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StartseiteSport am WochenendeDie politischen Sportlerinnen der USA19.07.2020

Frauen-Basketballliga WNBADie politischen Sportlerinnen der USA

Immer mehr amerikanische Sportlerinnen wollen mehr tun, als mit Slogans die gesellschaftlichen Verhältnisse anzuprangern. Sie wollen ihren Worten Taten folgen lassen. Dass der Kampf um die Deutungshoheit im Sport in Amerika zunehmend von Frauen vorangetrieben wird, ist dabei kein Zufall.

Von Jürgen Kalwa

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Die US-Basketballerin Maya Moore schriebt Autogramme für ihre Fans.  (dpa / picture alliance / Anthony Souffle)
Die US-Basketballerin Maya Moore setzte sich dafür ein, dass ein unschuldig Verurteilter aus der Haft entlassen wurde (dpa / picture alliance / Anthony Souffle)
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Hymnen-Protest Eine Frage der Ehre

Es gibt kaum eine Basketballerin mit solchen Meriten wie die Amerikanerin Maya Moore. Sie war zweimal Weltmeisterin, zweimal Olympiasiegerin und mit den Minnesota Lynx insgesamt viermal Meister in der Profi-Liga WNBA.    

Doch irgendetwas an diesem Leben aus Titeln, Tamtam und Tingeltangel, abgefedert von den Millionen aus einem Vertrag mit dem größten Sportausrüster der Welt, hat Maya Moore nie wirklich erfüllt.

"Ich kenne einige Geschichten aus dem Umkreis meiner Familie, in denen Personen ungerechtfertigterweise verurteilt wurden. Unser Justizwesen hat versagt." 

Moore boxte einen unschuldig Verurteilten aus dem Gefängnis

Zunächst gründete sie eine spezielle Organisation – "Win With Justice". Dann nahm sie im letzten Jahr eine Auszeit vom Sport und engagierte sich besonders für einen Fall.

Mit Erfolg. Anfang Juli wurde der von ihr unterstützte Jonathan Irons, als Teenager fälschlich wegen Beihilfe zu einem Überfall zu 50 Jahren Haft verurteilt, freigesprochen und durfte das Gefängnis verlassen. Er hatte mehr als 20 Jahre in der Zelle gesessen.

Theoretisch hätte die 31-jährige seitdem wieder zum Basketball-Alltag zurückkehren können. Doch Moore lässt sich nicht unter Druck setzen.

"Ich lebe zum ersten Mal von Augenblick zu Augenblick. Und möchte mich jetzt erst mal ausruhen. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Im nächsten Frühjahr."

Vor einem Spiel gegen die Dallas Cowboys knien Eli Harold, Colin Kaepernick und Eric Reid (v.l.) während der Nationalhymmne, um gegen Rassismus zu protestieren (2.10.2016).  (dpa /picture-alliance)2016 begann Colin Kaepernick (Mitte) mit seiner Protestaktion während der Nationalhymmne, um gegen Rassismus vorzugehen (dpa /picture-alliance)

Extrem viel Politik im Spiel

Immer mehr schwarze Sportler*innen nutzen ihre enorme Popularität dazu, sich für gesellschaftliche Anliegen einzusetzen. Der Football-Profi Colin Kaepernick etwa wurde durch seinen stummen Hymnen-Protest zu einer Galionsfigur der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Maya Moore treibt ihr Anliegen noch konsequenter voran. Und sie ist nicht die einzige. Als vor ein paar Tagen die WNBA-Spielerinnen in die Sportakademie in Bradenton in Florida einrückten, wo sie bis Oktober unter Quarantäne-Bedingungen ihre Meisterschaft austragen, winkte auch Renee Montgomery ab – ein weiteres Top-Talent.

Der auf Video dokumentierte, brutale Tod von George Floyd im Gewahrsam der Polizei in Minneapolis hatte sie wachgerüttelt. Sie will sich mit Blick auf die Wahlen im November aktiv politisch engagieren.  

