantik kommend schrieb. Bei diesem sehr liberalen Mann, übrigens Urgroßvater von Dietrich Bonhoeffer, der ja im Dritten Reich in der Kirche ein ganz wichtig Stellung gehabt hat, bei diesem Mann also hat sich dann Franz Overbeck habilitieren können - im Fach der alten Kirchengeschichte – und hat dann eine ganze Reihe von Jahren bis 1870 in Jena als Privatdozent gelehrt. Das kann man sich so vorstellen, dass er gelegentlich auch eine Vorlesung gehalten hat bei einem einzigen Zuhörer an dessen Krankenbett. Das war alles noch nicht der Massenbetrieb von heute.

Achenbach: In der theologischen Wissenschaft steht Overbeck der sogenannten Tübinger Schule am nächsten. Was fasziniert ihn an dieser Richtung?

Eberlein: In dieser sogenannten Jüngeren Tübinger Schule, ausgehen von Ferdinand Christian Baur, ist es ein rein historischer Zugang zur Theologie.

"Er sollte so etwas sein wie eine Speerspitze des Liberalismus"

Achenbach: Das heißt also, die Methoden der Geschichtswissenschaft anwenden auf die Theologie.

Eberlein: Die Methoden der Geschichtswissenschaft, die sich ja damals gerade im Gefolge der Romantik sehr stark verfeinern und versuchen, auch dem jeweils individuellen, dessen was da untersucht wird, gerecht zu werden, diese Methoden werden angewendet. Das ist das, was Overbeck fasziniert hat. Er teilt diesen rein historischen Zugang zu den Quellen und hat auch seine Antrittsvorlesung dann später in Basel gehalten - und den Titel finde ich einfach charakteristisch - über Entstehung und Recht. Beides - Entstehung und Recht - eine rein historischen Betrachtung der neutestamentlichen Schriften in der Theologie. Also Theologie verstanden über diesen historischen Zugang.

Achenbach: Sie haben es gerade angesprochen, 1870 kommt dann der Ruf an die Universität in Basel. Was war der Hintergrund?

Eberlein: Basel war eine konservative Stadt, pietistisch, orthodox, beides irgendwo. Gleichzeitig aber eine Stadt im Aufbruch. Und es hat in Basel eine Richtung gegeben von freisinnigen Christen, die einen Repräsentanten suchten für ihre fortschrittlichen Ideen. Er sollte so etwas sein wie eine Speerspitze des Liberalismus, des theologischen Liberalismus, des theologischen Fortschritts.

Achenbach: Also man wollte auch an der Universität vertreten sein.

Eberlein: Auch um Studenten aus anderen Kantonen anzulocken und die Universität insgesamt etwas attraktiver zu machen. Und man kam dann auf Overbeck, weil das Feld der Geschichte zu dieser Zeit der Bereich war, wo sich die freie Forschung am ehesten entfalten konnte. Also lag es nahe einen Historiker zu nehmen. Als solcher, als Speerspitze des Fortschritts hat Overbeck dann allerdings seine Anhänger sehr schnell enttäuschen müssen. Er ist das nicht gewesen, was sie in ihm gesucht haben.

Achenbach: Das entsprach nicht seinem Naturell.

Eberlein: Er war ein in sich gekehrter Mann, der eigentlich sein Leben in individuellen Freundschaften gefunden hat, auch sehr spät geheiratet hat. Und er war ein Mann, der nicht gerade publikumswirksam war, was die Attraktivität bei Studenten anging. Es gibt Berichte, von den Schülern, die er gehabt hat, die beschreiben, wie tonlos und wie langweilig er im Grunde vorgetragen hat. Damit konnte man keine Kirchenpolitik machen.

"Kampf gegen das Bildungsphilistertum"

Achenbach: In Basel kommt es dann ja auch zu einer persönlichen Begegnung mit Friedrich Nietzsche. Ja, eigentlich war es sein Kollege an der Universität.

Eberlein: Ja, durch Zufall. Zunächst einmal, die beiden wohnen schlicht und ergreifend als Junggesellen im selben Haus. Dieses Haus nennen sie dann nach der späteren Besitzerin "Baumannshöhle". Sie wohnen da möbliert, Overbeck unten, Nietzsche oben, und daraus entwickelt sich dann so etwas wie eine Wohngemeinschaft, würde man heute sagen. Man isst zusammen, verbringt die Abende zusammen. Und es kommt zu einem regen, auch geistigen Austausch über politische Fragen, über Fragen, die Nietzsche interessieren, der Bildung und der Kultur und auch über Fragen des Christentums. Diese Frage nach der Religion ist für Nietzsche, wie ich denke, eigentlich erst durch Overbeck dann wieder in den Gesichtskreis gekommen. Er hat sich ja vorher sehr stark mit der Antike beschäftigt, in seinem Fach der klassischen Philologie. Der Bereich des Religiösen ist in dieser Phase seines Lebens eigentlich sehr stark in den Hintergrund getreten.

Achenbach: Obwohl er ja auch mit der Theologie sein Studium begonnen hat.

Eberlein: Ja, aus der Tradition heraus, des Pfarrhauses, aus dem er stammt und vielleicht auch ein wenig, um der Mutter zu gefallen. Er hat das ja sehr schnell aufgehört und ist danach ganz in der griechischen Kunst aufgegangen. Overbeck bringt ihm das dann etwas wieder nahe. Und es kommt in den folgenden fünf Jahren dieser Wohngemeinschaft, von 1870 bis 1875, wie gesagt zu einer sehr engen Beziehung der beiden, zu etwas, was sie auch Waffengenossenschaft nennen. In einem gemeinsamen Kampf gegen das, was Nietzsche Bildungsphilistertum nennt. Und in einem Aufbrechen der allzu selbstverständlichen Harmonien der Zeit zwischen Christentum und Kultur, zwischen Bildung und Nation, all diese Verbindungen werden von diesen beiden damals noch jungen Männern infrage gestellt. Das führt dann ja auch zu literarischen Ergebnissen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Hinweis: Die Gesprächsreihe mit Hermann Peter Eberlein ist eine Wiederholung.

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