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StartseiteBüchermarktDer Krimi zum Strache-Skandal31.05.2019

Franzobel: "Rechtswalzer"Der Krimi zum Strache-Skandal

Wien, im Jahr 2024: Eine neue Partei beherrscht das Land. Ein Kommissar ermittelt in einem Mordfall, der ihn zu Filz, Amtsmissbrauch und schließlich zu einer monströsen Verschwörung der Regierung führt. Eine beißende Krimifarce über die politischen Verhältnisse in Österreich.

Von Kirsten Reimers

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Zu sehen ist der Autor Franzobel und sein Roman "Rechtswalzer" (Autorenfoto: Georg Buxhofer, Cover: Paul Zsolnay Verlag)
Politik ist ein wesentlicher Bestandteil vieler aktueller Krimis aus Österreich (Autorenfoto: Georg Buxhofer, Cover: Paul Zsolnay Verlag)

Österreich 2024, eine neue Partei ist an der Macht: LIMES. Eigentlich ist sie mehr als eine Partei: Sie ist eine Volksbewegung und eine Organisation, die sich in jede staatliche Institution hineinbohrt und die Gewaltenteilung aufhebt. Ihr Logo ist ein Steinkreis auf gelbem Grund, in dessen Mitte sich Hammer und Füller kreuzen. Ihre Slogans lauten: "Wir für Euch" und "Wir sind das Volk". Die neue Regierung vertritt ein straffes Law-and-Order-Programm. LIMES – die Partei für den "wahren Sozialismus", wie sie sich selbst nennt – versteht sich als weder links noch rechts, sondern ist in erster Linie antiislamistisch.

"Die neue Regierung hatte nicht bloß eine Wahl gewonnen, sondern die Macht ergriffen und damit begonnen, den Staat nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Das, was die türkis-blaue Regierung ein paar Jahre zuvor angedacht hatte, wurde von LIMES in Windeseile umgesetzt: neue Verfassung, ein nationales Glaubensbekenntnis, jede Beleidigung staatlicher Symbole wurde bestraft, alle Medien hatten sich gegenüber einer Regierungsbehörde zu verantworten, Sozialhilfeempfänger mussten gemeinnützige Arbeit verrichten, Kinder von Flüchtlingen kamen in Erziehungslager."

In den Mühlen der Justiz

Für das österreichische Bürgertum hat sich jedoch wenig verändert. So sieht es auch Malte Dinger. Dinger ist Geschäftsmann, Mitte dreißig und ziemlich selbstgerecht. Er hält sich selbst für einen guten Menschen, schließlich spendet er für die Entwicklungshilfe, hatte im Jahr 2015 monatelang zwei syrische Asylbewerber beherbergt, boykottiert Großkonzerne und trennt seinen Müll. Den Widerstand, der sich gegen LIMES regt, hält er für übertrieben:

"Von der Wiedereinführung der Todesstrafe war die Rede, von Umerziehungslagern, nationaler Größe, Stolz und Ehre. Aber nein, dem Durchschnittsmenschen ging es heute besser, gab es doch Steuererleichterungen, Familienförderung, weniger Arbeitslose, höhere Zinsen, billigere Zigaretten. Ein Geschäftsmann wie Malte konnte davon nur profitieren. LIMES gab den Leuten Selbstbewusstsein, Stolz. Die Werte des christlichen Abendlandes wurden wieder großgeschrieben."

Dingers Einstellung ändert sich, als er in die Mühlen der Justiz gerät. Wegen einer vergessenen Monatskarte wird er als Schwarzfahrer festgehalten und durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle und ausnehmend ungeschickten Verhaltens verhaftet. Von nun an geht schief, was schief gehen kann. Dinger verliert alles: Geschäft, Ehefrau und Sohn, und er landet wegen einer Mordanklage hinter Gittern. Ein moderner Hiob, den nicht einmal der Glaube retten kann.

