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StartseiteStreitkulturBraucht Demokratie Heldinnen und Helden?05.10.2019

Franziska Martinsen vs. Ulrich BröcklingBraucht Demokratie Heldinnen und Helden?

Helden kennen wir aus der Antike, aus dem Kino und der Comicliteratur. In unserer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft sind sie fehl am Platz. Oder vielleicht doch nicht? Könnten Helden helfen, die Krise der Demokratie zu überwinden? Darüber diskutieren Franziska Martinsen und Ulrich Bröckling.

Moderation: Michael Köhler

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Montage der drei Frauen. (v.l.n.r. Imago / Frederic Kern / Till M. Egen / gettyimages / Lars Niki)
Sind Greta Thunberg, Carola Rackete oder Alexandria Ocasio-Cortez Heldinnen? (v.l.n.r. Imago / Frederic Kern / Till M. Egen / gettyimages / Lars Niki)
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Die Demokratie steckt in einer tiefen Krise. Demokratiemüdigkeit und Verunsicherung in einer schwierigen, komplexen, globalisierten Welt führen mancherorts zu einer autoritären Politik der starken Hand. Beispiele sind die USA, Ungarn, die Türkei und Russland.

Aber auch in anderen Ländern ist der Populismus auf dem Vormarsch. Grundrechte wie die Pressefreiheit sind bedroht. Die unabhängige Justiz ist in Gefahr. Intoleranz wird salonfähig. Reichen angesichts eines schleichenden Verfallsprozesses die selbstregulierenden Kräfte der Demokratie? Oder braucht sie Vorkämpfer und Verteidiger, die sich mutig für sie einsetzen und andere zum Mitmachen motivieren?

Auf die Feststellung "Unglücklich das Land, das keine Helden hat" lässt Bertolt Brecht den von der Inquisition verfolgten Forscher Galilei antworten:"Unglücklich das Land, das Helden nötig hat". Was ist richtig?

Franziska Martinsen ist Privatdozentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Hannover und Fellow am Käte Hamburger Kolleg "Recht als Kultur" in Bonn. Sie ist Mitherausgeberin des Handbuches "Radikale Demokratietheorie", erschienen 2019 im Suhrkamp Verlag.

"Im Begriff des Helden, selbst wenn man ihn auf weibliche Heroinnen ausdehnt, stecken doch sehr problematische Männlichkeits- und vor allem Hierarchievorstellungen. Der Held oder die Heldin ist das Außergewöhnliche, das Nicht-Alltägliche. Es ist in der griechischen Antike deutlich geworden: Es sind Halbgötter, die das eigentliche emanzipatorische Versprechen der Demokratie, nämlich auf Freiheit, auf Gleichheit, auf Handlungsoptionen und gerne auf Selbstverwirklichung für alle, dann doch konterkarieren. Ich würde dagegen sagen, Demokratie ist nicht nur ein Versprechen, sondern vor allem eine Aufgabe, eine unendliche Aufgabe, die die Kraft aller braucht – und zwar auf Augenhöhe. Denn es ist genau der Aushandlungsprozess, wer eigentlich in der Demokratie mitmachen darf, mitmachen sollte. Und das sollte nicht irgendwie den heroischen Figuren überlassen werden."

Ulrich Bröckling ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Kultursoziologie an der Universität Freiburg. Er schreibt gerade ein Buch über "postheroische Helden", das im Frühjahr 2020 erscheinen wird.

"Die Demokratie braucht zweifellos Vorkämpfer, um sie überhaupt zu Wege zu bringen. Und sie braucht auch Verteidiger. Die Demokratie ist kein Selbstläufer. Aber Helden sind doch etwas anderes. Mit Helden verbindet man dieses Moment der Überlegenheit, der Ungleichheit. Mit Helden verbindet man dieses Moment der Transgression, der Regelverletzung, auch die Nähe zur Gewalt. Und all das, denke ich, brauchen Demokratien nicht. Man könnte vielleicht sagen, Demokratien brauchen Helden, aber wenn sie sie brauchen, dann brauchen sie sie so, wie der Junkie den nächsten Schuss braucht. Es ist ein Problem mit den Helden, und die Helden verweisen auf ein Problem, das Demokratien haben, sie verweisen auf eine Krise der Demokratie, aber sie sind kein Beitrag zu deren Lösung."

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