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StartseiteKultur heuteFrauen für die Kurzoper04.11.2011

Frauen für die Kurzoper

Musiktheater-Uraufführungen beim Festival "Bonn Chance" und am Theater an der Wien

In der Musik wird vielleicht gar keine Frauenquote gebraucht. Denn dieser Tage sind so einige von Frauen komponierte Opern auf der Bühne: In Bonn wird ein Werk, das Karola Obermüller und Annette Schlünz mitkomponiert haben gespielt und das Theater an der Wien präsentiert Mini-Opern von Karmella Tsepkolenko und Johanna Doderer.

Von Frieder Reininghaus

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Marcela Rodríguez aus Mexiko-City kompilierte Brief- sowie Tagebuch-Passagen der Malerin Frida Kahlo und komponierte eine Suite von Kammermusik-Piècen dazu. Zur energischen Obertura windet sich die Sänger-Darstellerin leidend am Boden. Insgesamt erfüllt die Kammeroper alle Kriterien der Förderungswürdigkeit: Sie stammt von einer Autorin aus der Dritten Welt, ist in kostengünstigem kleinem Format gehalten, befasst sich mit einem Frauen- und Künstlerinnen-Schicksal anhand authentischer Dokumente einer besonders von Schmerzen heimgesuchten Revolutionärin. Im Zwinger 1 unterhalb des Heidelberger Schlosses wurde "Las cartas de Frida" als reine Frauen-Produktion präsentiert. Die das Monodram tragende Sopranistin Sybille Witkowski erhielt ein Double zugesellt. Das erschien konsequent: Das historische Vorbild Kahlo portraitierte sich auf knapp der Hälfte der von ihr geschaffenen Bilder selbst, gelegentlich doppelt. Und ostinate Rhythmen sorgen dazu für Drive.

Indem Marcela Rodríguez expressivere Schreckens-Gesten vermied, rückte sie Frida Kahlos unwirtliche Lebensumstände in ein vielleicht fast zu freundliches Licht. Das vermied die polyphone Annäherung an den in der Bonner Psychiatrie gestorbenen Komponisten Schumann bei der Bonner Uraufführung des Montage-Stücks "Robert S.", zu der fünf Kompositionsaufträge vergeben worden waren. Karola Obermüller, Annette Schlünz, Peter Gilbert, Georg Katzer und Sergej Newski schrieben neue Kammermusik, wie sie es allenthalben tun.

Der Regisseur Michael von zur Mühlen kontrapunktierte die abseitige Innerlichkeit des 13köpfigen Instrumentalensembles mit aktuellem Wahnwitz. Mit dem Spontan-Essayisten Julian Blaue bot er einen Selbstdarsteller auf, der seine Assoziationen aus sich heraus und in den mit Geschirr, Hausrat und Spielzeug vollgerümpelten Saal schleuderte - Sentenzen zu der von ihm gehassten "Kreativwirtschaft", zur Theaterklause, zu Google und zum Suizid im Rhein. Die (Auto-)Aggressionen dieses Stegreif-Schwadronierers näherten sich dem Schumannschen Wahnsinn: intensiv, exzessiv, maßlos. Das Unzulängliche und Unzugängliche, hier war's Ereignis: eine "Verhinderung über Kunst nicht nachzudenken".

Drei Kurzopern an einem Abend kredenzt von heute an das Theater an der Wien in der Kammeroper am Fleischmarkt - wegen eines Wasserschadens kann die "Hölle" am Naschmarkt nicht bespielt werden. Die Regisseurin Kristine Tornquist hat sie um den Solo-Darsteller Rupert Bergmann gruppiert, der nach stattlichen Erfolgen eine Halbzeitbilanz des Künstlerlebens ziehen wollte, und eine imaginäre Reise die Donau aufwärts von Transsilvanien nach Wien gerankt. Karmella Tsepkolenko komponierte einen Sketch mit einem ukrainischen Boris Godunow, den vor seinem Auftritt Selbstzweifeln befallen. Samu Gryllus aus Budapest steuerte mit an Bartók angelehnter Musik keine Blaubart-Variationen bei, sondern so etwas eine sprachkritische Studie. Jakob Scheid baute für sie einen großen Kunstkopf, aus dessen Augen-, Nasen- und Mundhöhle der Bassbariton vernehmen lässt, dass "die Ufer der Sprache glitschig" sind. Johanna Doderer, die keine Berührungsängste mit der Tonalität zeigt, präsentierte schließlich als dritte Solo-Szene mit Bergmann dessen Erörterung, warum er noch nie Papageno sein dürfte. Das war nett und heiter und bestens geeignet für den Familientag des Theaters an der Wien, bei dem auch die ganz kleinen zur kleinen Form eingeladen sind.

Im Vergleich der verschiedenen Kurz- und Klein-Opern von Komponistinnen, die seit einer Woche vom Niederrhein bis an die mittlere Donau neu angeboten werden, hinterließ das Bonner Projekt den nachhaltigsten Eindruck. Aber offenkundig eher wegen des grellen Theaters als wegen der so theaterfern ersonnenen neuen Kammermusik in seinem Kielwasser.

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