Bizarrer Showdown beim Opernball

Parallel dazu löst Kommissar Falt Groschen einen bizarren Mordfall in Wien, der ihn in einen Filz aus Korruption, mafiöse Verstrickungen und Amtsmissbrauch führt und schließlich auch zu einer ungeheuren Verschwörung, einem monströsen Verbrechen, hinter dem die neue Regierung steht.

Währenddessen wird der Überwachungsstaat ausgebaut, und kritische Geister werden wortwörtlich mundtot gemacht. Österreicher mit migrantischem Hintergrund verlassen das Land, die Wirtschaft beginnt zu bröckeln, doch darüber darf die gleichgeschaltete Presse nicht berichten. Stattdessen setzt die Regierung auf Sportveranstaltungen, Erntedankfeste und Umzüge.

An verschiedenen Ecken der Gesellschaft beginnt sich Widerstand zu formieren, dessen Motive jedoch sehr unterschiedlich sind. Alles läuft auf einen Showdown auf dem Wiener Opernball hinaus, den die Regierung als pompöse Propagandaveranstaltung nutzen will. Am Abend des Balls krachen die Gegensätze aufeinander: Linke Aktivisten, georgische Killerkommandos, Neonazis, Undercoveragenten und Exhibitionisten treffen auf aufgetakelte Ballbesucher – während in der Loge des österreichischen Staatschefs Geert Wilders, Marine Le Pen, Viktor Orbán, Matteo Salvini, Alexander Gauland und verschiedene weitere neue rechtsextreme Staatenlenker auf das Ende Europas anstoßen. Der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Manchmal witzig, manchmal geschmacklos

"Rechtswalzer" von Franzobel ist eine ätzende Krimifarce, die nur in der Katastrophe enden kann. Es gibt zwar Verbrechen, doch an deren Aufklärung ist niemand interessiert, im Gegenteil: Die Regierung nutzt ihre Macht, um dies zu vereiteln. Franzobel schreibt mit beißendem Witz, manches ist mehr als geschmacklos, anderes so treffend in der Überzeichnung, dass es unheimlich ist. Eingebettet in ein weitreichendes Netz von Anspielungen auf tatsächliche Personen und Ereignisse, schafft das eine beunruhigende Aktualität. Franzobels Sprachgewalt ist unbestritten, wirkt wegen des Willens zum Wortwitz mitunter allerdings manieriert.

Es kommt kein einziger Mensch in diesem Roman gut weg. Der österreichische Autor zeigt die schleichende Aushöhlung der Demokratie, was die Bevölkerung jedoch ungerührt lässt, solange sie nicht betroffen ist und von Steuererleichterungen profitiert. Nur aufmucken darf man halt nicht.

Kriminalromane als Literatur der Krise

Franzobel steht mit seiner scharfzüngigen Gesellschaftsanalyse nicht allein. Vor wenigen Monaten schilderte Gudrun Lerchbaum in ihrem Kriminalroman "Wo Rauch ist", wie schnell die Stimmung in Österreich ins Totalitäre kippen könnte. Im vergangenen Jahr schuf Max Annas mit dem Krimi "Finsterwalde" eine Dystopie, die Deutschland als Überwachungsstaat unter einer rechtspopulistischen Regierung zeigt. Christine Lehmann nimmt mit ihrem aktuellen Kriminalroman "Die zweite Welt" die Misogynie und den Hass auf alles Unbekannte auf, die in der deutschen Gesellschaft brodeln.

Vier Kriminalromane, die explizit auf politische Entwicklungen eingehen – und sie sind nicht die Einzigen. Woher kommt das Interesse an gesellschaftskritischen Fragen im Krimi? Ist der Krimi politisch?

Für Else Laudan vom Hamburger Argument Verlag lautet die Antwort darauf ganz klar ja. Sie verlegt seit 30 Jahren politische Kriminalliteratur. Explizit politische Krimis, so Laudan, würden zu jeder Zeit von guten Autorinnen und Autoren geschrieben, es gäbe aber Phasen, in denen dies stärker sichtbar würde, weil es beim Lesepublikum auf ein größeres Interesse träfe.

