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StartseiteCampus & KarriereFranzösische Karrierefrauen kriegen Kinder08.11.2003

Französische Karrierefrauen kriegen Kinder

Frankreich erlebt Babyboom

Die kleine Lola ist eines von 1850 Babies, die jedes Jahr im Pierre Rouques-Krankenhaus im elften Pariser Arrondissement geboren werden. In wenigen Monaten wird sie in denselben Kinderhort gehen wie ihre große Schwester, die inzwischen zwei Jahre alt ist. Dass die ganztägige Trennung von der Mutter schädlich sein könnte, ist der 37jährigen Grafikerin Anne noch nie in den Sinn gekommen:

Martina Zimmermann

In Frankreich kommt der Klapperstorch vergleichsweise oft (AP)
In Frankreich kommt der Klapperstorch vergleichsweise oft (AP)

Meine Tochter Rena ging mit einem Jahr zehn Tage lang allein zu ihrer Großmutter. Für uns war das eine Erholung, und für sie auch. Das ist sehr wichtig für das Kind, daß es merkt, daß es eine größere Familie gibt. Sie ist auch mit ihrem Vater alleine weggefahren. Der Vater war ein bisschen in Panik, sie war noch kein Jahr alt. Aber es ist doch wichtig, das zu machen. Das Kind ist so nicht exklusiv an die Mutter gebunden, das wäre falsch.

Die Französinnen sind Europameister im Kinderkriegen. Die ersten Zahlen von diesem Jahr bestätigen den Babyboom, der 1995 begann und im Jahr 2000 einen Höhepunkt erlebte. Von allen europäischen Ländern hat Frankreich die höchste Fruchtbarkeitsquote - statistisch gesprochen bringt jede Französin in ihrem Leben 1,89 Kinder zur Welt. Liegt es daran, daß die Entscheidung zum Kind für die Französinnen keinen Verzicht auf die Karriere bedeutet? Kinder werden vom zarten Babyalter an auch vom Staat in Obhut genommen, die Vorschule – ab drei ist ein Platz garantiert - und die Grundschule funktionieren ganztags, von morgens um halb neun bis abends um sechs.

Die 27jährige Psychologin Annabelle brachte ihre Tochter Marion nach den zehn Wochen Schwangerschaftsurlaub zu einer Tagesmutter, bis sie einen Krippenplatz hatte. Die Vorstellung, daß ein kleines Kind den ganzen Tag zur Mutter gehört, gibt es in Frankreich kaum. Seit 1887 gibt es Vorschulen, in denen junge Franzosen im Sinne der Republik erzogen werden. So hat auch Annabelle keine Sorge, daß die Trennung von der Mutter dem Kleinkind schaden könnte:

Für das Kind ist das nicht traumatisierend, wenn man ihm gut erklärt, daß man es abends wieder abholt. Es ist eine gute Sache, daß es andere Leute kennt und mit anderen Kindern zusammen ist. Es ist wichtig, sich in die Gesellschaft einzugliedern und zu lernen, mit anderen auszukommen. Immer nur mit der Mutter zusammen zu sein, bis zur Kinderschule womöglich, ist nicht unbedingt gut für das Kind, weil es auch eine gewisse Unabhängigkeit erlangen muss.

So spricht die Mutter, und die Psychologin. Es gibt in Frankreich rund 220 000 Kinderkrippen, die Babies ab zwei Monaten aufnehmen. Die französische "maternelle", die Vorschule, nimmt Kinder ab zwei, ab drei Jahren ist ein Platz garantiert. Anne meint:

Die Vorschule ist doch etwas recht tolles. Denn da geht es recht frei zu, ohne Noten, ohne Hausaufgaben, ohne Ergebnis, und gleichzeitig werden sie da geistig stimuliert, sind mit anderen Schülern zusammen, machen Reisen. Und außerdem ist das umsonst. Das gehört zum Leben des Viertels und man lernt andere Eltern kennen.

Und auch die richtige Schule funktioniert ganztags, von halb neun bis um halb fünf; bis 18 Uhr können die Kinder in der Schule zum Spielen oder zur Hausaufgabenbetreuung bleiben. In Frankreich können Ausgaben für die Kinderbetreuung steuerlich abgesetzt werden. Es gibt für beide Eltern einen Kinderbonus aber kein Ehegattensplitting, also keine subventionierte Hausfrauenehe wie in Deutschland. Anne gibt gleich noch einen Tip: Die französische Eisenbahngesellschaft SNCF bringt Kinder für rund 75 Mark an jeden beliebigen Ort, mit einer Betreuerin, die im Kinderabteil die lieben Kleinen mit Malstiften und Spielen versorgt. Während die deutsche Lufthansa für allein fliegende Kinder einen Aufpreis verlangt, fliegen Vierjährige bei Air France zum billigeren Kindertarif – ohne Begleitung. Frankreich ist kinder – und mütterfreundlicher.

Der Mutterschutz beträgt übrigens sechs Wochen vor und zehn Wochen nach der Geburt - zwei mehr als in Deutschland. Väter können seit neuestem zur Geburt eines Kindes ebenfalls Babyurlaub nehmen, zwei Wochen.

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