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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas frische Gesicht, das den Genossen fehlt31.10.2019

Frau Doktor GiffeyDas frische Gesicht, das den Genossen fehlt

Die Freie Universität Berlin habe sich mit ihrer Entscheidung, ob Familienministerin Franziska Giffey ihren Doktortitel weiter tragen dürfe, zwei Monate zu lange Zeit gelassen, kommentiert Frank Capellan. Mit ihr als Kandidatin wäre die Abstimmung für den SPD-Parteivorsitz anders gelaufen.

Von Frank Capellan

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Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (imago / phototek)
Darf ihren Doktortitel behalten: Familienministerin Franziska Giffey (imago / phototek)

Hätte, hätte Fahrradkette – hat mal ein berühmter Sozialdemokrat gesagt. Peer Steinbrück, als er noch glaubte, Kanzler werden zu können. Hätte, hätte die Freie Universität doch mal früher entschieden, Franziska Giffey wäre dann so gut wie … SPD-Vorsitzende. Jung, weiblich, ostdeutsch, die Zupackerin aus Brandenburg wäre genau das frische Gesicht, das den Genossen fehlt. Mit charismatischen Persönlichkeiten, die Menschen ansprechen können, sind die Sozialdemokraten derzeit wirklich nicht reich gesegnet, auf die Frauen trifft das besonders zu. Kein Zufall, dass bei der bevorstehenden Stichwahl zuallererst von einer Entscheidung zwischen Olaf Scholz und Norbert Walter-Borjans gesprochen wird.

Die "gute Ministerin" wäre auch eine gute Kandidatin gewesen

Mit Giffey wäre das anders gewesen. Sie ist die Ministerin, die wie kaum eine andere dorthin geht, wo es brodelt und stinkt, wie es Sigmar Gabriel als Parteichef mal eingefordert hatte. Giffey kann auf Menschen zugehen, sie hört zu, sie diskutiert, sie gibt Antworten, schnörkellos, so dass Politik verstanden wird. Ihre unkonventionellen Gesetzesnamen sind natürlich auch PR in eigener Sache, aber sei's drum: unter "guten Kitas" kann sich eine Mutter eben eher etwas vorstellen als unter einem "Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Verbesserung der Teilhabe in Tageseinrichtungen und in der Kindertagespflege", wie sich das Ding im unsäglichen Bürokratendeutsch schimpft. Schade! Was die Prüfer an der FU monatelang prüften, warum sie der Ministerin jetzt eine Rüge erteilen, das Tragen des Doktortitels aber für in Ordnung halten, verstehe wer will – man hätte sich wirklich gewünscht, die Damen und Herren Experten hätten sich zwei Monate früher ein Urteil zugetraut. Und Giffey hätte das Risiko eingehen sollen, auch mit dem drohenden Titelverlust anzutreten. Es spricht aber für sie, dass sie nun nicht versucht, das Mitgliedervotum ihrer Partei zu übergehen und durch die Hintertüre Parteivorsitzende zu werden, das wäre mit einer Kandidatur auf dem Parteitag durchaus noch möglich. 

Giffey hält sich an demokratische Spielregeln, auch wenn die SPD angezählt ist

Genauso abwegig ist die Forderung an Klara Geywitz, wie Giffey eine Brandenburgerin, sie möge doch jetzt einfach zugunsten der Familienministerin verzichten. Mag ein Duo Scholz/Giffey noch so vielversprechend für die angezählte SPD sein: An demokratische Spielregeln hat sich die älteste Partei Deutschlands auch zu halten, wenn es um die eigene Führung geht! Giffey wird nun weiter für gute Kitas und starke Familien kämpfen, solange es die Koalition noch gibt. Danach kann sie ihrer SPD einen Dienst erweisen, wenn sie Michael Müller beerbt. Die Zeit des Regierenden Bürgermeisters an der Spree ist abgelaufen, eine wie Giffey könnte den Machtverlust vielleicht verhindern. Dazu sollte sie sich zeitig durchringen – damit es in der SPD nicht noch einmal heißt: Hätte, hätte, Fahrradkette.

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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