In solchen Zeiten begännen auch große Konzernverlage, politische Krimis in ihr Programm aufzunehmen – und das sei derzeit der Fall. Else Laudan beobachtet ein Erstarken des politischen Kriminalromans in großen wie kleinen Verlagen seit ungefähr 2010, seit in Deutschland die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise zu spüren sind. Hilft denn der Kriminalroman, um Krisen – gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische Krisen – besser zu verstehen?

"Auf jeden Fall. Krimi ist die Literatur der Krise, das ist ja auch  eigentlich schon naturgemäß in seiner Form angelegt. Wobei insbesondere in der Form, die eben auch in den Dreißigern entstanden ist, also der Ermittlungskrimi, der nicht annimmt -wie der klassische Landhauskrimi der Zwanziger-, dass die Welt heil ist, ein Verbrechen geschieht und sie wieder heilgemacht werden muss durch die Ermittlung, sondern der Krimi, der davon erzählt, inwiefern das tatsächlich hartnäckige Verfolgen von Mord und Totschlag und Verbrechen immer zum Geld führt, immer zum System führt, immer zu den Verhältnissen führt."

Else Laudan geht davon aus, dass Kriminalliteratur per se politisch ist – und dies nicht allein in Deutschland oder Europa. Krimikritiker Thomas Wörtche stimmt ihr zu:

"Der Kriminalroman ist ja schon immer und auch in seinen trivialsten Ausprägungen immer politisch, weil er einfach sozusagen die Schnittstelle von öffentlichem Interesse und Privatem bearbeitet – und die ist natürlich politisch. Also selbst der dümmste deutsche Gemüsekrimi ist irgendwo politisch. Dass in vielen Gegenden dieser Welt einfach die Großwetterlage so ist, dass man Politik gar nicht ausschließen kann und der Kriminalroman, der sich als Kerngeschäft ja schließlich mit Verbrechen, Gewalt herumschlägt, dafür das geeignete Erzählmuster ist, das scheint mir evident zu sein."

Politik wesentlicher Bestandteil von Krimis

Thomas Wörtche ist Herausgeber von Kriminalromanen im Suhrkamp Verlag und war Kurator der Tagung "Global Crime", die Anfang des Jahres in Frankfurt am Main ausgerichtet wurde von der Litprom, der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Gerade in Lateinamerika und Afrika, so Wörtche, wären Kriminalromane als politische Literatur traditionell Bestandteil des literarischen Diskurses. Auch in Japan würden seit den zwanziger, dreißiger Jahren Kriminalromane geschrieben. Neu sei allerdings, dass auch in Südkorea, Hongkong und in der Volksrepublik China, inzwischen sogar in Pakistan Kriminalromane erscheinen. Während in Afrika und Lateinamerika Politik im Krimi explizit thematisiert würde, geschehe dies in China und Südkorea eher implizit über die Hinterfragung gesellschaftlicher Werte und Phänomene.

Politik ist also wesentlicher Bestandteil des Krimis, und das weltweit. Allerdings – und darin sind sich Else Laudan und Thomas Wörtche einig – dürfe darüber nicht das Ästhetische vergessen werden. Gute politische Kriminalliteratur sei keine littérature engagée, keine platte Tendenzliteratur, sondern vor allem Literatur, die mit Mitteln der Literatur ihre Themen und ihre Intentionen transportiere.

Franzobel: "Rechtswalzer", Zsolnay Verlag, Wien. 413 Seiten, 19 Euro / Hörbuch (gekürzte Fassung) gelesen von Robert Reinagl, Lübbe Audio, Köln. 554 Minuten, 8 CDs, 20 Euro

Gudrun Lerchbaum: "Wo Rauch ist", Argument Verlag mit Ariadne, Hamburg. 285 Seiten, 13 Euro

Max Annas: "Finsterwalde", Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. 397 Seiten, 20 Euro

Christine Lehmann: "Die zweite Welt", Argument Verlag mit Ariadne, Hamburg. 253 Seiten, 13 Euro

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