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StartseiteKalenderblattAblehnung jeder Autorität24.08.2016

Französischer Chansonnier Léo FerréAblehnung jeder Autorität

Léo Ferré hob das französische Chanson in den Rang der Kunst, brach mit allen Klischees und Konventionen. Er konnte aus einem Gedicht von Rimbaud ein viertelstündiges Orchesterwerk machen. Er schuf Musik von zeitloser Schönheit. Vor 100 Jahren wurde er geboren, sein Werk ist auf mehr als 40 Alben dokumentiert.

Von Karl Lippegaus

(picture alliance / dpa / AFP)
Der französische Komponist und Chansonier Léo Ferré bei einem Auftritt im französischen Bourges am 11.4.1985. Er wurde am 24. August 1916 in Monte Carlo geboren. (picture alliance / dpa / AFP)
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In der harten Faust die Liebe

Der Chansonsänger und Komponist Léo Ferré stammte wie so viele Rebellen aus großbürgerlichen Verhältnissen. Geboren wurde er am 24. August 1916 in Monte Carlo. Sein Vater war Personalchef des Casinos und der Sohn erhält eine streng christliche Erziehung, acht Jahre in einem Internat in Italien, unter denen er sehr gelitten hat. Früh regt sich der Geist des Anarchisten. "Ni Dieu Ni Maitre" – weder Gott noch Meister – so nennt der Solitär später eines seiner bekanntesten Chansons.

"Ablehnung jeder Autorität, woher sie auch kommt. So nobel wie die Liebe. Die Anarchie ist der politische Ausdruck der Enttäuschung."

"Göttliche Anarchie, anbetungswürdig, du bist kein System, keine Partei, keine Referenz, sondern ein Seelenzustand. Die einzige Erfindung des Menschen bist du, sowohl seiner Einsamkeit wie auch das, was ihm an Freiheit noch bleibt. Das Brot des Poeten."

Als Kind imaginäre Orchester dirigiert

Nach dem Abitur verweigert ihm der Vater ein Musikstudium und er belegt vier Jahre politische Wissenschaften in Paris. Doch Léo sah sich immer als Musiker; schon als Kind hatte er auf der Straße imaginäre Orchester dirigiert, und sein größtes Idol wurde Ludwig van Beethoven. In Konzerten und bei Proben hatte er schon als Kind staunend Toscanini und Ravel erlebt.

"Ich war vier bis fünf Jahre alt und Musiker, ohne es zu wissen. Einmal traf ich eine alte Freundin meiner Mutter, die sagte: 'Weißt du noch, wie du auf der Straße gespielt und die Orchester dirigiert hast?' Ja, ich erinnerte mich. Ich dachte damals, alle seien wie ich. Die Leute würden zur Arbeit gehen, nach Hause kommen, essen, Orchester dirigieren und dann ins Bett gehen."

Der künstlerische Erfolg ließ lange auf sich warten. Er komponierte Oratorien und ein Ballett, eine Oper, eine Sinfonie sowie andere Werke in klassischem Stil. Über seine Internatszeit schrieb er eine fiktive Autobiografie; tief verletzt über ihren Misserfolg schrieb er danach nie wieder ein Buch. Über 350 Chansons hat er verfasst und wird in einem Atemzug genannt mit Jacques Brel und Georges Brassens genannt. In Frankreich gilt Léo Ferré als einer der größten Dichter aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

"Ein Poet grollt, und das stört die 'braven Bürger'. In seinem Grollen stellt er unsere conditio humana infrage. In Wahrheit sind die Dichter gar keine richtigen Menschen. Sind sie dann Engel? Warum nicht?"

Sarkastisch, sexistisch, spöttisch

Ferré war ein unermüdlicher Vermittler. Fast noch wichtiger als die eigenen Chansons sind für sein Oeuvre die Vertonungen der Lyrik Rimbauds und Baudelaires, Apollinaires und Aragons. Ihre Gedichte legte er sich aufs Klavier, improvisierte und sprach sie so lange vor sich hin, bis sie für ihn zu singen begannen.

"Man kann alles vertonen. Auf zehn verschiedene Arten. Aber ich habe mir das immer untersagt."

Man könnte sagen: Chez Ferré les mots se marient avec les notes - die Worte feiern Hochzeit mit den Noten.

"Rimbaud hat den Notausgang genommen. Er wusste, hinter dieser Tür war das "wahre Leben"."

Ferré war ein extrem schwieriger und widersprüchlicher Zeitgenosse, er konnte eitel und arrogant sein, nachdenklich und unberechenbar, sarkastisch und sexistisch, spöttisch und antimilitaristisch. Bei Ferré dreht sich alles um Leben und Tod, um Glück und Verzweiflung, um Liebe und Trennung. Schwer vorstellbar, dass Hörer, die seine Texte nicht verstehen, seinen Chansons mehr abgewinnen können als den bloßen Oberflächenreiz und das Pathos.

"Ich habe das Privileg, am Rande zu leben. Der Künstler lebt was er tut, und ist wahrlich der letzte freie Mensch. Kein Teil der offiziellen Gesellschaft. Der Andere, der frisst euch auf. Ich warte ab, ich will nicht gefressen werden. Auch die, die euch lieben, dringen in euch ein und kratzen da herum. Schrecklich. Nicht mit mir."

Auf mehr als 40 Alben ist sein Schaffen dokumentiert, die Früchte einer 46-jährigen Karriere.

Am 14. Juli 1993 ist Léo Ferré in der Toskana gestorben.

"Ich gebe euch meine Stimme und dann all meine Violinen / Wisst ihr, wer ich jetzt bin? / Der Wind, ich bin der Wind."

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