"Wie kann einen das kalt lassen, wenn du die 8 Minuten und 46 Sekunden gesehen hast? Ich weiß, dieses Problem löst sich nicht von alleine. Es braucht weiterhin ganz viel Aufmerksamkeit. Ich will etwas verändern. Das ist mir wichtig."

Also mehr tun, als nur Slogans auf T-Shirts und Trikots zu drucken, wie das die Spielerinnen beim Saisonbeginn der WNBA am kommenden Wochenende demonstrativ tun wollen. Eine Geste, die allerdings bereits wie ein Aufstand wirkt.

Der Fall Kelly Loeffler

Kelly Loeffler, die Mitbesitzerin von Atlanta Dream, dem Klub, bei dem Montgomery unter Vertrag steht, wandte sich mit einem Beschwerdebrief an die Führung der WNBA und legte in einem Fernsehinterview nach:

"Sport verfügt über die gigantische Kraft, uns zusammenzubringen. Die WNBA sympathisiert mit Black Lives Matter, einer Organisation, die es auf Spaltung abgesehen hat. Die auf der Basis marxistischer Ideen unser System im wahrsten Sinne des Wortes abfackeln will. Da musste ich Stellung beziehen. Und deshalb habe ich vorgeschlagen, dass wir uns gemeinsam hinter der amerikanischen Flagge aufstellen. Ein Symbol, das durch Kriege und Pandemien Bestand gehabt hat."

Loeffler ist keine anonyme Figur. Sie sitzt seit ein paar Monaten im Senat in Washington, steht ohne Wenn und Aber hinter Donald Trump, aber kämpft derzeit innerhalb der Republikanischen Partei in den Vorwahlen um ihre politische Karriere. Weshalb ihr Einspruch auch wie ein durchsichtiges politisches Manöver wirkte.

Die Liga wies den Einwurf zurück. Aber Spielerinnen, die gespürt haben, dass ihre Solidarität Gewicht hat, gehen längst einen Schritt weiter. Candace Parker, die in Atlanta spielt, verlangte den Rauswurf von Loeffler.

"Für jemanden wie sie gibt es in der Liga keinen Platz."

Fußballerin Megan Rapinoe kniet 2016 während der US-Hymne. (imago sportfotodienst)US-Fußballerin und Weltmeisterin Megan Rapinoe äußerte sich immer wieder politisch (imago sportfotodienst)
Jeder Schritt provoziert auch immer wieder einen Rückschritt 

Dass der Kampf um die Deutungshoheit im Sport in Amerika zunehmend von Frauen vorangetrieben wird, ist kein Zufall. Beispiele dafür, dass es sich lohnt, sich selbstbewusst gegen die Konventionen aufzulehnen, gibt es einige. Seien es bei den Fußball-Weltmeisterinnen oder den Eishockeyspielerinnen, die mit Verbänden um bessere Bezahlung im Clinch liegen.

In der WNBA, in der soeben ein neuer und bedeutend besser dotierter Tarifvertrag in Kraft trat, geht es für Liga und Spielerinnengewerkschaft inzwischen darum, ihre Rolle in der Gesellschaft deutlich zu machen: sie nennen ihre Plattform "The Justice Movement". Ihr Anliegen: soziale Gerechtigkeit.

Doch jeder Schritt provoziert offensichtlich auch immer wieder einen Schritt zurück. Beispiel WNBA: Eine der Aushängeschilder der Liga, Elena Delle Donne von den Washington Mystics, kämpft seit Wochen um eine Ausnahmegenehmigung. Sie würde gerne die Meisterschaftsrunde aussitzen, ohne gleichzeitig ihre Gehaltsansprüche zu verlieren.

Der Grund: Ihr Immunsystem ist aufgrund einer langjährigen Lyme-Krankheit geschwächt. Ihr Risiko, im Fall einer Covid-Infektion schwer zu erkranken, deshalb größer als bei anderen. Die Mediziner der WNBA lehnten ab.

Delle Donne wird in der kommenden Woche entscheiden müssen, ob sie antritt oder nicht.

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